BJVreport
Officestory: Endlich Rom
Artikel aus dem BJVreport von
Senta Krasser
Arbeiten in Berlusconis Bunga-Bunga-Palast – wie skurril ist das denn, denkt sich Elisa Britzelmeier, wenn sie durch die prächtigen Gemächer des Palazzo Grazioli streift, in die 2024 die Vereinigung der Auslandspresse in Italien einzog.
Elisa Britzelmeier hat bei der Süddeutschen Zeitung einen der begehrtesten Korrespondentenjobs ergattert – und einen besonderen Arbeitsplatz dazu.
Silvio Berlusconi, Mailänder Medienmogul und Megaloman, war viermal Ministerpräsident von Italien. Wenn er in Rom war, residierte er im Palazzo Grazioli im Zentrum der Kapitale. Tags traf er im alten Gemäuer wichtige Entscheidungen, nachts machte er „Bunga Bunga“ mit jungen Frauen. Vermutlich würde sich der 2023 Verstorbene im Grab umdrehen, wenn er von seinen Nachmietern wüsste: Es ist die Vertretung der von ihm als „Kommunisten“ beschimpften Auslandspresse. Und es ist auch Elisa Britzelmeiers Arbeitsplatz, seit Oktober 2025 Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung für Italien und den Vatikan.
Eine ihrer ersten Diensthandlungen war, sich der „Associazione della Stampa Estera in Italia“ anzuschließen. 450 Korrespondenten von 350 Medien aus 55 Ländern sind in dieser 114 Jahre alten Institution eingeschrieben. Weil die Auslandspresse das Bild Italiens in der Welt prägt, im Guten wie im Schlechten, leistet sich der italienische Staat seit jeher den Luxus, dem Verein eine imposante Immobilie zur Verfügung zu stellen. Die 1.600 Quadratmeter im zweiten Stock sind mit Stofftapeten, Gemälden und Kronleuchtern ausstaffiert und bieten Platz für Pressekonferenzen sowie zahlreiche Arbeits- und Begegnungsmöglichkeiten. Das Ambiente nimmt Elisa Britzelmeier jedes Mal ein.
„Man hat bei der SZ gelernt, dass es funktioniert, wenn man junge Mütter Jobs an zentralen Stellen machen lässt.“ - Elisa Britzelmeier
Die Mittdreißigerin kann sich gut erinnern, als Berlusconi 2011 als Ministerpräsident zurücktreten musste. Sie war Erasmus-Studentin in Rom und stand als Beobachterin in der Menge, die sich vor seiner Privatresidenz freute, dass der Berlusconismus endlich ein Ende hatte. Jahre später geht sie oft zum Arbeiten dorthin, trifft Kolleg*innen zum Mittagessen und denkt: „Wie skurril ist das denn! Berlusconi hasste alle kritischen Medien und jetzt sitzen sie in seinem ehemaligen Zuhause.“
In ihren bescheideneren vier Wänden hat sich Elisa Britzelmeier Platz für einen Schreibtisch geschaffen. Gut sichtbar ist auf einem Zettel das italienische Buchstabieralphabet, das man beim Telefonieren in Italien immer braucht, wenn das Gegenüber bittet: „Può per favore fare lo spelling?“ Städtenamen helfen, Buchstaben eindeutig zu übermitteln. Auch wenn es „Britzelmeier come Bari-Roma-Imola-Torino“ et cetera nicht nahelegt: Die Journalistin ist qua Geburt halbe Italienerin.
Die Kindheit verbrachte Elisa Britzelmeier auf der Brennerautobahn, um zwischen dem Allgäu und der Heimat des Vaters im Veneto zu pendeln. Dieser sprach meist deutsch mit ihr, doch italienisch hörte sie trotzdem viel, in Filmen, in Kinderliedern. Sie lernte es später auch an der Schule und der Universität. Ihre Aussprache sei „relativ akzentfrei“, sagt sie. „Ich werde von Italienern jedenfalls nicht sofort als Deutsche einsortiert.“ Begegnet ihr Ratlosigkeit, für welche Zeitung sie arbeitet, fügt sie erklärend hinzu: „Die SZ ist wie die Repubblica von Deutschland.“
Die familiären Wurzeln südlich der Alpen sind hilfreich, aber sie waren Elisa Britzelmeier zufolge nicht ausschlaggebend dafür, dass sie einen der beliebtesten Korrespondentenposten überhaupt ergatterte. Immer wieder klopfte sie in der Chefredaktion an, immer wieder wurde ihr gesagt, dass alle nach Italien wollten. Ihr Pfund war, dass sie in der SZ für alle möglichen Formate und immer auch über Italien-Themen geschrieben hatte, schon am ersten Tag im Praktikum bei SZ.de. Als die Eilmeldung vom Rücktritt Papst Benedikts hereinplatzte, bat sie der Homepagechef: „Du sprichst doch italienisch, kannst du an den Newsdesk kommen?“ Von da an war im Haus bekannt: Wenn es in Italien brennt – Elisa kann helfen.
Dienstwoche am Lago di Monaco
2016, inzwischen fertig studiert und mit Vier-Tage-Woche in der SZ involviert, erwischte Britzelmeier eine Phase, in der ein Schwung Pauschalisten fest angestellt wurde, damit das Finanzamt keine Probleme wegen Scheinselbstständigkeit macht. Im Großressort München-Region-Bayern war sie nun Redakteurin, und in dieser Funktion verbrachte sie sogar einmal eine Dienstwoche am Gardasee. Die Idee: Wenn sich halb München am Lago di Monaco herumtreibt, dann muss auch eine Münchner Zeitung da sein. Mit dem Italien-Klischee – man sitzt entspannt am Ufer beim Espresso – hatte das wenig zu tun. Nicht ein einziges Mal konnte Britzelmeier ihren Zeh in den See stecken. Dafür stand sie ewig im Stau, schwitzte und brach sich auf dem Campingplatz fast die Finger ab beim Herunterhacken ihres Textes, damit er rechtzeitig online geht.
Ein Außendienstabenteuer anderer Art erlebte sie 2019. Als erste SZ-Journalistin übersiedelte Britzelmeier an die US-Westküste nach Portland, um die Homepage zu aktualisieren, während die Redaktion in München schlief. Es ist ein auch bei anderen Medienhäusern beliebtes Modell, weil es horrende Nachtzuschläge spart. Für die Auswanderer auf Zeit – nach drei Monaten wird rotiert – hat es den angenehmen Nebeneffekt, dass Vormittage frei sind. Britzelmeier, zum ersten Mal in den USA, erkundete die Gegend. Es gefiel ihr. Doch Italien blieb ihr Sehnsuchtsziel.
Da traf es sich gut, dass ihr das BJV-Mentoringprogramm einen Mentor zur Seite stellte, der ihre Italien-Liebe und -Expertise teilt: Tilmann Kleinjung, seit 2024 ARD-Studioleiter in Rom (siehe „Officestory“ 3/2025). Auf die Frage, inwiefern ihr der Austausch mit ihm zum Erreichen ihrer Karriereziele nützte, antwortet Britzelmeier: „Schwierig zu sagen. Ich hätte es vermutlich auch ohne Mentoring nach Italien geschafft.“ Abgesehen davon sei es nicht Aufgabe von Mentoren, Traumjobs zu vermitteln. „Ich wollte in erster Linie einen Erfahrungsschatz anbaggern.“
Kleinjungs Führungserfahrung und -tipps waren ihr auf jeden Fall sehr nützlich, als sie kurz nach ihrem Start bei SZ-Medien im April 2020 und somit in der krassesten Corona-Phase die Ressortleitung übernahm. Es war eine Schwangerschaftsvertretung. 2021 wurde sie selbst schwanger. Vier Jahre später, da war sie Redakteurin im Panorama, kam das zweite Kind – und dann, endlich, die Zusage für Rom. Dass ihr Muttersein offenbar kein Hindernis war, erklärt Britzelmeier damit, dass man bei der SZ gelernt habe, „dass es funktioniert, wenn man junge Mütter Jobs an zentralen Stellen machen lässt“.
Sie sei auch nicht die erste Korrespondentin mit kleinen Kindern. Ihr Partner, ebenso Journalist, halte ihr den Rücken frei. Sonst würde es nicht gehen in diesem Job auf Standby.
Bis zu seiner Pensionierung am Silvestertag hatte Britzelmeier in ihrem Vorgänger Marc Beise eine weitere Stütze, sodass sie in die Korrespondentenrolle langsam hineinwachsen konnte. Während Beise in Rom die Aktualität im Blick hatte, recherchierte sie in Venedig. Ihr Erstaufschlag auf der Seite drei handelte von der designierten Opernchefin im La Fenice, die eher als politische Freundin von Ministerpräsidentin Georgia Meloni bekannt ist, denn als große Dirigentin. „Eine Wahnsinnsgeschichte“, sagt Britzelmeier, „weil sich an dieser Figur so deutlich zeigt, was mit der Kulturpolitik in Italien falsch läuft.“
Wohin sich das Land entwickelt? Elisa Britzelmeier wird es weiter beobachten – in dem Wissen, dass auch die Populistin Meloni Journalisten nicht so sehr mag. Aber sie zeigt zumindest gelegentlich Witz, wie Marc Beise 2024 nach dem Auftritt der Politikerin vor den in Rom arbeitenden Korrespondent*innen aus aller Welt aufschrieb: Wie Berlusconi dort oben darüber denkt, dass diese „Kommunistenbande“ in seine Residenz umzieht, wisse sie nicht, „aber so spielt das Leben“.
Dieser Artikel erschien im BJVreport 01/2026
Warum ich im BJV bin
„Das hören Sie wahrscheinlich oft und nicht so gern: BJV-Mitglied bin ich ursprünglich (nur) geworden, weil ich einen Presseausweis haben wollte. Dass ich es geblieben bin, hat vielerlei Gründe. Erstens finde es einfach wichtig, einer Interessenvertretung anzugehören, gerade wenn es darum geht, neue Tarifabschüsse auszuhandeln und (notfalls auch) Streiks zu organisieren. Zweitens habe ich über das Mentoring-Programm des BJV meinen Mentor Tilmann Kleinjung kennengelernt. Er ist als Korrespondent für den BR jetzt zeitgleich mit mir in Rom, worüber ich sehr froh bin.“ (Elisa Britzelmeier)