Kommentar
Geistiges Eigentum ist nichts mehr wert
Von Dr. Wolfgang Stöckel
Dr. Wolfgang Stöckel
Der stern brachte es mit seiner Titelgeschichte im zweiten Januarheft an den Tag: Deutschlands Journalisten zählen in der Liste der gut verdienenden Berufe zu den Verlierern. In den letzten 18 Jahren sank unser Jahreseinkommen inflationsbereinigt um 14 Prozent! Im Vergleich mit Verwaltungsfachleuten im gehobenen Dienst, Maklern, Grafikern, Architekten, Ingenieuren, Bankfachleuten, Gymnasiallehrern und sogar Handelsvertretern können wir nicht mehr mithalten. Diese neueste Studie bestätigt mich in meiner Meinung, dass geistiges Eigentum hierzulande nichts mehr wert ist.
Dennoch scheint in Verlegerkreisen immer noch die Meinung vorzuherrschen, die Journalisten würden zu viel verdienen. Verlagsmanager gleichen ausbleibende Renditen eben am einfachsten durch Einsparungen bei den Personalkosten aus. Im Zusammenhang mit der Leiharbeit bei der Main-Post berichtete die W&V über eine Musterrechnung der Beratungsfirma Schickler. Die jährlichen Durchschnittskosten von 75.000 Euro für einen Redakteur inklusive Lohnnebenkosten pro Jahr ließen sich „außerhalb der Tarifumgebung“ auf rund 40.000 Euro, also fast um die Hälfte, senken.
Und so werden – leider nicht nur bei der Main-Post – zunehmend Möglichkeiten gesucht, aus dieser „Tarifumgebung“ zu fliehen. Viele Verlage kündigen die Tarifbindung auf, andere schaffen mit dem Outsourcing ganzer Betriebsteile und der Schaffung eigener Leiharbeitsfirmen Umgehungstatbestände, um Redakteure und Fotografen nicht mehr leistungsgerecht bezahlen zu müssen. Gerade das Arbeitnehmer-Überlassungsgesetz in der Medienbranche pervertiert die ursprünglichen Intentionen des Gesetzgebers, eine Nachbesserung ist dringend erforderlich. Was man bei der Leiharbeit bei Schlecker und im öffentlichen Dienst kritisiert, kann im Verlagsbereich doch auch nicht richtig sein.
Wir sitzen hier mit unseren freien Kolleginnen und Kollegen im selben Boot. Auch für deren geistige Arbeit ist kein Geld vorhanden. Die Honoraretats der Redaktionen werden gekürzt und es bleibt abzuwarten, ob die zum 1. Februar in Kraft getretenen gemeinsamen Vergütungsregeln überhaupt durchsetzbar sind. Darüber hinaus wollen die Verleger mit einem neuen Leistungsschutzrecht und auch in den Verwertungsgesellschaften Wort und Bild Gelder abschöpfen, die eigentlich uns Journalisten als Urheber und Autoren zustehen.
Es ist kein Zufall, dass die Wahl für das Unwort des Jahres 2009 auf „betriebsratsverseucht“ gefallen ist. Diese Wahl zeigt den Zeitgeist, mit dem Firmenmanager und Berater Sanierungen und Gewinnmaximierung betreiben, nämlich auf Kosten der Arbeitnehmer – und dabei sind Betriebsräte eher hinderlich. Man hätte durchaus auch den Begriff „gewerkschaftsverseucht“ wählen können, denn um die Entmachtung der Gewerkschaften geht es letztendlich. Im März sind wieder Betriebsratswahlen und wir werden als BJV alles daran setzen, uns gegen den Trend zu stemmen!
Die wirtschaftsfreundlichen Regierungsparteien CDU/CSU und FDP sollten aufpassen, dass die Arbeitnehmer in Deutschland ihre Mitbestimmungsrechte ohne Angst und Repressionen wahrnehmen können und dass sie nicht als Leiharbeiter mit weniger Rechten und weniger Geld langfristig „versklavt“ werden. Menschenwürde und Bürgerrechte sollten unantastbar sein. Wer die Gefahr der ständig weiter auseinanderklaffenden Schere zwischen reich und arm ignoriert, der darf sich nicht wundern, wenn die Menschen der Demokratie irgendwann die Solidarität verweigern. Und zum Schluss ein Ratschlag an alle Verlagsmanager: Kürzen Sie doch mal als erstes das Honorar für ihre Beratungsfirma um 45 Prozent. Vielleicht hilft’s ja.
Dr. Wolfgang Stöckel ist
1. Vorsitzender des BJV
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