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Nachrichten

Freitag, 4.6.2010

Netzschau: Lobo, Lindner und Lektüre

Service-Artikel aus dem "BJV Report" 3/2010

 

Blogger wird Zeitungs-Chefredakteur – Titelseiten frei Haus

 

Fünf Gast-Chefredakteure übernehmen in diesem Jahr jeweils für einen Tag das Zepter bei der Koblenzer Rhein-Zeitung. Für am meisten Aufsehen dürfte wohl das Engagement des Berliner Bloggers Sascha Lobo gesorgt haben. Der 32-Jährige, der Zeitungen gedruckt auf Papier definitiv für eine aussterbende Art hält, „leitete die Redaktionskonferenzen und machte immer wieder deutlich, worum es ihm geht: Interessante Storys abseits des normalen Nachrichtenflusses, subjektive Geschichten, die die Redakteure schon immer mal schreiben wollten, viel Grafik, viele Bilder“, berichtete DPA. Das Ergebnis dieses crossmedialen Experiments gibt es als PDF (46 Seiten, 15,6 MB) unter: tinyurl.com/lobos-rz.

Nun, es ist – um es auf gut bayerisch zu sagen – nix Sensationelles nicht dabei rauskommen. Eine sehr fundierte und ausführliche Kritik schrieb der Arnstorfer Journalist und Dozent Christian Jakubetz in seinem Blog (tinyurl.com/jakubetz-kritik). Jakubetz zeigt sich enttäuscht darüber, „dass es nicht gelungen ist, eine Art Überlebensweg für regionale Blätter aufzuzeigen. (...) Böse gesagt: Diese Lobo-Ausgabe ist nicht sehr viel mehr als die Regionalzeitung der 90er, ein wenig hübscher und frischer angestrichen.“ Lesenswert ist übrigens auch die anschließende Diskussion, die sich in Jakubetz' Blog entfachte, und an der auch der Chefredakteur der Rhein-Zeitung, Christian Lindner teilnahm. Unterm Strich freut sich Jakubetz aber darüber, „ das Web 2.0 lässt sich vieles sagen und diskutieren, aber zumindest eines hat es bewirkt. Nämlich dass Journalisten und Redaktion allmählich anfangen, mit den Leuten zu reden. Unserem Journalismus wird es nicht schaden.“ Lindners Resümee fällt ähnlich aus: „Die Aktion hat uns Zeitungsmachern wie der Netz-Szene zudem gezeigt, dass die Zusammenarbeit beiden Welten mehr bringt als das Ignorieren oder Bekämpfen“. Wie Sascha Lobo mit dem „Druck des Druckens“ zurechtkam, beschreibt er in seinem Blog: tinyurl.com/lobo-chef. Wer sich die Erfahrungen von Lobo und Lindner lieber anhören möchte, kann sich Interviews mit den beiden beim Medienmagazin Was mit Medien anhören (MP3, zirka 13 Minuten, als Download der ganzen Sendung mit weiteren Themen: 41,9 MB): tinyurl.com/wmm-lobo. Lindner berichtet darin von „ganzen zwei Beschwerden“ und „Dutzende von euphorischen Reaktionen“ seiner Leser. Stellvertretend kann man auch einen, leicht übertriebenen Kommentar bei Twitter zitieren: „Das, was die die @rheinzeitung da mit @saschalobo gemacht hat, sollte für alle Redaktionen gesetzlich vorgeschrieben werden“, schrieb Steffi Dobmeier (www.twitter.com/sdobmeier).

Die Rhein-Zeitung ist was denn Medienwandel durch das Internet betrifft, sicherlich eine der aktivsten Zeitungen, ob fast zwei Dutzend redaktionelle Blogs (blog.rhein-zeitung.de), ein vielseitiges Engagement in sozialen Netzwerken, wie etwa Wer-kennt-wen.de oder bei Twitter (rhein-zeitung.de/twitter.html). Auch das Experiment mit der mobilen – unter dem Kunstnamen MoJane firmierenden – Reporterin Katrin Steinert (tinyurl.com/mojane), ist für eine Regionalzeitung beachtlich. Chefredakteur Lindner hat seine persönliche Twitter-Adresse (www.twitter.com/rzchefredakteur) nicht nur zur Zierde auf der Visitenkarte stehen, sondern bespielt gekonnt und permanent diesen Kanal. Kurzum: Dieses Blatt sollte man im Auge behalten. Wenn man über die Rhein-Zeitung spricht muss man auch erwähnen, dass das Blatt wegen seiner Personalpolitik keineswegs unumstritten ist, wie etwa im Oktober 2009 Onlinejournalismus.de berichtete (tinyurl.com/rz-debatte).

Nachtrag, 21.06.2010: Weiteres Experiment bei Welt Kompakt
Die Welt Kompakt lässt am 1. Juli eine Ausgabe von 20 Blogger gestalten, berichtet Meedia.

Frühstücks-Lektüre und mehr
Womit machen andere Zeitungen heute auf? Die Internet-Seiten der meisten Blätter beantworten diese Frage zumeist nicht. Sehr bewährt hat sich da die Zeitungs-Galerie des Hamburger Medienmagazins MEEDIA (Herausgeber ist der ehemalige Verleger der Milchstrasse, Dirk Manthey). Dort können täglich gegen 9 Uhr die Titelblätter einiger deutscher Zeitungen in verschiedenen Auflösungen betrachtet werden (tinyurl.com/meedia-zeitungen). Am bequemsten geht das per Newsletter: tinyurl.com/newsletter-meedia. Wie steht mein Blatt, wie steht meine Internet-Seite im Vergleich zu den anderen da? Um diese Frage zu beantworten, muss man nicht die doch etwas unhandlich zu bedienenden Seite der IVW (www.ivw.de) oder von PZ-Online (www.pz-online.de) besuchen, sondern bekommt aussagekräftige Grafiken durch den MEEDIA-Analyzer geliefert. Dort kann mit einem Klick die Entwicklung aller wesentlichen Internet- und Print-Angebote aus Deutschland nachvollzogen werden. „Darüber hinaus können Sie die Auflagen und Klickzahlen mit denen der Konkurrenz vergleichen“, wirbt das Angebot: tinyurl.com/analyzer-meedia.

 

Dieser Artikel stammt aus dem BJV Report 3/2010, ältere Ausgaben des Heftes finden Sie zum Download als PDF unter www.bjv-report.de. Die vorigen Ausgaben der Netzschau mit den Titeln "Neue Modelle braucht der Journalismus!" (BJV Report 2/2010),  "Hoch lebe der Newsletter!" (BJV Report 1/2010) und "Bratwürste, Downloads und Zwitscherer" (BJV Report 6/2009) finden Sie auf der BJV-Website.

Thomas Mrazek
kontakt@thomas-mrazek.de


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