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Welche Modelle sichern künftig die Meinungsvielfalt? Unterschiedliche Ansätze fanden (von links): Horst Röper, Michael Rediske, Sibylla Machens, Jörg Sadrozinski, Verena Nierle, Wolfgang Stöckel und Hubert Denk
Foto: 
Maria Goblirsch

Pressefreiheit

Meinungsvielfalt in Gefahr

Diskussion über Verantwortung der Verlage und Qualität des Journalismus

München, 03.05.2013

Die Meinungsvielfalt in Deutschland ist durch die Geschäftspolitik der Verlage stark gefährdet. Dem entgegenwirken können auch die Journalisten, die durch ihr persönliches Engagement die unerlässliche Qualität des Angebots sichern müssen. Dieses Fazit kann man aus der Diskussion ziehen, zu der anlässlich des Tages der Pressfreiheit am 3. Mai der Bayerische Journalisten-Verband gemeinsam mit dem Bayerischen Rundfunk, der Deutschen Journalistenschule und dem PresseClub München in dessen Räume eingeladen hatte.

Gute Renditen bei den Tageszeitungen
Einigkeit herrschte darüber, dass die Zahl der existierenden Medien zurückgehen werde. Von den derzeit elf Zeitungshäusern in Bayern werde es in zehn Jahren nur noch fünf oder sechs geben, prognostizierte der BJV-Vorsitzende Wolfgang Stöckel. Dies allerdings nicht wegen sinkender Erträge, denn trotz der Verluste bei Abonnements und Anzeigen freuten sich die bayerischen Verleger immer noch über sieben Prozent Rendite im Schnitt.

„Der Verdrängungswettbewerb wird weitergehen“ ergänzte der Dortmunder Zeitungsforscher Horst Röper. Er wies auch darauf hin, dass die Verlage selbst im Lokalen immer weniger Arbeitsplätze böten. Dieser Verlust an Informationsmöglichkeiten werde auch nicht im Internet ausgeglichen, weil die Verlage dort in der Regel nur das Material der Printausgabe einstellten.

Mit anderem Journalismus erfolgreich
Mit dem einmal im Monat erscheinenden Bürgerblick hat der Passauer Journalist Hubert Denk auch im Print seine Nische gefunden. Das mache nicht reich, aber man könne davon leben. Und Denk bildet einen Mediengestalter aus. Er versuche erst gar nicht, der übermächtigen Tageszeitung Konkurrenz zu machen. Sein Motto: nicht schnell, sondern anders.

Er picke sich die Rosinen raus, statt Pressemitteilungen möglichst rasch und im Wortlaut zu übernehmen. So wagt sich Denk gerne an Themen ran, die die anderen nicht bringen. Er könne es sich leisten, Hintergründe und Geschichten ordentlich zu recherchieren. Nicht bringen könne das hiesige Blatt beispielsweise kritische Berichterstattung über die Investitionen seines Verlegers, merkte Denk süffisant an. Oft bekomme er Tipps von Kollegen: "Das ist eine Story für Dich".

Ob er mit seinem Angebot nicht Selbstausbeutung betreibe, wollte Moderator Jörg Sadrozinski, Leiter der Deutschen Journalistenschule, von Denk wissen: „Ich bin ein Verrückter, aber kein Selbstausbeuter", erklärte der Kleinverleger seinen publizistischen Elan. Er habe die Leser "umerzogen", diese seien durchaus bereit etwas zu zahlen, um wieder gut recherchierte Informationen hinter den Geschichten zu lesen.

Staatliche Medienförderung?
Denks Modell scheint zu funktionieren. Doch wie sieht es in der Breite aus. Auf Bedenken stieß Horst Röper mit seiner Feststellung, um die Meinungsvielfalt, gerade im Lokalen zu erhalten, sei neben Anzeigen und Vertriebserlösen eine dritte Finanzierungsquelle nötig. In den USA gebe es viele Stiftungen, in Frankreich eine staatliche Förderung von 1,5 Milliarden Euro pro Jahr.

In Nordrhein-Westfalen habe man eine Stiftung aus öffentlichen Geldern beschlossen, die aber nur mit 1,6 Millionen Euro ausgestattet werde. Röper: „Wir brauchen ein gesellschaftliche Diskussion darüber, wie wichtig uns der Journalismus ist und was wir dafür zu zahlen bereit sind.“

Grundsätzliche Zweifel daran, dass dies staatsfern organisiert werden könne, hegte Michael Rediske, Vorstand von Reporter ohne Grenzen. Die Journalistenorganisation erstellt unter anderem ein jährliches Ranking der Staaten zum Stand der Pressefreiheit. In diesem Ranking ist Deutschland 2013 auf Platz 17 abgestiegen (siehe "Nahaufnahme Deutschland", PDF, 4 Seiten, 76 kb).

Die Meinungsvielfalt sei dabei ein wichtiges Kriterium bei der Bewertung für diese Rangliste, erklärte Rediske. Einflussmöglichkeiten des Staates brächten Minuspunkte. Zudem befürchte er als Journalist, dass Subventionen träge machen. „Warum soll mich die Hand füttern, die ich beiße?“, fragte Hubert Denk und erinnerte damit an die Aufgabe des kritischen Journalismus. Zeitschriftenjournalistin Sibylla Machens meinte hingegen, wenn es keine Zwänge gebe, sei etwa ein Recherchezuschuss eine gute Chance, sich intensiv mit einem wichtigen Thema zu befassen.

Solidarität unter Freien
Für die Zukunft mahnte Sibylla Machens mehr Solidarität unter den freien Journalisten an. Sie sollten sich mehr in Journalistenbüros zusammenschließen, statt sich beim Honorar gegenseitig zu unterbieten.

Auch Michael Rediske meinte, ein Einsatz der Berufsverbände für die Freien setze deren Qualitätsbewusstsein voraus: „Guter Journalismus muss gut bezahlt werden.“ Wolfgang Stöckel monierte, dass den Gewerkschaften die Gesprächspartner wegbrächen, und das nicht nur in Sachen Tarife und Honorare: „Wenn früher seitens der Politik Kritik an den Journalisten geübt wurde, hat sich der Verleger vor seine Redaktion gestellt, heute taucht er ab.“

Und Hubert Denk, erprobt in manchen siegreichen Rechtsstreitigkeiten, versuchte, das Thema des Abends auf den Punkt zu bringen: „Die Pressefreiheit endet dort, wo der Verlag sagt, ich will keinen Ärger und unterschreibe die Unterlassungserklärung.“
                                                                                                               
Michael Anger

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