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Montag, 12.4.2010

Den Leser völlig falsch eingeschätzt

Text und Fotos von Christian Pfaffinger

Crossmedia wird immer mehr zum Schlagwort in den Redaktionen. Doch wie funktioniert das Konzept? Und was müssen Journalisten in Zukunft alles können? Mitglieder der Fachgruppe Junge Journalisten trafen sich zum Expertengespräch mit Christian Jakubetz im PresseClub München.
Der aus Niederbayern stammende Journalist Christian Jakubetz erzielt mit seinem privaten Blog hohe Klickzahlen.
Der aus Niederbayern stammende Journalist Christian Jakubetz erzielt mit seinem privaten Blog hohe Klickzahlen.

Vor gut zehn Jahren hatte die Arbeit bei der Tageszeitung für Christian Jakubetz ihren Reiz verloren. „Damals kam es mir so vor, als würde ich nur noch standardisierte Hüllen füllen“, erinnert er sich. „Also fing ich wieder bei Null an.“ Jakubetz verließ die Printredaktion der Passauer Neuen Presse, wo er Lokalchef war und gründete die Onlineredaktion des niederbayerischen Blattes, damals als einer der Pioniere. Viele andere Zeitungen haderten damals noch mit dem neuen Medium – und hatten es danach schwer, ihren Rückstand einzuholen.

Heute ist ein Online-Auftritt Standard bei nahezu jeder Zeitung. Trotzdem glaubt Jakubetz, „dass der konventionelle Journalismus deutscher Tageszeitungen wieder alles verschläft.“ Crossmedia sei zwar in aller Munde, werde aber zu oft falsch verstanden. „Crossmedia bedeutet nicht, dass man einfach denselben Content auf verschiedenen Kanälen bringt. Es bedeutet das Schaffen von neuem Wert.“ Dabei müsse jeder neue Inhalt seine Berechtigung haben, etwa dadurch, dass er auf anderen Plattformen nicht darstellbar ist. Dann sollen die Inhalte aller Plattformen sinnvoll und sich ergänzend vernetzt werden. „Nicht der Vertriebsweg muss sich ändern, sondern der Journalismus“, fordert Jakubetz und erklärt, was dies für Journalisten bedeutet: „Man darf nicht mehr die Rolle des unfehlbaren Gatekeepers einnehmen, sondern muss offener und kommunikativer werden.“ Die Voraussetzungen für crossmediales Arbeiten seien lediglich Neugier und die Bereitschaft, sich auf etwas Neues einzulassen. „Der Rest ist Handwerk.“
Allerdings rückt gerade dessen Umfang immer mehr in den Fokus der Debatte. Was muss ein crossmedial arbeitender Journalist alles können? „Auf keinen Fall alles, schon gar nicht gleichzeitig“, sagt Christian Jakubetz, „aber er muss alles kennen.“ Deshalb sei jeder junge Journalist gut beraten, sich mit dem Thema Videojournalismus auseinanderzusetzen. Außerdem sei es wichtig, zu experimentieren und innovativ zu denken. „Junge Journalisten wollen erst einmal die Normen und das Althergebrachte lernen. Für viele junge Kollegen scheint eine Onlineredaktion einer Strafexpedition nach Sibirien gleichzukommen.“ Kein Journalist werde jedoch in Zukunft an Online vorbeikommen. Dass die Arbeit als Online-Redakteur momentan noch unattraktiv erscheine, liege auch am häufig geringeren Verdienst. „Dabei gibt es keinen halbwegs plausiblen Grund, Onliner schlechter zu bezahlen.“ Im Gegenteil habe sich deren Rolle in den letzten Jahren „vom Kostenverursacher zum potenziellen Verlagsretter“ gewandelt.
Dem Onlinebereich schreibt Christian Jakubetz eine große Rolle bei der Weiterentwicklung des Journalismus zu. „Früher wollte man immer wissen, was der Leser will. Heute sagt er es uns im Internet.“ Die Feedbackmöglichkeiten seien brillant. Man müsse neue Kapazitäten für Social Media, Blogs und andere Anwendungen schaffen, um nicht weiter am Leser vorbeizuschreiben. Die Diskussionen bringen jeden Journalisten weiter. Auch Christian Jakubetz war überrascht von den Urteilen seines Publikums. „Da habe ich gemerkt: Ich habe die Leute die letzten 20 Jahre völlig falsch eingeschätzt.“ Mancher Journalist könnte so sein Publikumsbild korrigieren.
Natürlich müsse man auch bei der Vermarktung experimentieren. Im Hinblick auf Paid-Content ist Jakubetz skeptisch. Zu umständlich sei das und ohnehin nur für hochspezialisierte Angebote tauglich. Interessant findet er neue Wege wie den amerikanischen Stiftungsjournalismus. Ob dieser ein erfolgreiches Modell werde, sei nicht abzusehen. Aber man müsse verschiedene Varianten ausprobieren. Denn eine Erfahrung mache er seit seinem Online-Einstieg 1998 jeden Tag aufs Neue: „Man muss bereit sein, das heutige Modell in einem Jahr wieder über den Haufen zu werfen.“
Der aus Niederbayern stammende Journalist Christian Jakubetz erzielt mit seinem privaten Blog hohe Klickzahlen.
Unter den Teilnehmern im PresseClub befanden sich viele Online-Journalisten.

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