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BJVreport

„Eine Redaktion 95,5 Charivari gibt es nicht mehr!“

20.08.2026
Artikel aus dem BJVreport von
Maria Goblirsch

Blauer Himmel über einer Funkantenne.

Rund 20 Mitarbeitenden wurde aus wirtschaftlichen und strategischen Gründen gekündigt.

Im März strahlte der weiß-blaue Himmel über München und über dem Pressehaus von Merkur und tz in der Paul-Heyse-Straße noch ungetrübt. Die Stimmung in der Redaktion des Privatradios 95,5 Charivari, das im vierten Stock logiert, war gut. Die Belegschaft wurde gelobt, denn in der gerade veröffentlichten Media Analyse (MA) Audio 2026 hatte das Privatradio gute Reichweiten erzielt. Täglich nutzten 79.000 Hörer*innen über 14 Jahren das Programm – eine deutliche Steigerung gegenüber dem Vorjahr. 

Nur wenige Tage später war es vorbei mit der Schönwetterlage. Der Sender kündigte rund 20 Mitarbeitenden aus Redaktion, Produktion und Online und stellte sie frei. Die Kündigungen kamen für die Belegschaft offenbar völlig überraschend. 

„In der Woche davor war noch alles eitel Sonnenschein. Wir hörten, dass wir auf einem guten Weg seien. Und dann schicken die uns die Kündigung. Das ist eine ganz faule Nummer“, sagt eine Mitarbeiter*in gegenüber dem BJVreport. „Wir sind die Leute, die den Laden 35 Jahre lang im Saft gehalten haben und dafür sorgten, dass der Sender schwarze Zahlen schrieb. Mit ältester Technik, in heruntergewirtschafteten Büros. Es wurde nie investiert, immer nur Gewinne abgeschöpft. Nun sollen wir das ausbaden und den Verlust tragen“, schimpft ein anderer. Das Team sei über viele Sendejahre wie eine Familie zusammengewachsen, das habe man auch draußen gehört. Nun werde das alles mit brachialer Gewalt zerstört. 

Eine Million Euro Minus pro Jahr

Das Unternehmen rechtfertigt die Kündigungswelle mit wirtschaftlichen und strategischen Gründen. Von einer Millionen Euro Minus pro Jahr ist in der Branche die Rede. Die Gesellschafter, je zur Hälfte die NürnbergerUnternehmerfamilie Oschmann und die Ippen Verlagsgruppe – hätten bereits ordentlich privates Geld zugebuttert. Nun hätten sie Druck gemacht und wollten endlich schwarze Zahlen und moderne Programmstrukturen sehen. 

Realisieren soll(te) dies Till Coenen, Geschäftsführer von 95,5 Charivari – und gleichzeitig Geschäftsführer des (eigentlichen) Konkurrenzsenders Radio Arabella, der im Erdgeschoss des Medienhauses in der Nähe des Hauptbahnhofs residiert. Also nur drei Etagen unter den Räumen von 95,5 Charivari. Diese räumliche Nähe erweist sich gerade als recht nützlich, denn die Lösung der wirtschaftlichen Misere sollen Synergieeffekte und eine Kooperation von Charivari 95,5 mit Radio Arabella sein. Redaktionsmitglieder sprechen da eher von einer Übernahme. „Eine Redaktion Charivari gibt es nicht mehr!“

Erste Schritte einer Zusammenarbeit gab es bereits in den letzten eineinhalb Jahren. Wie aus Mitarbeiterkreisen zu hören ist, wurde damals die Rezeption von 95,5 Charivari im vierten Stock geschlossen und die Mitarbeitenden gekündigt. Der Empfang wird nun von Radio Arabella im Erdgeschoss betreut. Auch die Eventabteilung von Radio Charivari wurde bereits aufgelöst und an das Eventteam von Radio Arabella übertragen, so eine Info aus der Belegschaft. „Mit unserem Branding, unseren Shirts und dem kompletten Equipment“, und die organisierten jetzt alle Veranstaltungen von 95,5 Charivari – vom Wiesnauftritt bis zu Kundenevents.

„Lokalradio geht nur mit einer gut besetzten Redaktion, die vor Ort ist.“ - Uschi Braun, Vorsitzende Fachgruppe Rundfunk

Auch bei Programminhalten sei schon in den letzten Monaten stark abgebaut worden, Reportagen seien nicht mehr erwünscht gewesen und Wortanteile gekürzt worden. Nun solle das Team von Radio Arabella auch das Programm von Charivari mit übernehmen, obwohl dort schon „von der Arbeit her die Hütte brennt“.

Eine solche Änderung des Programms muss die Bayerische Landeszentrale für Neue Medien (BLM) in München genehmigen. Der Antrag „Programmkooperation 95.5 Charivari mit Radio Arabella“ wurde im Medienrats-Ausschuss für Inhalte und Medienkompetenz am 30. April behandelt und „im Wesentlichen mit der Notwendigkeit begründet, die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Senders abzusichern. Der Anbieter hat dafür ein Konzept zur Programmkooperation mit Radio Arabella im Nachrichtenbereich vorgestellt. Dieses Konzept war aus Sicht des Ausschusses plausibel und erforderlich, um den Sendebetrieb zu erhalten“, teilte BLM-Präsident Thorsten Schmiege auf Anfrage des BJVreports mit. Und: „Von der Kündigung der gesamten Redaktion, wie Sie schreiben, ist der BLM nichts bekannt. Die konkreten Personalentscheidungen obliegen letztlich dem Sender.“

Und diese Entscheidungen der Gesellschafter spüren die betroffenen Mitarbeitenden – einige von ihnen seit Jahrzehnten oder sogar von Beginn an beim Sender – in aller Härte. Viele stehen noch immer unter Schock. Sie fürchten, keine neuen Jobs zu bekommen, wissen nicht, „von was wir künftig die Miete bezahlen sollen“. Gerade wird über Abfindungen verhandelt, fast alle gekündigten Mitarbeiter*innen klagen auf Fortsetzung des Beschäftigungsverhältnisses. Alle bisherigen Güteverhandlungen scheiterten unter anderem daran, dass den Gekündigten nur eine Abfindung in Höhe eines Viertel-Monatsgehalts pro Beschäftigungsjahr angeboten wurde (Stand Mitte Juli 2026). 

„Stellt nicht zu hohe Forderungen“

Ein weiterer Streitpunkt: Es wurde betriebsbedingt gekündigt, was bedeutet, dass der Arbeitgeber eine Sozialauswahl treffen muss. Er muss also nach sozialen Kriterien wie Betriebsdauer, Lebensalter oder Unterhaltspflichten abwägen, wer gehen muss. Wer aber muss im Fall von 95,5 Radio Charivari in diese Sozialauswahl einbezogen werden? Nur die Beschäftigten des Senders oder auch die von Radio Arabella, weil beide Sender längst ein gemeinsamer Betrieb sind? 

Wegen der schwebenden Verfahren wollen sich die meisten Betroffenen gegenüber dem BJVreport nicht äußern. Zu groß ist die Angst, bei der Abfindung den Kürzeren zu ziehen. Es wurde aber berichtet, dass auf die klagenden Mitarbeiter*innen Druck ausgeübt wurde, die angebotene Abfindung anzunehmen und damit de facto die Kündigung zu akzeptieren, weil sonst die Insolvenz drohe. „Stellt nicht zu hohe Forderungen, sonst sperren wir den Laden zu“, habe es geheißen. 

Zudem hätten die gekündigten Beschäftigen inzwischen Stellenangebote erhalten, mit der Aufforderung, sich zu bewerben und dies auch nachzuweisen. Einige davon bei Konkurrenzsendern oder auch Angebote, die den Qualifikationen wohl in keiner Weise entsprachen. 

Wie soll nun die Neuausrichtung des Senders aussehen? Wird es weiterhin Live-Moderationen und Live-Reportagen aus dem Lokalen geben? Geschäftsführer Till Coenen sagte einen mit dem BJVreport vereinbarten Interviewtermin ab, da der BJV eine Mitarbeiter*in von 95,5 Charivari rechtlich vertrete. Auch die Beantwortung der schriftlich gestellten Fragen lehnte er ab, da die Umstrukturierung noch in vollem Gange sei. 

Gegenüber radioszene.de äußerte sich der Charivari-Geschäftsführer allerdings und betonte, das Funkhaus als geschlossene Manufaktur sei ein Modell des vergangenen Jahrhunderts. Und wörtlich: „Das Netzwerkmodell, in dem Kompetenzen gezielt eingekauft und gesteuert werden, ist das Modell der Gegenwart.“ Für Hörer und Werbekunden bleibe das Ergebnis stabil. 

Übersetzt heißt das wohl, dass der Sender Material aus Pools beziehen wird. Und dass es neben der Produktion von Inhalten Zukäufe und Kooperationen geben soll. Weiterhin soll die Dienstleistungsgesellschaft für Bayerische Lokal-Radioprogramme (BLR) in Garching bei München Informationen und Korrespondentenberichte bereitstellen. 

Vom Urgestein bleibt nur noch eine Hülle

Diese bietet in ihrem Audioshop Nachrichten (classic news, Top news und Regio News, siehe blr.de), zur Überspielung als mp3-Datei per FTP-Pull sowie zusätzlich in Textform an. Auch Wetter und Verkehrshinweise gehören zum Leistungskatalog. Ob „Buntes, Boulevard, Sport oder aktuelle Ereignisse, die Bayern bewegen – in der aktuellen Redaktion recherchieren wir für Sie ein breites Spektrum an Themen“, heißt es auf der BLR-Website. Moderationen mit O-Ton oder produzierten „Bits“ inklusive. 

Gesendet werden soll also Cloud-basiert. Das heißt in der Praxis, dass die klassische Radiotechnik wie Mischpult und Server nicht mehr vor Ort von einem Moderator bedient, sondern in die Cloud verlagert wird. Das Programm wird über einen Webbrowser gesteuert, Moderationen, Musik und Werbeeinblendungen zentral gespeichert und von den Lokalsendern nach Bedarf abgerufen. Eigene Beiträge wie lokale Moderationen können hochgeladen und eingebaut werden. 

Was hat das noch mit lokaler Vielfalt zu tun? Uschi Braun, Fachgruppenvorsitzende Rundfunk im BJV, kritisiert: Lokalradio gehe nur mit einer gut besetzten Redaktion, die vor Ort ist. „Schafft man sie fast vollständig ab, ist es kein Lokalsender im eigentlichen Sinne mehr“, sagt sie. Leider gehe der Trend zunehmend zu dezentralen Abspielstationen aus der Konserve. „Dabei ist doch lebendiges und auch nicht perfektes Liveradio auch in Zukunft das Rezept gegen eine quasi entmenschlichte KI-Retorte.“

Wie steht die BLM, die den Erhalt der lokalen Medienvielfalt zur Aufgabe hat, zu der geplanten Programmänderung bei Charivari 95,5? „Kooperation – auch in programmlicher Hinsicht – ist dann sinnvoll, wenn die lokale Identität der jeweiligen Sender erhalten bleibt“, so BLM-Präsident Thorsten Schmiege auf Anfrage des BJVreports. „Mit dem vorgelegten Sanierungskonzept des Senders soll diese lokale Identität erhalten und abgesichert werden. Das werden wir mit Blick auf die geplante Programmkooperation von 95,5 Charivari und Radio Arabella in München auch genau beobachten.“

Dieser Artikel erschien zuerst im BJVreport 03/2026.


95,5 Radio Charivari 

Sendestart war am 1. April 1986, empfangen werden kann das 24-Stunden-Programm analog und digital im Raum München und im Umland. Zielgruppe sind Hörer*innen im Alter von 25 bis 49 Jahren. Gespielt werden Hits der Achtziger, Neunziger und Zweitausender, dazu gibt es regionale Berichterstattung, Lokalnachrichten und Events zur Hörerbindung. Neben dem klassischen Radioprogramm bietet der Sender im Internetradio zehn Streams mit verschiedenen Musikrichtungen an. In Redaktion, Produktion und weiteren Teams arbeiten insgesamt rund 40 Beschäftigte, darunter auch ein Volo und freie Mitarbeiter*innen.

Gesellschafter sind neben der Neue Welle – Antenne München Rundfunk Programmanbieter-Gesellschaft mbH (Oschmann), die Münchener Zeitungsverlag GmbH & Co. KG sowie Merkur tz Redaktions GmbH & Co. KG und damit die bayerischen Medienfamilien um Gunther Oschmann und Dr. Dirk Ippen zu je 50 Prozent.  (mgo)


Private Radiosender schreiben rote Zahlen

95,5 Charivari ist ein weiterer lokaler Sender, der in finanzielle Schieflage geraten ist. Private Radiosender in Bayern kämpfen seit Jahren unter Druck oder gingen bereits wie EgoFM oder Extra-Radio aus Hof in Insolvenz, weil die Ausgaben für Personal, Technik, UKW-Verbreitung (mit hohen Kosten für weite Strecken zu UKW-Sendern gerade in ländlichen Gebieten), Musikrechte, und die Verbreitung über DAB+ steigen. Im Gegenzug schwinden die Einnahmen, weil Werbegelder zu Plattformen wie Google, Meta oder Amazon gehen. Daher sucht die Branche nach Lösungen, zuletzt auf den Nürnberger Lokalmedientagen 2026. Kooperationen und Cloud-Technologien werden als zentrale Werkzeuge für die Zukunft des Lokalradios gesehen. Das klassische On-Air-Radio müsse mit Podcasts und Social Media vernetzt werden, dem Einsatz von künstlicher Intelligenz kommt eine wesentliche Aufgabe unter anderem für Automatisierung und neue Tools zu (Mehr Infos unter lokalmedientage.de).

Bayern Radio Privater Rundfunk
Landesverband Bayern Privater Rundfunk Radio DJV-Publikation

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