Franken-Nordbayern
Digitaler Aufbruch beim Verlag Nürnberger Presse
Bericht von
Sebastian Müller
Digital-Experte Maximilian Wachter präsentiert die regelbasiere Layout-Automatik für die Produktion von NN und NZ.
BJV-Mitglieder besuchten das neue Verlagsgebäude des Verlags Nürnberger Presse.
Großes Interesse von BJV-Mitgliedern beim Besuch des „Cubes“, der neuen Redaktionsräume des Verlag Nürnberger Presse (VNP). Über 30 Gäste konnten auf Einladung der BJV-Fachgruppen Print und Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie des Bezirksverbands Franken-Nordbayern Einblicke hinter die Kulissen in die modernen Büroräume des Verlags gewinnen. Hintergründe zur digitalen Strategie mit künstlicher Intelligenz und zur Ausbildung von Volontär/innen rundeten das Treffen ab.
Nach der Begrüßung durch Hans von Draminski (VNP, Vorsitzender Bezirksverband Franken/Nordbayern und Fachgruppe Print) und den stellvertretenden NN-Chefredakteur Armin Jelenik folgte eine Präsentation von Ella Schindler zur neuen Redaktionsstruktur und Volontariat. Der KI-Experte und Leiter des Produktionsdesks Maximilian Wachter, gab Einblicke in die digitalen Abläufe. „Print wird uns auf Dauer nicht ernähren können, da müssen wir uns auch digitale Geschäftsmodelle aufbauen“, betonte Ella Schindler. „Digital first“ werde den Volontären von Anfang an ins Stammbuch geschrieben.
Von der Nachkriegszeit ins KI-Zeitalter
Immer wieder ist an dem Abend zu spüren: Der VNP bricht ins neue, digitale Zeitalter auf, will aber seine Wurzeln nicht vergessen. Das ist auch zu sehen an einer „Zeitungsrolle“, die sich an der Decke durch die Räume im 2. Stockwerk des „Cube“ schlängelt. Auf Flächen an der Wand prangt öfter das Wort „Demokratie“. Ein Artikel des NN-Gründers Joseph Eduard Drexel (1896–1976) ist dort unübersehbar zu lesen. Drexel war ein deutscher Journalist, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und Gründer der Nürnberger Nachrichten (NN). Als Gegner des NS-Regimes wurde er inhaftiert und überlebte die Zeit im Konzentrationslager. Aufgrund seiner Haltung erhielt er 1945 die Lizenz für die Zeitung.
Heute liegen die Herausforderungen für die rund 110 redaktionellen Mitarbeitenden vor allem im Digitalen und Wirtschaftlichen – es müssen Abos verkauft werden, insbesondere online auf nn.de. Die Themen, so Ella Schindler, sollen vor allem die Faktoren „Engagement“ (z.B. Schlüsselloch-Blick und Big Community) sowie einen Faktor „User Need“ erfüllen. Redakteur/innen müssen die Themen nach diesen Kriterien pitchen; Themenmanger/innen nehmen diese ab und Reporter/innen setzen sie um, während der Produktionsdesk Seiten für Print füllt. Ausgespielt werden die Themen auf nn.de, nordbayern.de und im Print. „Wir müssen Kreativität jeden Tag leben und ‚out oft the box‘ denken, damit wir unsere Leser erreichen“, so Schindler.
Volos beim VNP: Crossmedial und resilient
Im Herbst startet der 48. Volontärsjahrgang, der auf der langen Tradition im Hause aufbaut und weiterhin zwei Jahre dauert. Weiterhin gibt es einen Grundkurs, ein Seminar bei der Stadt Nürnberg sowie ein Justizseminar. Die angehenden Redakteur/innen werden crossmedial ausgebildet und ihnen wird sogar eine Trainerin zum Thema Resilienz an die Seite gestellt. „Denn uns weht oft auch Hass entgegen, da muss man lernen, wie man reagiert und sich abgenzt“, so Schindler. Die Volos verbringen auch Zeit am Desk und im modernen Podcast-Studio im Haus, lernen Video-Schnitt und erarbeiten pro Jahrgang ein crossmediales Projekt mit einem Budget von 5000 Euro, das einen Monat lang dauert. Auch KI spielt in der Ausbildung bereits eine wichtige Rolle.
Im „Cube“ hätten sich die Redakteur/innen etwa ein Jahr nach dem Umzug von der rund 800 Meter entfernten Marienstraße gut eingelebt, berichtete Armin Jelinek. Ziel sei das papierlose Büro, es gebe keine festen Arbeitsplätze mehr und Home-Office sei eher die Regel als die Ausnahme. In den Großraumbüros gibt es kleine Kabinen zum Telefonieren oder Räume für kurze Besprechungen. Schallschutz an Decke und Boden sorgt für Ruhe.
KI optimiert Texte und baut Zeitungsseiten
Digital-Experte Maximilian Wachter, der viel Erfahrung von der Mittelbayerischen Zeitung mitbringt, räumte ein, dass es immer schwerer werde, die Texte und journalistischen Inhalte „auf die Straße“ zu bringen. Gleichwohl habe der VNP im Jahr 2025 rund 60.000 Artikel und Meldungen erstellt. Technik sei Teil des Berufsbildes geworden, KI und automatisierte Prozesse sind im Redaktionsalltag selbstverständlich. Über den Online-Dienst „VNP-Direkt“ will man stärker mit Vereinen und Institutionen zusammenarbeiten: Diese können über das Portal Texte und Fotos hochladen. KI optimiert hier bereits Texte oder lässt diese schreiben. So entstehen fertige Artikel, die dann ins Redaktionssystem gestellt und von Redakteur/innen geprüft werden.
Der VNP hat hierzu eine eigene KI-Software mit einem Startup entwickelt und mit eigenen Daten trainiert. „Da haben wir festgestellt, dass die Trainingsdaten eine hohe Qualität haben müssen, damit die KI lernt, was wir wollen“, so Wachter. Zudem nutzt der VNP ChatGPT, gehostet auf europäischen Servern. Für die Print-Produktion betreibt der VNP für NN und NZ eine regelbasierte Layout-Automatik. Die Seiten für alle Heimatzeitungen werden inzwischen am Desk produziert. Der Automatisierungsgrad liege schon bei 70-80 Prozent. Die Seiten werden aus verschiedenen Eingangskanälen aus dem Redaktionssystem nach festgelegten Kriterien befüllt. Wachter zeigte dies am Beispiel einer Freitagsausgabe für Neumarkt: Etwa fünf Seiten waren nach weniger als einer Minute gebaut. Nacharbeiten muss der Desk derzeit vor allem bei Meldungsspalten. „Wir gewinnen so Zeit für wertigeren Inhalt, etwa der Produktion eigener Grafiken oder mal wieder einem Freisteller“, so Wachter.