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Schaufenster statt Schublade
München - „Ich habe ein Ausfallhonorar für einen Text bekommen und
konnte ihn nicht andersweitig anbieten, weil der Anlass, die
Ausstellung, schon vorbei war. Ich fand es schade, den Text
einfach in die Schublade zu legen“, erzählt die Münchnerin
Tanja Schwarzenbach. Obendrein sei es in diesem Fall
enttäuschend für die Person gewesen, um die es im Text ging.
Was tun? Den Text auf einem persönlichen Weblog
veröffentlichen, was vielleicht nicht unbedingt einen großen
Bekanntheitsgrad hat? Die 33-jährige freie Journalistin ging
einen anderen Weg.
Sie gründete mit Nichterschienen (www.nicht-erschienen.de) ein Portal. Aber
nicht nur für sich selber, sondern auch für andere Kolleginnen
und Kollegen, bei denen Artikel in der Schublade liegen. „Denn
auch gute Texte werden manchmal nicht gedruckt“, weiß
Schwarzenbach. Die Website wirkt sehr schlicht ist aber
trotzdem schick, vor allem kommt sie ohne jeglichen technischen
Firlefanz aus. Und in den Rubriken „Politik“, „Kultur“
und „Leben“ finden sich schon Dutzende lesenswerte Artikel, die
nicht das Licht der Medienwelt erblickten: Ob ein Bericht, der
die Professionaliät des Bundesnachrichtendienstes infrage
stellt („Lizenz zum Rosten“) oder eine Reportage
über Nachwuchs-Schumis („Beste Zeit“). Am Ende jedes Artikels
erfährt der Leser dann jeweils, warum der Text nicht erschienen
ist: Platznot, Übungsaufgabe für eine Journalistenschule,
Recherchematerial oder es wurde schlichtweg kein Abnehmer
gefunden. „Alles Dinge eben, die der Leser normalerweise nicht
erfährt“, sagt Schwarzenbach.
Freilich sollen Medien von diesen Artikeln erfahren. „Wenn eine
Redaktion einen Text drucken möchte, dann ist das ein schöner
Nebeneffekt. Die Honorare müssen dann Autor und Redaktion
untereinander ausmachen“, erklärt die Journalistin und schränkt
ein: „Ich bin keine Vermittlungsagentur.“ Grundsätzlich sei das
Projekt darauf ausgelegt, „unkommerziell“ zu sein. „Ich denke
aber, dass ein guter Text im Internet immer auch ein gutes
Aushängeschild ist“, sagt Schwarzenbach. Bisher habe sie
durchweg „ positives Feedback von Redaktionen aus dem
deutschsprachigen Ausland bekommen“. Auch der Pressespiegel der Seite kann sich sehen
lassen.
Schwarzenbach sucht weitere Mitstreiter: „Jeder gute Text
ist willkommen, gerne auch Hintergrundinterviews. Ebenso
erwünscht sind Fotografieprojekte für die Startseite, die im
Turnus von drei bis vier Wochen ausgewechselt werden“. In
Zukunft möchte sie noch Kommentarmöglichkeiten für die Leser
anbieten, außerdem sollen auch „nicht gesendete Radiobeträge
und Kurzfilme“ einen Platz im Schaufenster von Nichterschienen
bekommen.
Thomas Mrazek
