BJVreport
Unterschätzte Gegenrede
Artikel aus dem BJVreport von
Michaela Schneider
Digitale Gewalt, Desinformation und Einschüchterung setzen Journalist*innen zunehmend unter Druck. Projekte wie der Schutzkodex, der Hasskompass oder BetterPost sollen helfen.
Das Arbeitsklima für Journalist*innen ist rauer geworden – vor allem im digitalen Raum. Auf der Rangliste der Pressefreiheit rutschte Deutschland heuer von Platz elf auf Rang 14 ab. Reporter ohne Grenzen (RSF) zufolge liegt das vor allem am veränderten digitalen Umfeld: „Journalist*innen sind auch hierzulande von steigender Polarisierung, Hass und Diffamierung – gerade im Internet – betroffen und kämpfen mit einem Verlust an Glaubwürdigkeit.“ Investigative Recherchen würden diskreditiert, Empörungsdynamiken verschärft. Weibliche Medienschaffende, People of Colour und Reporter*innen, die über Genderthemen und Rassismus berichteten, seien in sozialen Netzwerken zunehmend Zielscheibe von Angriffen. Größte strukturelle Bedrohung laut RSF: die extreme Rechte. KI öffnet gleichzeitig Tür und Tor für massenhaft produzierte Desinformation.
Und die Netzlogik verstärkt Empörung algorithmisch. Im Selbstexperiment hatte der Würzburger Sprachwissenschaftler Sebastian Zollner zehn Accounts mit unterschiedlicher Ausrichtung angelegt, unter anderem nennt er die Neonazi-Szene, AfD-Nähe, die islamistische Bubble, die linksextremistische Ecke oder auch einen proeuropäischen Account. Seine Zielsetzung: „Ich will mich sozusagen radikalisieren lassen, um zu untersuchen, wie das abläuft.“ Laut Zollner fällt auf: Accounts in der rechten und neonazistischen Szene erhielten auch Follower, ohne dass er aktiv postete, Klicken und Liken reichten dafür bereits aus. Selbst scheinbar harmlose Inhalte wurden in Radikalisierungspfade eingebunden. Eine algorithmische Zuspitzung geschieht schleichend.
Im Falle des proeuropäischen, menschenrechtsorientierten Accounts folgte Zollner unter anderem der Europäischen Kommission und Politikern des Europäischen Parlaments. „Die erste Zeit ging das ganz gut. Aber auch hier geriet ich zunehmend in eine Desinformationsbubble, die Europa diskreditiert. Es ging bald schon um eine Bevormundung durch Europa.“ Spuren von klassisch-journalistischen Inhalten fanden sich in sämtlichen Accounts indes kaum.
Was Nutzer*innen bei TikTok, Instagram und Co. sehen, hängt nicht nur davon ab, mit welchen Inhalten sie interagieren, sondern hochgradig auch von den Algorithmen der jeweiligen Plattform. Und nicht nur hier schwindet Sichtbarkeit. Seit KI-Zusammenfassungen bei Google Suchergebnisse ersetzen, sehen viele Menschen im Netz keine Notwendigkeit mehr, die Suchmaschine überhaupt noch zu verlassen. Klicks auf Websites? Vergangenheit. Der Traffic auch auf Medienportalen ist dramatisch eingebrochen.
Während die einen lauter werden, werden die anderen leiser: Im Zuge der Studie „Lauter Hass – leiser Rückzug“ des Kompetenznetzwerks gegen Hass im Netz wurden 3000 Internetnutzer*innen ab 16 Jahren befragt. 57 Prozent der Befragten gaben an, sich aus Angst vor Hass im Netz seltener zur eigenen politischen Position zu äußern. 55 Prozent beteiligten sich seltener an Diskussionen. 53 Prozent formulierten Beiträge vorsichtiger. Mit anderen Worten: Die aggressive Stimmung im digitalen Raum führt zum Rückzug aus demokratischen Diskursen. Besonders kritisch wird es, wenn Einschüchterung bei Journalist*innen fruchtet und zu Selbstzensur führt.
Lillith Grull, Reporterin bei Correctiv.Europe, zog nach Studium und Ausbildung von Berlin nach Sachsen und arbeitete zunächst als freie Reporterin. In ihrem Fall endete der Hass nicht im Netz. Beim Podium des BJV zum Tag der Pressefreiheit (www.bjv.de/rrp26) erzählt sie von Menschen, die bei ihr anriefen und vor ihrer Haustür standen, um sie einzuschüchtern. Sie wisse von Lokaljournalist*innen, die nicht mehr auf berichtenswerte Veranstaltungen gingen, weil ihre Familien bedroht wurden. Grull warnt:
„Wo keine lokale Berichterstattung mehr stattfindet, wird die Gesellschaft anfälliger für Radikalisierung und Desinformation.“
Nach Beiträgen, etwa über Gaza oder Iran, würden Redaktionen mit E-Mails überhäuft und massiv angegriffen – Todesdrohungen inklusive, sagt auch Susanne Glass, Redaktionsleiterin „Ausland und politischer Hintergrund“ beim Bayerischen Rundfunk in München. Nicht nur in der Branche, sondern auch in Gesellschaft und Politik müsse eine noch viel breitere Debatte über den Schutz der Pressefreiheit entstehen, fordert Lillith Grull.
Im besten Falle entsteht im Diskurs Konstruktives, wie die folgenden Beispiele zeigen.
Der Schutzkodex und konkrete Hilfen
Als Reaktion auf die zunehmende (digitale) Gewalt haben verschiedene Organisationen – darunter auch „Reporter ohne Grenzen“ und „Neue deutsche Medienmacher*innen“ – einen Schutzkodex (schutzkodex.de) entwickelt, den inzwischen zahlreiche Medienhäuser unterzeichnet haben. Als konkrete Maßnahmen werden empfohlen: Jeweils eine Ansprechperson für Bedrohungen und Angriffe sowie für Hassmails; psychologische, aber auch juristische Unterstützung, die Gewährleistungen von Personenschutz, Unterstützung bei Wohnungswechseln, die Sperrung von Hater*innen im Netz, die Kostenübernahme für nötige Unterstützungsmaßahmen nach Angriffen auch bei freien Journalist*innen und Weiterbildungen. Konkrete Hilfe für Journalist*innen bei mentaler Belastung bietet die „Helpline“ als anonyme, kostenlose Telefonberatung des „Netzwerk Recherche“ (netzwerkrecherche.org/helpline). Beratung sowie rechtliche Unterstützung bei digitaler Gewalt organisiert der gemeinnützige Verein HateAid (hateaid.org).
Der „Hasskompass“
Wie können (nicht nur) Journalist*innen gegenhalten, wenn rechtsradikale Publikationen immer größer werden und auf Reichweite durch Zuspitzung und Desinformation setzen? Darauf will der Sprachwissenschaftler Sebastian Zollner Antworten liefern. An der Universität Greifswald hatte er zu Counterspeech – sprich Gegenrede – promoviert, lebt heute in Würzburg und übersetzt seine Forschungen nun in Workshops, Beratung und KI-Tools. Eines davon ist seit kurzem sein „Hasskompass“ (hasskompass.de) – ein KI-gestütztes Analyse- und Antwort-Tool für Hassrede, diskriminierende Sprache und problematische Aussagen. Es soll nicht selbstständig die „richtige Antwort“ liefern, sondern Menschen beim Erkennen, Einordnen und Reagieren unterstützen.
„Gegenrede ist kein Allheilmittel, aber ein unterschätztes Werkzeug“
, sagt Zollner. Es reiche nicht aus, in Kommentarspalten zu blockieren, zu löschen und zu melden. Es brauche eine situationsabhängige Gegenrede – mal argumentativ, mal humorvoll, mal dokumentierend, mal bewusst nicht dialogisch. Und so funktioniert der Hasskompass: Der Hass-Kommentar wird kopiert oder als Screenshot hochgeladen. Nach Angaben zum Kontext analysiert das Tool die Aussage, identifiziert betroffene Gruppen und erkennt etwa auch verdeckte Codes. Anschließend werden verschiedene Antwortstrategien vorgeschlagen, zum Beispiel dekonstruierend, argumentativ, humoristisch oder dokumentierend. Im „Betroffenreview“ wird schließlich geprüft, ob die Antwort selbst problematische Muster reproduziert. Und: Redaktionen wie auch andere Organisationen können in das Tool ihre Netiquette oder auch Redaktionsleitlinien einspielen, so dass diese in Antworten berücksichtigt werden.
Gegenrede diene in erster Linie dazu, dass abwertende oder diskriminierende Kommentare für Mitlesende nicht unwidersprochen bleiben und dadurch fälschlicherweise als Mehrheitsmeinung wirken. Sie richte sich also nicht primär an Hater*innen selbst, sondern an die Community und stille Mitlesende, heißt es bei den Neuen deutschen Medienmacher*innen (NdM). Dahinter steht ein bundesweites Netzwerk Medienschaffender, die sich gemeinsam für eine vielfältige Medienlandschaft einsetzen. Sie stellen auf ihrer Website unter „Wissen & Tools“ jede Menge Handwerkszeug gegen Hass im Netz und Desinformation zur Verfügung mit Ratschlägen für die Community-Arbeit, Gegenrede-Strategien, zum Umgang mit extremistischen sowie strafbaren Inhalten oder auch zu Hilfsangeboten in Bedrohungslagen. Im Projekt „BetterPost“ monitort NdM, wie Sprache in journalistischen Posts mit Rassismus in den Kommentaren zusammenhängt. Unter anderem zeigt sich, dass die Zahl rassistischer Kommentare sank, wenn in Posts wesentlicher Kontext geliefert wurde – und zwar über die Beantwortung der klassischen W-Fragen. Mit anderen Worten: Sauberes journalistisches Arbeiten reduziert im Netz den Spielraum für rassistische Interpretation.
Gegenrede im Netz – Fünf Tipps von Sebastian
Verdichtete Atmosphären: Reine Faktenchecks greifen heute zu kurz, sagt Sprachwissenschaftler Sebastian Zollner. Warum? Weil es jenen, die Desinformation verbreiten, längst nicht mehr um „falsche Fakten“ an sich gehe, sondern darum, mit Emotionen und verdichteten Atmosphären ein Klima aus Angst, Neid, Empörung und Ressentiments zu erzeugen. Zollners Tipp: Journalismus sollte Desinformation nicht nur faktisch widerlegen, sondern die emotionale, atmosphärische und propagandistische Technik dahinter erklären.
Sprachliche Selbstreflexion: Zollner beobachtet, dass Medien typische Hate-Speech-Begriffe wie etwa „Lügenpresse“, „Altparteien“, „Remigration“ oder „Asyltourismus“ oft prominent übernehmen. Problematisch werde es, wenn diese nicht erklärt und eingeordnet würden. Es gehe keinesfalls um ein Verschweigen. Doch Journalismus müsse extreme oder diskriminierende Codes erklären, statt sie durch Skandalisierung weiter zu verbreiten.
Grundannahmen prüfen: Sebastian Zollner beobachtet, dass manche Medien zum Teil unbewusst dieselbe Grundannahme übernehmen wie die Hassrede selbst und diskriminierende Frames dadurch noch verstärken. Werde etwa eine Menschengruppe zum Problem erklärt, sei es Aufgabe von Journalist*innen kritisch zu hinterfragen, ob es tatsächlich um diese Gruppe oder nicht eher um ein strukturelles Problem geht.
Falsche Ausgewogenheit: Nicht jede Position verdient gleich viel Raum. „Wenn menschenrechtliche Positionen gleichrangig neben menschenfeindlichen und diskriminierenden Positionen stehen, habe ich einen journalistischen Fehler gemacht“, sagt der Sprachwissenschaftler.
Meinungsformate kennzeichnen: Sauberer Journalismus braucht laut Sebastian Zollner wieder mehr klare Trennung von Meinungsformaten und Nachricht. Denn: Medien setzten Glaubwürdigkeit aufs Spiel und machten sich angreifbar, wenn subjektive Werte und Überzeugungen ins Nachrichtliche einflössen, ohne dass das klar gekennzeichnet werde.
Dieser Artikel erschien zuerst im BJVreport 03/2026.