BJVreport
Ein Koffer voller Bänder und viel Mut
Artikel aus dem BJVreport von
Maria Goblirsch
Porträts der Schauspielerin Monica Faber aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Im BR-Studio bei der Aufnahme eines Hörspiels.
Monica Faber hat mehr als 60 Jahre für Hörfunk, Film und Fernsehen gearbeitet. Mit 99 Jahren ist sie das älteste BJV-Mitglied.
Das Jahr 1926 war ein Schlüsseljahr der „Goldenen Zwanziger“. Deutschland trat als vollwertiges Mitglied dem Völkerbund bei. In Berlin wurde der Friedensvertrag mit der Sowjetunion geschlossen. Außenminister Gustav Stresemann erhielt den Friedensnobelpreis. Die Lufthansa AG wurde gegründet, der Berliner Funkturm gebaut, das Bauhaus in Dessau eröffnet. Es war das Geburtsjahr von Queen Elizabeth II., Marilyn Monroe und Fidel Castro.
Am 6. Dezember 1926 kam in Berlin auch Monica Faber als einziges Kind des damals berühmten Schauspielerehepaars Erwin Faber und Grete Jacobsen zur Welt. Der Vater erhielt sein erstes Engagement 1916 an den Münchner Kammerspielen. Er war ein Jugendfreund von Bertold Brecht, der ihm in seinen Stücken wichtige Rollen auf den Leib schrieb. Die Mutter begann ihre Karriere in Wien und wechselte später an die Münchner Kammerspiele. Die Kunst des Schauspiels, das Sprechen und Rezitieren klassischer Rollen und Stücke sei ihr quasi in die Wiege gelegt worden, erzählt die heute 99-jährige Monica Faber. Als gefragte junge Schauspielerin trat sie auf vielen Bühnen auf und arbeitete mehr als 60 Jahren lang als Sprecherin, Moderatorin sowie feste freie Autorin für den Bayerischen Rundfunk in Radio und Fernsehen. Ihren letzten Film, ein Feature über die Olympia-Reitsportanlage in München, drehte sie für den BR im Alter von 82 Jahren. Sie ist das älteste Mitglied im BJV, dem sie seit 1977 angehört.
Nun sitzt sie im Wohnzimmer ihrer geräumigen Wohnung im dritten Stock (ohne Aufzug!) eines Wohnhauses im Münchner Stadtteil Untergiesing und erzählt klar und pointiert aus ihrem Leben. An den Wänden hängen Gemälde, einige aus den 1920-er-Jahren, und ein Porträt von Lucas Suppin, das sie als junge Schauspielerin zeigt. Zeichnungen (Motiv oft: Pferde, eine ihrer großen Leidenschaften), gerahmte Fotografien, Plastiken.Andere große und kleinere Preziosen auf Tischen und Regalen erzählen Geschichte. Monica Faber ist eine empathische Persönlichkeit mit starkem Willen, den sie früh durchzusetzen vermochte. Der Körper wolle nicht mehr ganz so wie sie es gerne hätte, auch die Sehkraft und das Gehör lassen nach, sagt sie. Aber der Kopf arbeite noch ganz gut, täglich lerne sie Texte auswendig. Später rezitiert sie als Beweis dafür ein Gedicht von Erich Kästner – fließend und ohne Spickzettel.
„Ich wuchs von meinen Eltern behütet in Düsseldorf, später in Salzburg und Wien auf. Unser Leben hing in der Nazizeit am seidenen Faden, aber das haben meine Eltern nicht an mich herangelassen“, berichtet die gebürtige Berlinerin. Die Mutter war Halbjüdin, wollte mit der Tochter nach England umsiedeln. Die Berühmtheit des Vaters habe die Familie geschützt. 1933 erhielt Greta Jacobsen Spielverbot und durfte bis 1945 nicht mehr auf die Bühne. Die Familie lebte dann in Wien und Salzburg, was auch die Zukunft der Tochter beeinflusste.
Sprache „mit der Muttermilch“ aufgesaugt
Monica Faber besuchte die Schauspielschule und legte am Reinhardt-Seminar vorzeitig die Abschlussprüfung ab. Sie widmete sich am Mozarteum drei Semester lang der Musik und trat am Landestheater Salzburg auf. Über ein Stipendium verbrachte sie ein Jahr als Schauspielerin in den USA und Hollywood. 1951 wechselte sie, wie ihre Eltern davor, an die Münchner Kammerspiele. Die Presse sagte der bildhübschen jungen Frau in den 1950er-Jahren eine große Karriere voraus. Wie damals üblich, sprach sie auch verschiedene Hauptrollen für das Radio ein. Am 27. April 1951 übernahm sie für den Bayerischen Rundfunk in einer Hörspielfassung die Rolle der Ophelia, später die Titelrolle der Preziosa. Neben zahlreichen Bühnenauftritten in klassischen Rollen spielte Monica Faber auch im Film, unter anderem als Frau Kölbl 1969 im „Königlich Bayerischen Amtsgericht“.
„Ich hatte die Chance, durch viele unterschiedliche Welten zu gehen und alle waren sie interessant. Aber ich hätte nie etwas gemacht, nur um Geld zu verdienen, ich musste immer auch voll zu einer Aufgabe stehen können“, sagt sie. Die Sprache sei ihr dabei immer wichtig gewesen, die habe sie schon als Kind in einer Schauspielerfamilie „wie mit der Muttermilch“ aufgesaugt. Ein Förderer ihrer späteren Karriere war der Journalist und Fernsehmoderator Robert Lembke, der auch Gründungsmitglied im BJV war. Er holte sie 1957 in das Rateteam der ARD-Quizshow „Was bin ich“, dort erriet sie gemeinsam mit dem Nürnberger Staatsanwalt Dr. Hans Sachs, Annette von Aretin und Guido Baumann anhand von typischen Handbewegungen die Berufe der Kandidat*innen. Auch in den Jahren danach arbeitete sie mit Robert Lembke bei Hörfunksendungen zusammen.
Durch die Rateshow war der spätere WDR-Fernsehdirektor Werner Höfer auf die junge Schauspielerin aufmerksam geworden und lud sie zum Casting ein – es war der Start in ihre journalistische Laufbahn. Sieben Männer und sieben Frauen sollten in der Serie „Hier und Heute“, die es immer noch gibt, mit Interviews und Reportagen aus ganz Nordrhein-Westfalen berichten. „Ich hatte von Fernsehen keine Ahnung, auch nicht davon, wie man Interviews führt“, erinnert sich Monica Faber. Sie war inzwischen mit Dr. Rudolf Didczuhn, dem damaligen Unterhaltungschef des BR, verheiratet, und hatte einen kleinen Sohn.
Vieles in ihrem Leben war Learning by Doing, Improvisation und der Mut, Neues auszuprobieren („mehr als schiefgehen konnte es ja nicht“). „Neben uns am Chiemsee wohnte der Sportreporter Sammy Drechsel, den habe ich gefragt, wie man Interviews führt. Und der sagte dann: Du muss die Einstiegsfrage wissen, eine Ausstiegsfrage und eine Zwischenfrage, wenn die Sache ausufert. Und Du musst gut zuhören können und auf die Uhr schauen, dass Du nicht zu lang wirst.“ Mit diesen Tipps des Profis absolvierte die Schauspielerin 1957 erfolgreich das Casting sowie eine Pilotsendung und bekam die Zusage. Es folgten eineinhalb Jahre als WDR-Reporterin und als Moderatorin der Abendsendung „Hier und Heute“. Monica Faber wollte sich nicht nachsagen lassen, bei Aufträgen von ihrem Mann zu profitieren. Bei der Produktion einer Quizshow hatte sie Erich Geiersberger, den Leiter der BR-Redaktion Landfunk (und späteren BJV-Vorsitzenden) kennengelernt. Sie marschierte in sein Büro und bot ihm eine Sendung an. Das Thema: Ist die Pferdezucht ein rentabler landwirtschaftlicher Betriebszweig?
Ihr Sohn Sascha, inzwischen 14 Jahre alt und Pferdenarr, hatte die Einladung zu einem gleichnamigen Lehrgang nach Warendorf erhalten. Das Thema Pferd – als Zuchtobjekt und nicht mehr nur als Arbeitstier – war in den 1960-er Jahren noch recht neu, eine mediale Marktlücke, die Monica Faber von da an füllte. Geiersberger beauftragte sie mit einer 45-Minuten-Sendung und gab ihr noch ein paar Tipps mit auf den Weg. Die junge Journalistin zog „mit einem Bandgerät, das ich heute nicht mehr tragen könnte“ los, führte den Sommer über viele Interviews in Ministerien und mit Züchtern aus ganz Niederbayern – und kam mit einem großen Koffer voller Bänder zurück zum BR. „Und dann haben wir den Schnitt gemacht, da hatte ich ein angeborenes Gefühl dafür.“
Mehrere Kameraleute für eine Produktion, kein Druck, viel Zeit für Recherche und Aufnahmen und Cutter*innen, die sich mit viel Können und Geduld dem Schnitt einer großen Menge an Material widmen konnten – das seien halt ideale Bedingungen gewesen, sagt die Seniorin. Etwas, das man sich heute nicht mehr leisten wolle und könne.
Nicht alles planmäßig, aber folgerichtig
Es folgten in den Jahren danach noch viele Beiträge und Filme, die sie als feste Freie für den BR-Landfunk, für die Wirtschaftsredaktion, für Kultur, Sport und Unterhaltung in Hörfunk und Fernsehen produzierte. Pferde und der Reitsport blieben ein Schwerpunkt, auch in ihrem Privatleben. Sie hat über 100 Pferdefilme gedreht. Bis ins hohe Alter veröffentlichte die Münchner Journalistin dazu Beiträge in Fachzeitschriften und Tageszeitungen. Ihr letzten großen Features wurden digital produziert. Was sie heute vermisst, sei, dass kein Wert mehr auf die Stimm- und Sprachqualität gelegt werde.
„Es hat sich in meinem Leben nicht alles planmäßig, aber irgendwie folgerichtig ergeben. Das lässt mich mit einem Gefühl zurück, dass ich ein gutes Leben gehabt habe, mit allen Höhen und Tiefen“, sagt die 99-Jährige. „Und wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, so kann ich sagen: Ich habe mich keinen einzigen Tag gelangweilt.“
Dieser Artikel erschien zuerst im BJVreport 02/2026