Bayerischer Journalisten-Verband e.V.

Direkt springen zu:
Hauptnavigation:

Nachrichten

Montag, 15.10.2007

„Einen Pudding an die WWWand nageln“

Themenabend „Qualität im Journalismus“ im Presseclub München
Thomas Mrazek mit Moritz Stranghöner (li.); Zoom: Don Alphonso (li.), Peter Orzechowski (re.)
Thomas Mrazek mit Moritz Stranghöner (li.); Zoom: Don Alphonso (li.), Peter Orzechowski (re.)

München - Vier qualitätsbewusste Journalisten hatte Thomas Mrazek für die FG Junge und Online-Journalisten geladen: Blogger Don Alphonso, berühmt-berüchtigt von "Dotcomtod" , "Rebellen ohne Markt" und "Blogbar", dort gerne über mangelnde Qualität des Journalismus schimpfend, Lokalchef der "Bild"-München Moritz Stranghöner, angesichts des Rufs seines Mediums oft Ziel solcher Kritik, sowie die Dozenten Peter Orzechowski (Akademie der Bayerischen Presse) und Christian Jakubetz (u.a. Deutsche Journalistenschule).

Recherche und Berichterstattung sollte eigentlich fehlerfrei sein. Doch Peter Orzechowski kritisierte, dass die Schulbildung mittlerweile so unzureichend sei, dass angehende Journalisten noch nicht einmal Rechtschreibung und Grammatik beherrschten. Dies nachzuholen, sei aber nicht Aufgabe der Journalistenausbildung. Zudem empfände er heutigen Journalismus überwiegend als Mainstream, als abhängig von Politik und Interessen, wo beispielsweise der "Spiegel" doch einst angetreten sei, die vierte Macht im Staate zu sein. Jedoch sei bei einer allgemein seit 2000 halbierten Redakteurszahl kaum anderes zu erwarten. Mittelständische Verlage könnten sich Unabhängigkeit und Qualität heute gar nicht mehr leisten.

Don Alphonso ist von der Recherche einiger Kollegen ebenso enttäuscht: "Wenn ich bei Spiegel online in meinem Wissensgebiet Archäologie stöbere oder die Continental PR-Texte sehe, sitze ich nur wütend vor dem Rechner". Ebenso lese sich das Manager Magazin des Jahres 2000 heute "wie eine Zeitung aus dem Irrenhaus". Allerdings gibt er zu: "Ich habe von Journalismus keine Ahnung, ich habe das nicht gelernt!" Seine Fachkenntnis wuchs jedoch u.a. mit der Angst vor Abmahnungen und Prozessen, "denn dann ist man gezwungen, sauber zu arbeiten".

Diskutierte auch mit: Christian Jakubetz (u.a. Trainer bei der DJS)
Diskutierte auch mit: Christian Jakubetz (u.a. Trainer bei der DJS)

Christian Jakubetz bemängelte, es werde häufig nur noch abgeschrieben, beispielsweise von "Bild" und dpa über den angeblichen Eva-Herman-"Rauswurf" aus der Kerner-Talkrunde: "Wenn Sie da einen Rausschmiss sehen, haben Sie eine andere Sendung gesehen als ich!" 

Zudem sei der ökonomische Druck durch Online stark gewachsen, so schinde die "Süddeutsche" laufend Klicks durch reine Bilderstrecken, wodurch Journalisten überflüssig würden. Dabei seien die Leser unter 20 nur online erreichbar, die würden auch im Alter nicht mehr zu einer gedruckten Zeitung greifen.Moritz Stranghöner definierte seine Redaktionsqualität prompt als: "Wir versuchen, der zu sein, von dem alle abschreiben". Zudem habe man einen Leserbeirat eingeführt, um die Glaubwürdigkeit zu steigern und die Verlage müssten endlich Geld in die Hand nehmen, um speziell Online Qualität zu bieten und sich abzuheben.

 

Bericht und Fotos: Wolf-Dieter Roth


Pfeilzurück  |  Warenkorbsymbolmerken
© 2005 Bayerischer Journalisten-Verband | powered by SELLTEC CMS