Mitglied werden

Ergänzung zum Artikel „Weiterlaufen“ im BJVreport

BJVreport: BISS-Schreibwerkstatt: „Meine Geschichte zählt“

Ergänzung zum Artikel im BJVreport 4/2025, S. 30: Einfach weiterlaufen – Die Münchner Straßenzeitung BISS behauptet sich trotz aller Krisen und freut sich über eine Rekordzahl angestellter Verkäufer*innen. Von Thomas Mrazek. 

Die Schreibwerkstatt der Straßenzeitung BISS gibt es bereits seit 1995. In jedem Heft bringen dort auf einer Doppelseite die BISS-Verkäufer*innen ihre Geschichten zu Papier. Professionell unterstützt werden sie von den Journalist*innen Christine Auerbach, Hans Albrecht Lusznat und Anneliese Welther.

Christine Auerbach ist schon einige Jahre bei dabei, Christine absolvierte vor einigen Jahren das BJV-Mentoring, daher duzen wir uns in diesem per E-Mail geführten Interview.

Was gibt Euch die Arbeit für diesen wichtigen Heftteil, was macht Spaß daran, was erreicht Ihr damit für die Verkäufer*innen?
Jeder Verkäufer, jede Verkäuferin ist einzigartig in dem, was er/sie schreibt. Diese Vielfalt und die Authentizität der Texte macht es für mich spannend. Jeder Autor und jede Autorin kommt mit einer eigenen Lebensgeschichte an. Sie dabei zu unterstützen, ihre Gedanken und Geschichten zu formulieren und in eine Zeitung zu bringen, hat auch etwas mit Wertschätzung zu tun. Wir hoffen, dass die Schreibenden dadurch merken: Meine Geschichte zählt. Ich habe ein Stimme.

Es gibt routinierte Schreibende, aber manchen müsst Ihr auch Mut machen, oder ...? Woran hakt es dann manchmal vielleicht?
Wir gehen auf jeden Schreibenden individuell ein. Manche kommen vorbei, erzählen uns ihre Geschichte und wir schreiben sie auf. Manche kommen mit einer Art Mind-Map auf Papier und wir entwickeln mit ihnen dann aus ihren Ideen die Texte. Manche sprechen auch nicht so gut Deutsch, da kommunizieren wir dann z.B. mit einer Übersetzungs-App. Das geht erstaunlich gut. Manche kommen aber auch mit Texten, bei denen man gar nicht mehr viel redigieren muss. Schwierig ist es manchmal, wenn Autoren ihre ganze Lebensgeschichte in einen einzigen Text packen wollen, da reden wir dann mit ihnen darüber, was eine gute Geschichte ausmacht, wie Spannung entstehen kann. Und welche Aspekte wir vielleicht für einen späteren Text aufsparen.

Gibt es bestimmte Gruppen, die nicht so gerne oder überhaupt nicht schreiben wollen?
Wir sprechen immer wieder Verkäufer direkt an, ob sie nicht vorbeikommen wollen. Manche brauchen ein bisschen gutes Zureden, aber oft kommen sie dann immer wieder. Eine von uns (Anni) spricht rumänisch. Das ist super, weil sie dadurch mit den rumänischen Verkäufern und Verkäuferinnen gut ins Gespräch kommt.

Habe ich noch etwas Wichtiges vergessen, was unbedingt noch erwähnt werden sollte?
Was mir an dem Projekt so gut gefällt, dass ich jetzt schon seit Jahren dabei bin, ist, dass wir uns alle auf Augenhöhe begegnen. Wir sind alle Autoren, die wollen, dass gute Geschichten im Heft erscheinen. Und es ist völlig egal, wo jemand herkommt oder wie viel Erfahrung er oder sie schon mit dem Schreiben hat.

Ausschnitte aus der Schreibwerkstatt finden sich auf der BISS-Website unter biss-magazin.de/kategorie/schreibwerkstatt. Im Netz erfährt man mehr über die erste BISS-Ausgabe 1993, die BISS-Stiftung (Förderung von Ausbildung und Qualifizierung von sozial benachteiligten jüngeren Menschen), Stadtführungen und natürlich viel über das Magazin und das Projekt.

BISS war die erste von Obdachlosen verkaufte Zeitung in Deutschland. Inzwischen gibt es bundesweit etwa 30. Eine kommentierte Linkliste mit existierenden Projekten in anderen Städten ist (hier) in Arbeit.

Thomas Mrazek

---

Ältere Ausgaben der Serie Mutmacher*innen im BJVreport

Der vorgenannte Artikel über die BISS, Weiterlaufen, ist innerhalb der Reihe Mutmacher*innen erschienen. Hier finden Sie die bisher erschienenen Artikel.

  • Die eigene Stadt erklären – Die Münchner Kinderzeitung vermittelt Medienwissen von Kindern für Kinder, Heft 4/2024
  • Der Technik-Michel macht sich zur Marke – Johannes Michel vermittelt Fachwissen verständlich für alle, Heft 2/2024
  • In der Stadtgesellschaft angekommen – Alexandra Haderlein hat es mit Relevanzreporter.de geschafft, einen anderen Lokaljournalismus in Nürnberg zu etablieren, Heft 1/2024
  • Feines Hörwerk aus der Podcast-Schmiede – Kugel und Niere erzählen und produzieren mit viel Leidenschaft Audio-Shows, Heft 2/2023
  • Gutes Handwerk, Schnelligkeit und viel Fleiß – Mit fussball.news kann der Münchner Daniel Michel in der Bundesliga mitspielen, Heft 1/2023
  • Der Vernetzer braucht weitere Unterstützer – So nützlich die Plattform torial sein mag: Eine Finanzierung ist schwierig, Heft 6/2022
  • Auch mal Kante zeigen – Tegernseer Stimme ist zum selbstbewussten Medienunternehmen gewachsen, Heft 4/2022 Die Tegernseer Stimme stellte Ende 2024 ihren Betrieb ein. )-:
  • Cool, aber streitbar – Regensburg Digital startete einst mit dem Slogan „unabhängig, mutig, unterfinanziert”, Heft 3/2022
  • Journalistischer Pionier – Marco Eisenacks MUCBOOK will ein anderes München zeigen, Heft 2/2022
  • Dem Kunstschaffen verfallen – Auch nach 150 Ausgaben seines Bürgerblick ist Hubert Denk nicht müde, Heft 1/2022
  • Kultur mit Understatement – Das Münchner Feuilleton kann sich seit zehn Jahren behaupten, Heft 6/2021
  • Und jetzt kimmt Ihr! MUH – die Zeitschrift über bayerische Aspekte kann sich behaupten, Heft 5/2021
  • „Gemeinsam kann man unheimlich viel erreichen“ – Crowdfunding-Kampagne zeigte: Viele glauben an das neue Grafikmagazin, Heft 3/2021

Thomas Mrazek