Bayerischer Journalisten-Verband e.V.

Direkt springen zu:
Hauptnavigation:

Nachrichten

Mittwoch, 28.10.2009

Per Fallschirm zu Krise, Krieg und Katastrophe

BJV und DJS diskutierten bei den Medientagen München
über die „gefährdete Spezies der Auslandskorrespondenten”
Bericht und Foto: Wolfgang M. Seemann

München - Auslandreporter zu sein, gilt als Traumjob. Doch mit dem Wandel in der Medienwelt hat sich auch dieses Berufsbild verändert. Wie Korrespondenten die gewachsenen Herausforderungen auch unter dem ökonomischen Druck in den Medienhäusern heute noch meistern können, diskutierten Experten aus Hörfunk, Fernsehen, Print und Medienforschung bei den Medientagen München.

 
Es hat schon Tradition dass sich die Deutsche Journalistenschule DJS und der Bayerische Journalisten-Verband BJV bei den Medientagen mit einer gemeinsamen Veranstaltung mit namhaften Journalisten – größtenteils aus den Reihen des Journalisten-Verbandes – zu Wort melden. Das Thema heuer „Der Auslandkorrespondent – Eine gefährdete Spezies?”, war durchaus aktuell gewählt. Zählte der eigene Korrespondent „vor Ort” einst noch zum ganzen Stolz der Redaktionen, so ist dies heute keineswegs mehr selbstverständlich.
 
„Der Beruf des Auslandkorrespondenten riecht nach Freiheit, ebenso wie nach Präsenz”, meinte Dr. Wolfgang Herles, ZDF-Redaktionsleiter von „aspekte”. Mit rund 700 Auslandskorrespondenten weltweit sei Deutschland im europaweiten Vergleich zwar noch recht gut aufgestellt. Dennoch, so stellte der Dortmunder Medienforscher Prof. Dr. Oliver Hahn fest, sei die Zahl der Korrespondenten – ebenso wie die Auslandsberichterstattung insgesamt – weiter rückläufig. Hahn beklagte, dass die Medien häufig nur noch über die so genannten „Vier Ks” (Krisen, Kriege, Krankheit, Katastrophen) berichteten.
 
Auslandskorrespondenten sehen sich heute gewachsenen Anforderungen gegenüber. Wie Thomas Morawski, einst Sonderkorrespondent des Bayerischen Rundfunks BR und jetzt Leiter des ARD-Studios Wien, erläuterte, müssten die Korrespondenten mit ihren Beiträgen längst nicht mehr nur die Nachrichtensendungen und Magazine eines Programms füllen, sondern die einer ganzen Vielfalt digitaler Kanäle und dritter öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme. Morawski: „Es gibt Tage, an denen ich das Mikrofon nicht mehr aus der Hand lege”. Umso schwerer werde es dann, selbst auch noch eigene Geschichten recherchieren zu können, räumte der ehemalige stellvertretende BJV-Vorsitzende ein.
 
Angesichts der vielen Wort-hungrigen News- und Infosender im öffentlich-rechtlichen Hörfunk könne ein Alleinkorrespondent die Anforderungen heute kaum mehr leisten, bestätigte Mercedes Riederer, Hörfunk-Chefredakteurin beim Bayerischen Rundfunk. Man helfe sich beim BR mehr und mehr damit, punktuell Krisenreporter an die jeweiligen Brennpunkte zu schicken.
 
Kritik übte Dr. Oliver Hahn am Berufsbild des so genannten “Fallschirmjournalisten”, der zur temporären Berichterstattung quasi über einem Ereignisort abgeworfen werde und dessen Rechercheleistung sich bestenfalls auf die Taxifahrt zum Ereignis beschränke. Dem widersprach Morawski: „Das heißt ja nicht, dass nicht auch der Fallschirmkorrespondent über Kompetenz verfügt”. Man brauche beides, gemeinsam mit einem festen Experten am Ort. Für Dirk Sager, einst langjähriger ZDF-Studioleiter in Moskau, muss Fernsehen ein aufklärendes Medium sein. Sager beklagte die zunehmende Boulevardisierung des Programms, welche die Auslandsberichterstattung mehr und mehr an den Rand dränge. Er empfinde es als einen Ausdruck von Verachtung der Menschen, wenn ein Sender beispielsweise für ganz Afrika nur zwei Korrespondenten habe. Sager: „Wir erleben von Afrika dann auch nur die Zuspitzung von Hunger, Krisen und Katastrophen – nicht aber deren Hintergründe”.
 
Auch Wolfgang Koydl, Großbritannien-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, sieht es als seine Aufgabe, mehr Hintergründe zu vermitteln. „Es reicht nicht zu berichten, dass ist ein Fahrrad umgefallen sei, sondern warum es umgefallen ist!”, so Koydl.
 
Wie aber wird man Auslandskorrespondent, wollte Wolfgang Herles von den Diskussionsteilnehmern erfragen: „Macht man sich in der Redaktion einfach derart unbeliebt, dass man in Ausland geschickt werde?” Direkt wollte das auf dem Podium so niemand bestätigen. Meist sei dabei eher eine Portion Glück und Zufall im Spiel, meinte Wolfgang Koydl. Er wie auch Dirk Sager gaben aber zu, dass es mitunter auch recht vorteilhaft sein könne, wenn der Korrespondentenplatz 3.000 Kilometer weit von der Zentrale entfernt sei.
 
Der Bayerische Journalisten-Verband war bei der Medienmesse der Medientage München wieder mit einem eigenen Infostand vertreten. Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Medienberufen nutzten die Gelegenheit, sich über die verbandliche und gewerkschaftliche Arbeit des BJV zu informieren.

Pfeilzurück  |  Warenkorbsymbolmerken
© 2005 Bayerischer Journalisten-Verband | powered by SELLTEC CMS