Bayerischer Journalisten-Verband e.V.

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Titelstory

Arbeitstier und Kunstliebhaberin

Am Designerschreibtisch berserkerte Frauke Ancker bis in die Nacht 
 
von Michael Anger

 

Kann man sich den Bayerischen Journalistenverband ohne Frauke Ancker überhaupt vorstellen? Ist nicht die BJV-Geschäftsführerin mehr noch als Altkanzler Helmut Kohl das Gesicht einer Epoche? Vollkommen alternativlos und bei aller Reibung an ihr auch ein Fixpunkt der Identifikation mit dem Berufsstand im Allgemeinen. 35 Jahre hielt sie tapfer die Fahne hoch, obwohl es durchaus Momente gab, in denen sie lieber die Brocken hingeworfen hätte. Aber jetzt ist unwiderruflich die Zeit zum Abschied gekommen: Frauke Ancker ist seit 1. August im Ruhestand. – Na ja, zwei Jahre Presse- und Urheberrechtsvorträge bei der Deutschen Journalistenschule dürfen es noch sein. „Aber in die Verbandsführung einmischen tue ich mich ganz bestimmt nicht“, verspricht die Juristin ihrer Nachfolgerin Jutta Müller.
Das darf sie sich ruhig vornehmen. Aber werden sich die BJV-Mitglieder daran halten? Wenn es ein Markenzeichen für Frauke Ancker – außer den Zigaretten und dem roten Lippenstift – gibt, dann sind es die vielen persönlichen Beziehungen, die sie zu den Journalistinnen und Journalisten aufgebaut hat. „Wir konnten ihnen keine ideologische Nestwärme bieten, denn politisch war der BJV neutral. Aber fachliche Anerkennung und menschliche Zuwendung, das konnte der BJV leisten“, erzählt die Geschäftsführerin. Es fiel ihr nicht allzu schwer. Denn Journalisten seien vielseitig, pfiffig und immer interessant. Allein die verschiedenen Ressorts, in die Ancker Einblick nehmen durfte. „Ich habe aus allen Bereichen etwas erfahren.“ Und das intellektuelle Niveau war durchwegs erfreulich.
Auch wenn zu Anfang ihrer Tätigkeit der Berufsstand kein sonderliches Ansehen genoss. Journalist konnte man – genauso wie Wirt und Politiker – ohne jegliche vorhergehende Ausbildung werden. Trotzdem bewunderte Frauke Ancker auch die skurrilen Typen, etwa den leidenschaftlichen, aber ziemlich armen Feuilletonisten und Fotografen, der im Zelt im Garten des Madrider Prado schlief, Hauptsache, er konnte seine Geschichte über die Bilder von Goya machen.
 
Für Mitglieder stets
eine persönliche Antwort
 
Von den „eindrucksvollen“ Lebensläufen der Mitarbeiter bei Radio Free Europe ganz zu schweigen – Leute auf höchstem Bildungsniveau, Professoren, Minister, Botschafter, die im Kommunismus nichts mehr zu sagen hatten und aus ihrer Heimat flohen. Sie schickten der BJV-Geschäftsführerin ihre neuesten Bücher, schrieben Grußkarten zu den Festen, widmeten ihr mitunter Gedichte. Und erhielten stets eine persönlich gehaltene Antwort. Auch jeder Kollege, der einen Journalistenpreis erhalten hatte oder eine Auszeichnung, bekam Gratulationspost von Frauke Ancker.
Über die eigene Person machte sie indes selten ein Aufheben. Als sie zum 1. August 1975 beim BJV anfing, hatte sie gerade zehn Monate das juristische Staatsexamen in der Tasche. Vertretungsweise sollte sie einspringen, wohl wissend, dass es einen anderen Favoriten des Vorstands gab, der nach einem Jahr kommen sollte. Dieser Journalist kam allerdings nicht und Frauke Ancker wurde endgültig der Verband anvertraut. Schon hatte sie darin das Aufräumen begonnen, an der Seite des neuen, zur Reform entschlossenen Schatzmeisters Horst Beloch. Denn es stellte sich heraus, dass der BJV damals nicht nur mit 80.000 Mark verschuldet war, sondern auch nur 750 der 1534 Mitglieder an den DJV abrechnete. „Ich habe die stinkenden, fettigen Karteikarten selber gezählt“, erzählt Frauke Ancker. Innerhalb von sechs Jahren wurden die Missstände bereinigt. Und der BJV residierte auch nicht mehr lange über dem Stundenhotel in der Dachauer Straße, bei dessen Anblick Anckers Mutter total entsetzt war („Kind, das ist nichts für dich!“). 1977 zog der BJV in die Seidlstraße und diesem Büro sollte die kunstsinnige Geschäftsführerin ihren Stempel aufdrücken. Ihr Schreibtisch, ein ebenso elegantes wie schlichtes Designerstück, sollte die Zeiten überdauern, genauso ihre braun bespannten Stahlrohrschwinger und der gläserne Besprechungstisch auf Chromgestell. Längst haben sich die Mitglieder auch an die Regale aus verzinktem Stahlblech gewöhnt, die manchem Vorstandsfunktionär zunächst arg einfach vorkamen. Und ihre ansprechende Plakatsammlung großer Kunstausstellungen wird die Geschäftsführerin im BJV zurücklassen.
Am sozialen Aufstieg der Journalisten war Frauke Ancker unmittelbar beteiligt. Immer noch ist ihr der 1980er Tarifabschluss in frischer Erinnerung, als nach zähen Verhandlungsrunden erstmals die Fünf-Tage-Woche mit 40 Arbeitsstunden vereinbart wurde. Mit einem Schlag sei ein enormer Personalbedarf eingetreten. „Es waren goldene Jahre für den Journalismus.“ Ebenfalls ein riesiger Durchbruch sei der Volontärstarifvertrag von 1990 gewesen.
Die Verhandlungen waren oft reine Nervensache. „Einmal saßen wir von Donnerstag zehn Uhr bis Sonntag vier Uhr morgens ohne Unterbrechung zusammen. Einzeln hatten wir immer zwei, drei Stunden zum Schlafen frei“, schildert Frauke Ancker solche Marathonrunden. In einem Hotelbett mit doppelter Belegung oder gar auf dem Fußboden suchte man kurze Erholung. Ungeduldig durfte sie nicht werden bei dem langen Palaver, denn der führte letztlich zum Erfolg, der beide Seiten zufriedenstellte. Für die allfälligen Pausen hatte die lesefreudige BJV-Geschäftsführerin stets einen Stapel Bücher und Zeitschriften – Belletristik und Juristisches – im Gepäck. Nach der Wende 1990 und nochmals verschärft nach der Medienkrise 2001 habe sich allerdings das Klima in Tarifdingen völlig verändert. Gegenforderungen der Verleger wurden üblich, Verhandeln war vor allem eine Abwehrschlacht geworden.
 
Arbeitgeber fürchteten
die flinke Zunge
 
Dabei ist Frauke Ancker nun nicht auf den Mund gefallen. In der Kunst der geschliffenen Rede machen ihr wenige etwas vor – am ehesten der verdiente BJV-Vorsitzende Erich Geiersberger. Auf Betriebsversammlungen lernte mancher Verleger und Chefredakteur die flinke Zunge Anckers zu fürchten. Sie konnte freier reden als die Redakteure. Woher sie ihr rhetorisches Geschick hat? „Ganz zu Anfang konnte ich zwei Kurse besuchen, ich sah mich zum ersten Mal auf Video und konnte meine Haltungsfehler korrigieren. Und außerdem lese ich sehr viel.“ Und zwei Jahrzehnte Lehrtätigkeit in der Deutschen Journalistenschule und an der Ludwig-Maximilians-Universität haben sie auch geprägt.
 
Rechtsberatung
meist für Freie
 
Freilich, die Hauptarbeit der BJV-Geschäftsführerin vollzog sich oft genug im stillen Kämmerchen. Bis tief in die Nacht hinein und meistens auch am Sonntagnachmittag diktierte sie juristische Schriftsätze. Nach Hause aber habe sie niemals Arbeit mitgenommen. Der Samstag war ihr heilig zur Entspannung. „Die Beratung der Journalisten hat mir immer viel Freude gemacht“, erzählt sie. Mit ihnen könne man sachlich reden, „und wenn man ihnen darlegt, dass in ihrem Fall wenig Chance auf Erfolg besteht, dann akzeptieren sie es“. Übrigens kämen 70 Prozent der Beratungen freien Kollegen zugute und meistens zielen sie auf einen vernünftigen Interessensausgleich ohne Richter.
Frauke Ancker, die manchem Mitglied so mächtig vorkommt, hat ihre Vollmachten im Verband selbst beschränkt. „Ich bin die einzige Geschäftsführerin im DJV, die keine Einzelzeichnungsvollmacht hat. Aber das wollte ich nicht: Es ist nicht mein Geld.“ Was aber nicht heißt, dass Frauke Ancker nicht ihren Willen durchsetzen könnte. „Ich bin ja nicht leicht“, sagt sie über sich mit einem spöttischen Lächeln. Mancher Funktionär musste mit ihr erst warm werden. Indes herrscht in der Geschäftsstelle ein hervorragendes Betriebsklima. Die meisten Angestellten sind schon lange dabei, Buchhalterin Monika Schulz bereits 35 Jahre. Wird Frauke Ancker wirklich loslassen? „Ich fürchte, ich werde erst im August alles aufräumen und aussortieren können, da ich noch so beschäftigt bin.“
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