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Freitag, 27.1.2006

Weblogs: Keine "Klowände im Internet"

Fünf Experten diskutierten im Presseclub München über die Chancen und Risiken von Weblogs für die PR. 60 Zuhörer konnten eine spannende und lehrreiche Diskussion verfolgen.
Foto: Ulf J. Froitzheim
Foto: Ulf J. Froitzheim

München - Eigentlich klang es wunderbar, was Moderatorin Sabine Liberty eingangs berichtete: "Weblogs sind das neue Medium der Kommunikation. Jeder kann damit seine Meinung veröffentlichen." Liberty, stellvertretende Vorsitzende der Fachgruppe Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im BJV, belegte dies mit eindrucksvollen Zahlen: "Weltweit gibt es derzeit 15 Millionen Weblogs, täglich kommen zehn bis 20 Tausend hinzu". In Deutschland seien es derzeit zirka 200.000.

Was macht den besonderen Reiz dieser Kommunikationsform aus? PR-Blogger Klaus Eck konnte einiges aufzählen: "Blogs sind sehr schnell und einfach zu bedienen. Es bedarf keiner gedrechselten Worte, keiner Abstimmungsarien beim Publizieren". Besonders attraktiv sei es, dass in Blogs eine persönliche, authentische Meinung vermittelt werde. Vorteilhaft sei ferner, dass die Distribution der Inhalte über so genannte RSS-Feeds sehr effektiv und technisch unaufwändig erfolge. Zugleich wies Eck aber auch auf Nachteile dieser Meinungsfreudigkeit hin: "Wenn ich mich jetzt verspreche, steht's vielleicht gleich in einem Blog". Schon 100 bis 200 Meinungsmacher unter den Bloggern reichten, um eine negative Stimmung im medialen Raum zu erzeugen. Jeder Journalist sei damit sofort "auf dem Prüfstand", berichtete Eck, der selbst auch schon heftig in Blogs kritisiert wurde.

Wie sollen Betroffene in solchen Fällen reagieren? Keinesfalls so wie der Werbemann Jean-Remy von Matt, der sich kürzlich zu der Aussage "Blogs sind die Klowände des Internets" verleiten ließ, warnte Eck. Die Folge war eine Protestlawine im Netz. Ins Visier eines anonymen Bloggers gerieten 2005 der Bayerische Journalisten-Verband und sein Öffentlichkeitsreferent Alexander von Schmettow. "In einem Blog wurde über angebliche Missstände im BJV berichtet, die Kritik wurde zum Teil sehr persönlich", berichtete von Schmettow. Der Öffentlichkeitsarbeiter reagierte zurückhaltend: "Wir analysierten die Vorwürfe und erstellten intern ein Dossier, mit dem wir diese Vorwürfe sofort widerlegen hätten können". Das ominöse Blog erzeugte aufgrund seines anonymen Betreibers und seiner einseitigen Inhalte nur geringe Resonanz. Allerdings ärgerte sich von Schmettow über unschöne Google-Treffer zum BJV und seinem Namen. Eck empfahl daher regelmäßiges Screening von Blogs, beispielsweise über einschlägige Angebote wie Technorati, Blogstats oder Google-Alerts und -Blogsuche. "Was hätten Sie gemacht, wenn das Blog unter den Top 100 der Weblogs gelandet wäre", fragte der PR-Experte den BJV-Mann. "Dann hätte ich angefangen, mitzubloggen", antwortete von Schmettow.

Rechtsanwalt Peter F. Reinke riet zu Besonnenheit in solchen Fällen: "Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, die bestehenden Gesetze gelten weiter fort. Dennoch rate ich in solchen Fällen, sehr sorgfältig zu überlegen, ob ich juristisch dagegen vorgehen möchte". Im Extremfall bestehe die Gefahr, sich eher lächerlich zu machen. Bei der Herausgabe von Daten anonymer Blogger verschanzten sich die Provider hinter dem Datenschutzrecht und die "Begeisterung bei den Staatsanwaltschaften" sei dann "relativ gering", sagte der Rechtsanwalt. Von Schmettow brachte es auf den Punkt: "Die juristischen Mittel sollten möglichst im Waffenschrank bleiben".

Wie Weblogs für die eigene Arbeit eingesetzt werden können, zeigte der Münchner HNO-Arzt Jochen Reichel. Der Mediziner beschäftigt sich schon seit 1995 intensiv mit dem Internet und hält Blogs "für das Beste, was uns passieren konnte." Ob für Wissensvermittlung und -austausch mit Fachkollegen oder Patienten - Reichel betreibt seit einigen Jahren Weblogs und ist begeistert davon. Wenig begeistert seien indes die Fachverlage von dieser Publikationsform, ergänzte Reichel. Einen kreativeren Umgang mit Blogs forderte schließlich auch Klaus Eck. Als positive Beispiele für Blogs in der internen Unternehmenskommunikation nannte er BASF, Siemens und Südchemie: "Diese Angebote dienen dem Wissensmanagement und machen Wissensschätze sichtbar", sagte Eck. Wichtig sei es für die Mitarbeiter, die an solchen Blogs mitschreiben, dass das Unternehmen eine entsprechende Blogging Policy anbiete. Eck empfahl die öffentlich zugängliche "IBM Blogging Policy and Guidelines" (PDF-Datei, 6 Seiten, 79,1 KB).

Die Fragen aus dem Publikum, die sich oft um grundlegende Dinge drehten, aber auch die wenigen erwähnenswerten Beispiele für den Einsatz von Blogs in der PR (von Schmettow nannte das Frosta-Blog) zeigten, dass noch Wissens- und Nachholbedarf zu diesem Thema besteht. Die Veranstaltung bot einen guten Überblick und regte einige Besucher an, sich näher mit diesem "neuen Medium der Kommunikation" und seinen - vielleicht auch wunderbaren - Möglichkeiten in der PR und im Journalismus zu beschäftigen.

Literaturempfehlung
Arnold Picot, Tim Fischer (Hg.): Weblogs professionell. Grundlagen, Konzepte und Praxis im unternehmerischen Umfeld. dpunkt Verlag, 2005 (Eine Rezension finden Sie im "BJV report 2/2006).

Thomas Mrazek


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