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BJVreport

„Die Konkurrenz sitzt nicht in Deutschland“

15.06.2026
Interview von
Senta Krasser

Fünf Stunden live berichten über die bayerischen Kommunal­wahlen – das war auch für Harry Klein ein enormer Kraftakt. Die Kooperation mit der Merkur-Redaktion sieht er nicht nur gelungen. Sie könnte auch in die Zukunft weisen, wie regionale Information künftig aussehen kann.

Zu den Kommunalwahlen ging „17:30 Sat.1 Bayern“ fünf Stunden live – Chefredakteur Harry Klein holte sich dafür Unterstützung vom Merkur.

Erstmals haben Sat.1 Bayern und Ippen Media gemeinsam eine Wahl-Livesendung produziert. TV-Chefredakteur Harry Klein über neue Allianzen, italienische Eigentümer – und warum regionale Inhalte wichtiger werden.

Sagen Sie mal, Herr Klein, haben Sie mit Ippen Media eine Partnerschaft fürs Leben geschlossen?

Harry Klein: „Auf Lebenszeit“ würde ich nicht sagen. Aber wir sind gute Partner. Beide Häuser verfolgen ein ähnliches Ziel: Wir wollen Menschen in Bayern mit relevanten Inhalten erreichen. Und in einer Medienlandschaft, die sich immer weiter auffächert, ist es sinnvoll, gemeinsam Dinge zu entwickeln. Print ist ja längst nicht mehr nur Print – digital, Video, Social Media gehören selbstverständlich dazu. Da hat sich eine logische Schnittmenge ergeben.

Also lieber kooperieren als konkurrieren?

Ich würde unsere Kollegen aus den Verlagen nicht als Konkurrenz im klassischen Sinne sehen. Es geht um Inhalte, um Meinungsbildung und letztlich auch um einen Beitrag zur Demokratie. Wenn man hier gemeinsam stärker sein kann, dann sollte man das nutzen. Abgesehen davon sind die Verlage über die Mediengesellschaft der Bayerischen Tageszeitungen an „17:30 Sat.1 Bayern“ beteiligt. Wir sind uns qua Gesellschafterstruktur nicht fern.

Die gemeinsame Wahlsendung war aber ein Novum?

Eine gemeinsame, mehrere Stunden lange Live-Sendung, das war in der Tat neu. Indirekt arbeiten wir mit den Zeitungsverlagen in Bayern allerdings schon seit zehn Jahren zusammen – über den Videomarktplatz Glomex. Das ist eine 100-Prozent-Tochter von ProSiebenSat.1 Media. Aus dem Glomex-Pool binden die Verlagshäuser unsere Videos in ihren eigenen Online-Angeboten ein.

Warum fiel die Partnerwahl ausgerechnet auf Ippen Media?

Das war weniger eine strategische Entscheidung entlang von Gesellschafterstrukturen, sondern eher pragmatisch. Man kennt sich, man spricht miteinander – und Ippen ist im Digitalbereich unter der Führung von Chefredakteur Markus Knall einfach extrem stark. Dazu kam ein ganz entscheidender Pluspunkt: die Datenkompetenz des Ippen-Teams. Echtzeit-Wahldaten, aufbereitet in einer Bayern-Karte, hat in dieser Form kein anderer Verlag.

Die Sendung kam aus dem Münchner Pressehaus an der Bayerstraße. Warum eigentlich?

Weil unser eigenes TV-Studio in Riem dafür schlicht zu klein gewesen wäre. Bei Ippen konnten wir ein komplettes Studio aufbauen – mit mehreren Sets und einer großen Video-Wall. Im Hintergrund lief eine hochkomplexe Produktion: zahlreiche Live-Schalten, Dateninte­gration, Regiearbeit. Die Kantine war im Prinzip ein Technikzentrum. Im Vordergrund war ausreichend Platz für Moderation und Talk mit Experten wie dem Politikwissenschaftler Klaus Stüwe oder dem ehemaligen BR-Chefredakteur Sigmund Gottlieb, der jetzt als Kolumnist für den Münchner Merkur tätig ist.

Geschaltet wurde auch zu Redaktionsleitungen des Merkur in den Landkreisen. Waren Sie als TV-Profi mit der Bildqualität der Web-O-Töne zufrieden?

Seit Corona sind solche Web-Schalten vom Publikum akzeptiert. Für mich steht ohnehin der Inhalt im Vordergrund. Natürlich ist Bildqualität wichtig, aber Aktualität ist in solchen Momenten entscheidender. Wenn die Kollegen in Garmisch-Partenkirchen und Miesbach schnell das Laptop aufklappen und live berichten, dann ist das ein großer Wert. Sie waren absolut auf Augenhöhe mit uns Fernsehleuten.

Wie fällt Ihre Manöverkritik insgesamt aus?

Positiv. Wir hatten starke Momente, waren schnell und nah dran – etwa bei der Bekanntgabe der Münchner Ergebnisse. Aber natürlich gibt es Learnings: Fünf Stunden waren vielleicht zu lang, vier hätten gereicht. Und bei der grafischen Aufbereitung für das Fernsehen sehen wir noch Potenzial.

Kommunalwahlen sind für TV aber grundsätzlich eher schwierig abzubilden, oder?

Absolut, weil sie kleinteilig sind. Wo fängt man an, wo hört man auf? Bringt man zu viel aus München, interessiert’s in Bayreuth und Aschaffenburg nicht. Eine Herausforderung speziell für uns war: Wahlen finden am Sonntag statt – da haben wir mit „17:30 Sat.1 Bayern“ keine reguläre Sendung. Der Livestream auf Joyn, dem Streamingportal von ProSiebenSat.1, hat uns erstmals ermöglicht, an einem Wahlabend präsent zu sein. Das war ein echter Gewinn.

Im Umfeld von seichten Joyn-Hits wie „Promis unter Palmen“ stelle ich mir das schwierig vor. Hat es trotzdem funktioniert?

Joyn wird oft mit Entertainment verbunden, aber die Entscheidung, unsere Sendung dort zu streamen, zeigt: Auch journalistische Inhalte haben dort ihren Platz. Das Thema Public Value spielt bei ProSiebenSat.1 nach wie vor eine große Rolle.

Mit der Reichweite sind Sie zufrieden?

Absolut. Unsere Sendung hat sowohl bei Joyn als auch bei Merkur Online 320.000 Menschen in Summe erreicht, und das ohne lineare TV-Ausstrahlung. Normalerweise generieren wir einen großen Teil unserer Reichweite über die klassische Ausstrahlung. Ohne diese Unterstützung ist das Ergebnis umso bemerkenswerter.

War das Projekt denn auch wirtschaftlich sinnvoll? Auf Werbung, mit der sich Privatfernsehen hauptsächlich finanziert, wurde verzichtet.

Das war kein Projekt, das sich rechnen musste. Es ging darum zu zeigen, was möglich ist. Qualitätsjournalismus im privaten Fernsehen ist nicht immer einfach zu refinanzieren – aber er ist wichtig. Man kann es auch als Investition in Glaubwürdigkeit und Marke sehen.

Sehen das die neuen Eigentümer von ProSiebenSat.1 aus Italien genauso? Sie saßen vor der Kommunalwahl mit dem CEO Marco Giordani bei einem Bier in München zusammen. Wie tickt er so?

Wir hatten ein erstes Treffen, ganz unkompliziert. Mein Eindruck: offen, interessiert, klar strukturiert. Die Italiener sind erfahrene Medienleute, die wissen, dass gute Inhalte entscheidend sind. Und sie haben ein klares Interesse an lokalem Content signalisiert.

Hatten Sie Sorgen, wie sich ein italienischer Eigentümer auf deutsche Medienstrukturen auswirkt?

Nein. Natürlich gab es im Vorfeld Spekulationen – Stichwort „Berlusconi“ –, aber das hat sich nicht bewahrheitet. Ich habe die neuen Eigentümer als sehr nüchtern und wirtschaftlich denkend erlebt. Da geht es nicht um politische Einflussnahme, sondern um ein funktionierendes Geschäftsmodell.

Ein zentrales Element des deutschen Systems sind die Regionalfenster. Die nationalen Privatsender sind verpflichtet, regionalen Anbietern wie „17:30 Sat.1 Bayern“ Programmfläche freizuräumen. In Italien gibt es das so nicht. Wie haben Sie es Signor Giordani erklärt?

Das musste ich ihm nicht erklären, das wurde auf Konzernebene gemacht. Aber klar ist: Diese Regionalfenster sind gesetzlich verankert. Private Sender müssen Raum für regionale Berichterstattung schaffen. Und das ist auch gut so.

Wäre dieses Modell ohne gesetzliche Verpflichtung überlebensfähig?

Das ist eine berechtigte Frage. Aber ich glaube, viele haben inzwischen erkannt, welchen Wert regionale Inhalte haben – gerade in einer Zeit, in der sich Gesellschaften polarisieren und soziale Medien oft wenig verlässliche Informationen liefern. Regionale Berichterstattung kann hier ein wichtiges Gegengewicht sein. Wir haben von Marco Giordani ein klares Bekenntnis zu diesen Inhalten. Und ich nehme wahr, dass das auch auf Konzernebene geschätzt wird.

Wo sehen Sie die größte Herausforderung für Medienhäuser heute?

Ganz klar: Die Konkurrenz kommt nicht aus Deutschland. Sie kommt aus den USA, aus Asien – von großen Plattformen, die ganz andere Rahmenbedingungen haben. Gegen diese Player müssen wir uns behaupten. Und das geht nur gemeinsam und wenn jeder seine Stärken einbringt.

War die Wahlsendung ein einmaliges Experiment?

Das kann ich noch nicht sagen. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es weitere Projekte gibt – vielleicht auch mit mehreren Partnern.

Und mit Blick auf die Landtagswahl 2028 in Bayern?

Da wäre es überraschend, wenn wir nichts machen würden. Die Voraussetzungen sind ideal für eine landesweite Berichterstattung. In welcher Form genau, ist offen – aber die Richtung ist klar.

Ihr Fazit aus diesem Projekt?

Dass Journalismus dann besonders stark ist, wenn Menschen zusammenarbeiten. Es war ein enormer Kraftakt, der alle Beteiligten an ihre Grenzen brachte – aber auch ein Beweis dafür, dass wir solche Formate stemmen können. Und vielleicht war es auch ein kleiner Blick in die Zukunft, wie regionale Information künftig aussehen kann.

Dieser Artikel erschien zuerst im BJVreport 02/2026
 

Landesverband Bayern

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