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Montag, 28.6.2010
Unterwegs zwischen Korrumpierbarkeit und Selbstausbeutung
BJV diskutierte über das Berufsbild des Reisejournalismus
Text und Foto: Wolfgang M. Seemann
Text und Foto: Wolfgang M. Seemann
Über das Berufsbild des Reisejounalismus diskutierten Im Presseclub München (v. li): Karin Polz (Leiterin Sonderseiten bei der Passauer Neuen Presse), Hans-Werner Rodrian (SRT-Redaktionsbüro), Anke-Andrea Sponer (Tourismus Agentur Aviareps Tourism GmbH) und Ralph Beuth (stellv. Bezirksvorsitzender, BJV-München/Oberbayern)
Fremde Länder zu bereisen und darüber zu berichten gilt
als einer der attraktivsten Jobs, den der Journalismus zu
bieten hat. Doch Reisejournalismus birgt nicht nur einen
hohen Korrumpierbarkeitsfaktor. Die Bedingungen unter denen
Journalisten ihren Schreibtisch einmal verlassen können, um
in fernen Destinationen spannende Geschichten aufzuspüren,
grenzen oft an Selbstsausbeutung. Diese bittere Erkenntnis
vermittelten die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion der
Veranstaltungsreihe „Berufsbild Journalist“, die der
BJV-Bezirksverband München-Oberbayern am Montag, 28. Juni, im
Presseclub München veranstaltete.
Bei Regionalzeitungen bekommen Redakteure ihre
Teilnahme an einer Presse kaum mehr als Dienstzeit
angerechnet, berichtete Hans-Werner Rodrian, der in seinem
Münchner SRT-Redaktionsbüro unter anderem auch die
Reiseseiten der Abendzeitung betreut. Bestenfalls
noch könnten die Kollegen Überstunden abfeiern, anderenfalls
müssten Sie Urlaub nehmen, betätigte Karin Polz, Leiterin der
Sonderseiten bei der Passauer Neuen Presse. Dennoch
sollten die Kolleginnen und Kollegen die Einladung zu einer
Pressereise keinesfalls nur als ein bezahltes Urlaubszuckerl
ansehen. Ihr Blatt erwarte von den Mitarbeitern auch auf
solchen Reisen ein professionell journalistisches
Auftreten.
Dies entspreche allgemein auch dem Wunsch der zu einer
Pressereise einladenden Kunden, pflichtete Anke-Andrea
Sponer, Geschäftsfüherin der Tourismus Agentur Aviareps
Tourism GmbH., bei. „Unsere Kunden müssen ja auch auf die
Kostenbremse treten und möchten letztlich ihre Zielgruppe
erreichen“, so Sponer. Dies gehe nur über seriösen
Journalismus. Die Arbeit von Agenturen, die eine Destination
vertreten, gehöre noch zur Königsdisziplin der Reise-PR,
entgegnete Hans Werner Rodrian: „Airlines jedoch wollen
spätestens im dritten Absatz den Heckflügel ihrer Maschinen
durch die Reisereportage fliegen sehen“. Der Pressekodex, der
Journalisten dazu auffordert, die Fremdfinanzierung von
Reisen kenntlich zu machen, vereinfacht dies in der Praxis.
Sowohl in der Abendzeitung als auch in der
Passauer Neuen Presse würden die zu der Pressereise
einladenden Unternehmen außerhalb der eigentlichen Geschichte
entsprechend genannt, bestätigten die Referenten.
Mit unseriösen Angeboten von Agenturen, die für einen
erfolgreichen Abdruck Pressereisen für die ganze Familie mit
Kind, Hund und Kegel versprächen, hat Rodrian Erfahrung.
Woche für Woche filtere er aus den zahlreichen
Einladungsangeboten, diejenigen heraus die ihm seriös
erschienen und aus denen sich auch eine interessante Story
ergeben könnte. Diese reiche er an die AZ-Chefredaktion
weiter, die diese dann unter den Redakteuren verteilten. „Ich
würde keine Pressereise weitergeben, wenn ich die daraus
resultierende Geschichte nicht auch drucken wollte“,
versicherte Rodrian.
In der von Ralph Beuth, stellvertretender Vorsitzender
des BJV-Bezirksverbands München-Oberbayern, spannungsreich
moderierten Diskussion wurde deutlich: Reiseteile der
Tageszeitungen haben in Umfang und Qualität stark
nachgelassen. Das Überangebot an kostenlosem Content
fördere den Hobbyjournalismus und mache es insbesondere
freien Journalsiten zunehmend schwer, ihre Reisegeschichten
zu finanzieren und in den Medien unterzubringen. Dennoch
waren sich die Referenten drüber einig, dass gute und
spezialisierte Reisejournalisten sich in ihrem immer
schwieriger werdenen Markt auch weiterhin noch werden
behaupten können.

