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Diskutierten mit rund 30 Journalisten über Roboterjournalismus (von links): Mario Heim, Andreas Graefe und Thomas Mrazek (Vorsitzender Fachgruppe Online)
Foto: Harald Karcher

Fachgruppe Online

Was „Kollege“ Roboter alles kann

Wissenschaftler und Journalisten diskutierten über Roboterjournalismus

München, 24.10.2016

Good News für Verleger: Redaktions-Roboter schreiben Artikel rund um die Uhr, 24 Stunden, sieben Tage. Einmal schlau programmiert, machen sie kaum noch Fehler, schreiben schneller als jeder Mensch, melden sich nie krank, brauchen keine kreativen Pausen, sind nie schwanger, wollen keine Rente und sind auch nicht im BJV. Werden Algorithmen zumindest einige menschliche Journalisten bald ersetzen?

Über diese Frage diskutierten auf Einladung der Fachgruppe Online und des Bezirksverbands München – Oberbayern BJV-Kollegen mit zwei Wissenschaftlern am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung (IfKW) der Universität München. „Wer durch solche Programme wegautomatisiert wird, ist sowieso schon arbeitslos“, sagte Mario Haim (@DrFollowMario). Der Kommunikationswissenschaftler schreibt gerade seine Doktorarbeit am IfKW zum Thema Algorithmen-Journalismus und führte mit einem Vortrag in das Thema ein.

Text-Roboter lieben strukturierte News
Zunächst brauchen die Roboter von Menschen gelieferte Inhalte. Die erstmalige Einrichtung aller Parameter und Datenquellen für automatisierte Texte sei noch sehr aufwändig, berichtete Haim. Doch danach spucke der Algorithmus Texte aus, die kaum von menschlichen Kreationen unterscheidbar seien. Besonders gut klappe das bei Verkehr, Wetter, Fußball, Wahlen, Feinstaubwerten, Erdbebenberichten, Börsennachrichten und Geschäftsberichten.

Beispiel eines Roboter-Textes:
„Die SAP-Aktie entwickelt sich positiv: Das Papier stieg heute um 1,45 Prozent auf 68,32 Euro. Damit geht es für SAP endlich wieder aufwärts. Ihr Jahrestief lag bei 50,16 Euro, das Jahreshoch betrug 69,29 Euro. Aktuell wird SAP mit 82,73 Mrd. Euro bewertet.“

Bei derart Daten-intensiven Texten mache der Roboter weniger Fehler als menschliche Journalisten. Doch mal im Ernst: Welcher Journalist reißt sich um solche Meldungen?

Software-Anbieter aus dem SEO-Umfeld
Die Entwickler automatisierter Texterstellungs-Software kommen kaum aus dem Journalismus, schon eher aus dem Sektor Suchmaschinen-Optimierung, Marketing und Dienstleistern für Produktkataloge. Deutschland ist mit fünf Anbietern stark vertreten: Retresco, Aexea, Texton, 2TXT und TextOmatic.

PollyVote-Projekt
Neben seiner Promotion arbeitet Mario Haim am Forschungsprojekt PollyVote mit. Dieses Angebot lieferte äußerst genaue Vorhersagen der US-Präsidentschaftswahlen von 2004 bis 2012, sowie der Bundestagswahl 2013. Seit 2016 verwendet PollyVote automatisierte Textgenerierung zur Erstellung von Nachrichten auf Basis der Prognosedaten.

Anwender von AP bis New York Times
Roboter-generierte Texte werden nicht nur im Forschungs-Projekt PollyVote, sondern auch bei etablierten Medien eingesetzt, etwa bei AP Associated Press, Los Angeles Times, The New York Times, ProPublica, SID Sport-Informations-Dienst und der Berliner Morgenpost. Daneben gäbe es „eine Dunkelziffer an Verlagen“, die mit der neuen Technik still und heimlich experimentierten, aber die Belegschaft nicht verschrecken wollen.

Manche Medien kennzeichnen die Robotertexte, etwa so: „This story was generated by Automated Insights … using Data from Zacks Investment Research…“ Bei einigen Medien verzichte man hingegen auf solche Hinweise, ergänzte Dr. Andreas Graefe, der das PollyVote-Projekt leitet. Graefe ist derzeit Research Fellow am Tow Center for Digital Journalism der Columbia University sowie am IfKW.

Schnell, billig, objektiv und multilingual
Wenn ein Text-Generierungs-Programm samt Daten-Zuspieler erst einmal sauber laufe, könnten sich ökonomische und journalistische Vorteile ergeben. Der Text ist binnen Sekunden nach der Datenlieferung final erstellt. Die Kosten für zusätzliche Texte stiegen danach nur noch äußerst marginal. Dadurch ließen sich künftig auch Texte für kleinste Zielgruppen erstellen, etwa mit automatisch generierten Spielberichten unterer Ligen. Für solche Berichte sei kein menschlicher Schreiber bezahlbar, erklärte Haim.

Automatisch generierte Texte enthielten in der Regel auch weniger Fehler als menschliche Werke. Und das Programm arbeite immer gleich „objektiv“, sofern das vom „Programmchef“ so gewünscht werde. Das Forschungsprojekt PollyVote habe laut Haim schon17.500 „objektive“ Texte automatisch auf Englisch und auf Deutsch „ausgespuckt“. Weitere Sprachen ließen sich bei Text-Robotern in der Regel mit geringen Zusatzkosten einrichten, berichtete der Wissenschaftler

Wenig Lesefreude
Automatisch generierte Texte klingen indes oft langweiliger als journalistische. Roboter-Journalismus eigne sich bislang auch nur für Daten-lastige Themen mit sehr zuverlässigen Zuspieler-Quellen, etwa aus Datenbanken und Excel-Tabellen. Eigenständige Diskussion und komplexe Interpretation der Sachlage könne der Kollege Roboter dagegen kaum leisten. In Zukunft werden wohl auch Audio- und Video-Sequenzen vermehrt vollautomatisch in Roboter-generierte Texte eingespielt.

Was bringt der Algorithmen-Journalismus?
Als Perspektive könnten sich Journalisten künftig den Faktenteil ihrer Stories vom Kollegen Roboter schreiben lassen: dann bleibe mehr Zeit für Vorspann, Fazit, Diskussion und Interpretation der Sachlage. Allerdings seien die Text-Generierungs-Programme derzeit noch so aufwändig in der Ersteinrichtung, dass sich der Einsatz bei selbständigen Journalisten kaum rentieren dürfte.

Sorgen machten sich in der Diskussion einige Journalisten über eine tendenziöse Programmierung von massenhaft computer-generierten Texten. Sei es damit nicht einfacher als je zuvor, bestimmte Personen, Parteien oder auch „abtrünnige“ Anzeigen-Kunden im redaktionellen Teil eines Mediums systematisch auszublenden?

Und was passiert, wenn ein türkischer Machthaber solche Presse-Algorithmen für seine „Säuberungs-Aktionen“ arbeiten lässt? „Der schafft das doch auch ohne Roboter-Journalisten“, war die lakonische Antwort eines Diskutanten.

Harald Karcher/tm

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