Titelstory
Oberammergau am Tag danach
Was macht ein gutes Pressefoto aus? Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein und die richtige Position finden. Alle drei Voraussetzungen hat Karl-Josef Hildenbrand, dpa-Fotograf aus Kaufbeuren, im Pressefoto des Jahres 2011 wieder einmal erfüllt. Am Tag, nachdem in Oberammergau zu den Passionsspielen das letzte Mal der Vorhang fiel, war er dort zur Stelle, wo die Bärte und die Haare fielen. Im Salon des Traditionsfriseurs traf Hildenbrand die Männer an, die ihre haarige Pracht endlich wieder loswerden wollten. Wie viel Arbeit der emsige Barbier schon geleistet hatte, zeigte die Fülle von Haarschöpfen von blond über braun bis grau auf dem Fußboden rund um den Friseurstuhl. Vor lauter Ansturm ist der gute Friseur überhaupt nicht mehr zum Wegfegen gekommen. Geschweige denn, dass er sich selbst von seinem schlohweißen Bart befreien konnte.
Hatte er langwierig recherchieren müssen? So fragte Hans-Eberhard Hess, der Juryvorsitzende, bei der Preisverleihung am 7. Dezember im Bayerischen Landtag den Preisträger. Nein, er sei in den Friseursalon einfach hineingeschneit. „Ich wusste, dass bei ihm viel los ist.“ Ganz entspannt habe er seine Bilder geschossen. Was sein Pressefoto allerdings nicht verraten kann: Der Oberammergauer Friseur hatte schon die ganze Nacht durchgearbeitet, so eilig hatten es die Passionsdarsteller mit dem Rasieren.
An den Wettbewerbsfotos könne man nachlesen, was wichtig war in einem Jahr, was uns bewegt hat, meinte Landtagspräsidentin Barbara Stamm zur Eröffnung der Ausstellung im Maximilianeum. Allerdings sei es immer schwieriger, in Zeiten von Handy-Kameras und Internet-Bilderflut, das ausschlaggebende Bild von einem Moment zu prägen – „zumal langwierige Inszenierungen selten möglich sind“. Barbara Stamm zog deshalb den Hut vor den Fotografinnen und Fotografen, „denen es trotzdem immer wieder gelingt“. Ein Bild sage zwar mehr als tausend Worte, aber nicht immer das Richtige. Die Arbeit der Bildjournalisten sei daher „dokumentarisch wichtig, kreativ und mit Verantwortung verbunden“, unterstrich die CSU-Politikerin.
Wohlinformiert zeigte sich die Landtagspräsidentin über die aktuellen Sorgen der Pressefotografen. Ihr Alltag könne ganz schön mühsam sein: „Zur Jagd nach guten Motiven kommt der Kampf um Urheberrechte, um eine angemessene Vergütung oder um ordentliche Verträge.“ Barbara Stamm kritisierte die Knebelverträge von Konzertveranstaltern, sprach über die Redaktionen, die aus Kostengründen auf Datenbank-Fotos zurückgreifen. Hier bestehe die Gefahr, „dass der Zusammenhang zwischen Bild und Text nicht mehr klar erkennbar ist“. Der BJV-Vorsitzende Dr. Wolfgang Stöckel war so beeindruckt von ihrem Problembewusstsein, dass er Stamm sogar den Journalistenverband anvertrauen würde.
Zum Wettbewerb sind diesmal „nur“ 780 Fotos von 87 Fotografen eingereicht worden. Über die Gründe für den Rückgang könne man nur spekulieren, so Stöckel. Sind die weniger werdenden angestellten Redaktionsfotografen? Sind es die zunehmend prekären Bedingungen freier Fotografen, die zu Dumpinghonoraren rund um die Uhr im Einsatz sein müssten? Auf jeden Fall diene der Pressefotowettbewerb dazu, die professionelle, qualitätsvolle Arbeit der Kollegen ins rechte Licht zu rücken.
Mit einem Appell an Verleger und Chefredakteure eröffnete der Juryvorsitzende Hess die Preisverleihung: „Gebt den Fotografen auch die geistige Freiheit, sich darzustellen! Gebt ihnen die nötigen Honorare!“, forderte er. Ein herausragendes Pressefoto brauche auch eine mutige Redaktion, die es publiziert. „Halten Sie die Leser nicht für einfältig. Sie wissen ein gutes Pressefoto zu schätzen“, fügte Hess hinzu.
Weitere Informationen
Die Bilder und die Sieger der weiteren Kategorien finden Sie im Katalog zum PRESSEFOTO BAYERN 2011. Außerdem finden Sie dort weitere Informationen zum Wettbewerb PRESSEFOTO UNTERFRANKEN 2011.
