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BJVreport

Sagen Sie mal: „Schlager ist kein Alleinstellungsmerkmal des BR“

31.03.2026
Interview aus dem BJVreport von
Senta Krasser

Anja Miller – hier im Einsatz als Spendenfee bei der TV-Gala „Sternstunden“ im Dezember 2025 in der Frankenhalle – hört hin und wieder auch Schlager, wenn sie mit dem Auto durch Franken fährt. Auf die Welle BR Schlager, seit 2015 von Nürnberg aus bayernweit on Air, muss sie ab 2027 verzichten. Für das betroffene Team sucht Miller sozialverträgliche Lösungen.

Die frühere Rom-Korrespondentin Anja Miller muss jetzt im Regionalstudio Franken den Sparauftrag der Politik umsetzen.

Der im Dezember 2025 mit Biegen und Brechen durch die Parlamente gebrachte Reformstaatsvertrag hat auch Folgen für das Regionalstudio des BR in Nürnberg. Es wird seit Herbst 2024 von Anja Miller geleitet. 

Sagen Sie mal, Frau Miller, ist BR Franken ein Verlierer des Reformstaatsvertrags? 

Anja Miller: BR Franken ist und bleibt das größte Regionalstudio des BR. Was jetzt passiert ist: Die Öffentlich-Rechtlichen haben die Leitplanken von der Politik noch einmal klar definiert bekommen. Auf dem Tisch liegt die Reduzierung von ARD-Wellen. Davon ist eine in Franken betroffen. 

Sie müssen Ihrem Radio BR Schlager bis Jahresende den Stecker ziehen. Gleiches gilt für BR24 live und BR Verkehr in München. Dort sendet BR Puls bereits seit 13. Januar nicht mehr linear … 

… aber uns wurde aufgetragen, ein attraktives Online-Angebot aufzubauen. Im März 2026 wird deshalb die ARD Audiothek neu aufgerichtet und ARD Sounds an den Start gehen. Das ist ein Quantensprung für unseren Audio-Bereich. Ich bin sehr zuversichtlich, dass dort auch die Community des Schlagers ein Zuhause finden wird. 

Geht BR Schlager komplett in ARD Sounds auf? 

Wir werden das, was wir im Radio gemacht haben, nicht eins zu eins in das Digitale verschieben. Sondern: Es wird bei ARD Sounds ein neues Schlagerangebot geben. Unserer Aufgabe wird es sein, bis Jahresende BR Schlager zu beenden und gleichzeitig ein neues Angebot unter Federführung des MDR, zusammen mit anderen Sendern zu entwickeln. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich unsere erfolgreichen Sendungen „Die ARD Schlagerhitparade“ oder „Die Showbühne“ – übrigens die einzige Musical-Sendung im Öffentlich-Rechtlichen – dort wiederfinden. 

Federführend bei ARD Sounds ist also der MDR. Was hat BR Franken da noch zu melden? 

Ich freue mich sehr, dass es uns gelungen ist, eine Verantwortung für ARD Sounds im BR nach Franken zu holen: Susanne Maué, bislang Chefin vom Dienst bei BR Schlager, wird mit verantwortlich sein für das neue Angebot. Sie hat das richtige Gespür, welche Schlagerinhalte wir bei ARD Sounds unterbringen können. Was mich auch sehr freut: Begleitend zum Start von ARD Sounds werden wir vom 7. bis 10. Mai in Nürnberg ein Podcast-Festival ausrichten. 

Was passiert mit dem Rest des Teams von BR Schlager? 

Beim neuen Schlagerangebot werden weniger Leute arbeiten. Das ist leider so. Wir werden versuchen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einschließlich der 12a-ler im Haus auf anderen Projekten gut einzusetzen. Wir haben innerhalb des BR eine Datenbank, in der ersichtlich ist, wer sucht und wer anbietet. Es geht darum, Matches zu finden, wo ein Mitarbeiter sich in Zukunft sieht und gut hinpassen würde. 

Betriebsbedingte Kündigungen wird es aber nicht geben? 

Wir suchen sozialverträgliche Lösungen. Mein großer Respekt gilt den Kolleginnen und Kollegen, die die Schlagerwelle mit enormem Engagement weiterfahren und sich gleichzeitig noch so viele kreative Gedanken machen in dieser Zeit, die wirklich sehr schwer ist. 

Nun trifft das Streichkonzert die einzige Welle, die ausschließlich bei Ihnen in Franken hergestellt und bayernweit gesendet wird. Wie schwer wiegt Ihr Trennungsschmerz? 

Ich kann die Entscheidung insofern mittragen, als Schlager kein klassisches Alleinstellungsmerkmal des Bayerischen Rundfunks ist. Wir haben über viele Jahre in verschiedenen Strategieprozessen unseren Markenkern geschärft: Was ist die Einzigartigkeit Bayerns? Wofür wollen wir in der Zukunft stehen? Was können nur wir als BR anbieten? Und das ist vor allem die regionale Berichterstattung. Das Interesse daran ist enorm. Die Marktanteile von „Frankenschau aktuell“ konnten wir um sechs Prozent steigern im Vergleich zum Jahr 2024. Gerade als Regionalchefin sehe ich, wie unfassbar wichtig es ist, dass wir den Leuten zeigen: Wir sind da, wo ihr seid, nah bei euch mit echten Korrespondenten und auch mit Events wie der „Fastnacht in Franken“ oder dem Nürnberger „Klassik Open Air“ – das übrigens mehr Zuschauer vor Ort hat als „Klassik am Odeonsplatz“. Das macht uns auch im Wettbewerb mit den Tech-Konzernen einmalig. 

Der Wirtschaftsplan des BR für 2026 weist einen Fehlbetrag von 96 Millionen Euro aus. Und die Beitragserhöhung könnte ab 2027 geringer ausfallen als ursprünglich geplant. Wie viel Gestaltungsspielraum bleibt Ihnen da noch in Franken? 

Über mangelnden Gestaltungsspielraum können wir uns nicht beklagen. Für 2026 ist alles projektiert und finanziert. Aber natürlich überprüfen wir laufend, was sinnvoll und was möglich ist. Das Gebot der Stunde sind Kooperationen. Deshalb werden wir die Instagram-Kanäle „BR Franken“ und „Wir in Bayern“ Anfang 2026 zusammenführen unter dem Namen „Mensch.Bayern“. 

Franken sind schnell empfindlich, wenn sie das Gefühl haben, nur in der zweiten Reihe zu stehen oder gar benachteiligt zu werden, weil sich alles stark auf die Landeshauptstadt und Oberbayern konzentriert. Teilen Sie den Eindruck? 

Die Franken haben oft mehr zu bieten, als sie zeigen. Das ist in Oberbayern, wo ich herkomme, manchmal andersrum. Deswegen sehe ich meine Aufgabe darin, all die tollen Dinge, die es in Franken und bei BR Franken gibt, noch mehr ins Schaufenster zu stellen und noch mehr Brücken nach München zu bauen. Der BR Franken ist ja der BR im Kleinen. Die Wege sind kurz, man kommt oft schneller zu guten Lösungen. Als wir zum Beispiel in Produktion und Verwaltung sparen mussten, entstand hier ein Studio, das mit Roboter-Kamera und Remote-Regie funktioniert. Total innovativ! Aber das passiert oft im Stillen. 

Wer das Franken-Studio des BR leitet, war immer schon ein medienpolitisch großes Thema in Nordbayern. Im Oktober 2024 folgten Sie auf Tassilo Forchheimer, gebürtiger Münchner wie Sie. Wie wurden Sie empfangen? 

Die Franken schauen sich erst mal an, wie man so arbeitet und ob man ihre Themen ernstnimmt. Oder ob man nur mal angefahren kommt, was zum Besten gibt und dann wieder verschwindet. Wenn man bewiesen hat, dass man es wirklich ernst mit ihnen meint, dann gibt es unheimliches Wohlwollen. 

Sie leben vor Ort? 

Ja, die Entscheidung stand von Anfang an, dass ich mit meiner Familie vom ARD-Studio in Rom direkt nach Nürnberg ziehe. Teil meines Jobs ist ja auch, dass ich mich in diversen Stiftungen, Beiräten und Kuratorien engagiere. So bekomme ich viel mit, so ergeben sich tolle gemeinsame Projekte wie im vorigen Herbst die Podiumsdiskussion „80 Jahre Nürnberger Prozesse“ mit den Nürnberger Nachrichten

Vom Petersdom zur Kaiserburg – exakt diesen Weg ging auch Tassilo Forchheimer … 

… als ob die Wege nach Nürnberg jetzt grundsätzlich über Rom führen – das wurde schon öfter scherzhaft angemerkt. (lacht) Aber nein, es ist purer Zufall. BR Franken zu übernehmen, empfand ich als riesige Chance, weil die Bandbreite an Themen und Tätigkeiten enorm ist. Abgesehen davon: Ich habe in Bamberg studiert und währenddessen beim BR als Hörfunkreporterin gearbeitet. Es fühlte sich für mich wie nach Hause kommen an. 

Es heißt, wer sich in Franken gut schlägt, empfiehlt sich für höhere Weihen in München. Thomas Gruber wurde einst sogar Intendant. Ist dieser Posten für Sie eine Art Durchlauferhitzer? 

Nein, so denke ich nicht. Und ich hoffe, dass die Kolleginnen und Kollegen das nicht von mir denken. Ich habe schon viele Stationen beim BR durchlaufen: das ARD-„Mittagsmagazin“, die Ausbildungsredaktion, die „Rundschau“ und die „Abendschau“, dann Rom, jetzt Franken. Egal, wo ich bin, ich mache die Sachen immer zu 100 Prozent. Mein Ziel in Franken ist: Ich möchte mit den Kolleginnen und Kollegen die Transformation gut hinbekommen. Ich will das Brückenbauen nach München gut hinbekommen. Ich will das neue Schlagerangebot gut hinbekommen. Das geht nicht, wenn man mit einem Fuß irgendwo anders ist. Ich bin mit beiden Füßen und mit dem Herzen in Franken. Und das wird auch so bleiben. 

Was läuft eigentlich bei Ihnen im Autoradio? Schlager? 

Ich fahre wahnsinnig viel Auto quer durch Franken. Ich habe Wochen mit 1.000 Kilometern auf dem Tacho. Das hat den Vorteil, dass ich mich durch unser gesamtes Angebot hören kann. Wenn ich den Kopf freibekommen will, höre ich Bayern1. Wenn ich mich auf den neusten Stand bringen will, BR24, abends BR Klassik. Es gibt eigentlich nichts, was ich nicht höre. Schlager gehört auch dazu. 

Dieser Artikel erschien zuerst im BJVreport 01/2026



Anja Miller 

wurde am 4. November 1974 in München geboren. In Bamberg studierte sie Diplomgermanistik, Journalistik, Wirtschaft und Geschichte, in Kanada Literaturwissenschaften. Während des Studiums knüpfte sie als freie Radioreporterin erste Kontakte mit dem BR, bei dem sie ab 1996 volontierte. Ihre erste feste Stelle im Sender hatte sie in der Wirtschaftsredaktion. 2001 stieg sie beim damals vom BR produzierten ARD-„Mittagsmagazin“ als stellvertretende Leiterin und Chefin vom Dienst ein. Ab 2012 leitete sie die Ausbildungsredaktion bis zu ihrem Wechsel 2014 in die Fernsehaktualität. 2021 wurde sie ARD-Studioleiterin in Rom, wo sie seit 2005 vertretungsweise ausgeholfen hatte. Seit 1. Oktober 2024 führt Miller das Regionalstudio in Franken.


Radio Bayern News
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