BJVreport
Inklusion vor und hinter der Kamera
Artikel aus dem BJVreport von
Michaela Schneider
Im Bild von links: Lisa Kreutzer und Nikolai Prodöhl von andererseits.org, Moderator Janik Metzger, Inklusionsberater Timo Weier und Lukas Paul, Geschäftsführer abm inclumedia e.V..
In der Fernsehredaktion von inclumedia und beim Magazin andererseits arbeiten Journalist*innen mit und ohne Behinderung eng zusammen.
Knapp acht Millionen Menschen in Deutschland – und damit mehr als neun Prozent – leben laut Statistischem Bundesamt mit schwerer Behinderung. Studien allerdings zeigen, dass sie sich medial größtenteils unsichtbar oder stereotyp dargestellt fühlen. Eine Umfrage des Unternehmens „EnableMe“ in der DACH-Region ergab 2024, dass nur jede fünfte Person sich in Medien authentisch repräsentiert fühlte.
„Journalist*innen sollen die Welt so abbilden, wie sie ist“, sagt Lisa Kreutzer beim BJV-Newcomer-Camp „Press Ahead“ in München. Das allerdings werde schwierig, wenn in Medienhäusern überwiegend Akademiker*innen sitzen. Dass es auch anders geht, zeigt andererseits.org, Kreutzer leitet die Redaktion. Entwickelt hat das kleine Unternehmen das Konzept einer unterstützten Autorenschaft, um den Einstieg in den Journalismus über inklusive Teams zu erleichtern. In der Redaktion, die unter anderem das Magazin andererseits in leichter Sprache verantwortet, arbeiten etwa gleich viele Menschen mit wie ohne Behinderung zusammen.
Im Juni 2022 lag die Zahl der Menschen mit Schwerbehinderung, die laut Bundesagentur für Arbeit im Bereich Information und Kommunikation und damit auch im Journalismus arbeiteten, bei gerade einmal zwei Prozent. „Wenn Medien sehr viele Menschen nicht erreichen, können sie ihren demokratischen Auftrag nicht im nötigen Maß erfüllen“, kritisiert Kreutzer bei der Veranstaltung „Barrieren besser brechen. Warum Inklusion von Menschen mit Behinderungen Redaktionen stärkt – und wie sie gelingt“. „Gemeinsam machen wir den Journalismus, der fehlt“, heißt es auf der Website andererseits.org. Neben dem gedruckten und digitalen Magazin gibt es zwei Newsletter-Angebote sowie mehrere Filmproduktionen. Letztere thematisieren verschiedene Missstände, zum Beispiel geht es um Sterilisationen von Menschen mit Behinderungen. Und: In Kooperation mit großen Medienhäusern wie der Süddeutschen Zeitung wurden investigative Recherchen umgesetzt etwa zur Fragestellung: Warum verhindern Werkstätten gleiche Teilhabe? Kritisiert wird unter anderem, dass das Werkstätten-System Menschen, die Vollzeit arbeiten, dennoch in Armut und Abhängigkeit hält sowie echte Inklusion ausbremst.
Was als ehrenamtliches Projekt im Corona-Lockdown begann, hat sich seitdem zum kleinen Medienunternehmen mit zwölf Angestellten und Hauptsitz in Wien entwickelt. Laut seinen jährlichen Transparenzberichten finanziert es sich großteils über Abonnements, dazu kommen Förderungen, Preisgelder, Kooperationen, Aufträge und Spenden. Einer der Angestellten ist Nikolai Prodöhl, Jahrgang 1989. Zehn Jahre arbeitete er in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen. Heute ist er Redakteur in Anstellung bei andererseits und sagt: „Das macht mich glücklich, denn ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und werde dafür fair bezahlt.“ Nur ein Prozent der Mitarbeitenden in Werkstätten schafft – wie Nikolai Prodöhl – den Wechsel in den ersten Arbeitsmarkt. Prodöhl ist unter anderem verantwortlich für den Freitagmorgen-Newsletter mit derzeit 25 000 Abonnent*innen. Auch recherchiert und schreibt er eigene Artikel.
Und: Er prüft fremde Texte auf Einfache Sprache, auf die er selbst angewiesen ist. Manchmal recherchiere er auf Webseiten, die schwer für ihn zu verstehen seien. Dann erklären ihm Kolleg*innen Fremdwörter oder lange Sätze. Ein weiterer Mitarbeiter tut sich laut Lisa Kreutzer schwer beim Tippen und arbeitet nun mit Spracheingabe. Eine Kollegin korrigiert mit Augensteuerung. Besonders schätzt Nikolai Prodöhl die tägliche Morgenrunde der Redaktion, bei der jeder und jede gefragt werde, wie es ihm oder ihr gehe: „Das machen andere Redaktionen nicht.“ Man nimmt sich Zeit füreinander, arbeitet mit weniger Druck, achtet auf die Bedürfnisse im Team.
Auch die in München ansässige gemeinnützige Organisation abm inclumedia e.V. will die Öffentlichkeit für die Lebensumstände, Anliegen und Interessen von Menschen mit Behinderung sensibilisieren. Die inklusive Fernsehredaktion blickt inzwischen auf eine fast vier Jahrzehnte lange Geschichte zurück. „Die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderung ist mangelhaft. Wir versuchen aktiv dagegen vorzugehen und sie vor die Kamera zu bringen, aber auch an deren Produktion zu beteiligen“, sagt Geschäftsführer Lukas Paul. „Und wir versuchen, durch Praktika, Ausbildungsangebote und Co. die Medienbranche zu öffnen.“
„Wirklich gute Teamdynamik“
Das inklusive Arbeiten bei dem Unternehmen gelinge aufgrund einer „wirklich guten Teamdynamik“. Ein Rollstuhlfahrer, eine Blinde oder ein Gehörloser könnten ganz unterschiedliche Dinge. „Wenn man es gemeinsam will, findet man Wege“, sagt Lukas Paul. Hürden kämen meistens eher von außen – etwa, wenn bei einem Dreh in einer Berliner Bundesinstitution eine Kollegin im Rollstuhl auf nicht-barrierefrei Zugänge treffe und Unterstützung durch die Behörde ausbliebe. „Seien Sie Chancengeber und keine Bedenkenträger“, appelliert Lukas Paul an andere Medienhäuser. Es brauche einen Journalismus, der auch Themen abdecke, die über Jahrzehnte untergegangen seien. Das könne nur gelingen, wenn Menschen mit Behinderung daran mitwirkten.
Wie Inklusion in Redaktionen gelingen kann
Ausbildungsangebote schaffen: Andererseits-Redakteur Nikolai Prodöhl kritisiert, dass die Hürden in der journalistischen Ausbildung zu hoch sind bis hin zum Studium als Voraussetzung für den Berufseinstieg. Seine Forderung: „Es braucht eine andere Ausbildung für Menschen, die auf einfache Sprache angewiesen sind.“ Er rät zum Blick auf die Stärken von Menschen mit Behinderung statt auf ihre Schwächen.
Berührungsängste abbauen: Janik Metzger studiert an der LMU München und arbeitet als Radioreporter für den Ausbildungssender M94.5 sowie für Radio Gong 96.3. Er benutzt einen Rollstuhl, weil er die Glasknochenkrankheit hat, und erlebt, „dass es immer noch ganz viele Berührungsängste gibt – oft aus Angst, in Fettnäpfchen zu treten“. Sein Appell: Offene Gespräche ohne Sorge vor Fehlern.
Bedürfnisse berücksichtigen: Andererseits-Chefredakteurin Lisa Kreutzer fordert einen Kulturwandel: Medienhäuser müssten eine Kultur einführen, in der jeder Mensch – ob mit oder ohne Behinderung – sagen dürfe, was er oder sie braucht, um gut zu arbeiten. „Und stellt Menschen mit lösungsorientiertem Denken ein“, rät Janik Metzger.
Unterstützungsmöglichkeiten nutzen: „Wird ein Mensch mit Schwerbehinderung im Unternehmen ausgebildet, sind mehr und andere Leistungen verfügbar – finanzielle Mittel, aber auch Hilfsmittel für mehr Barrierefreiheit“, sagt Timo Weier, Teamleiter und Inklusionsberater bei der Einheitlichen Ansprechstelle für Arbeitgeber (EAA) in Bayern. Diese unterstützt Arbeitgeber*innen bei der Ausbildung, Einstellung und Beschäftigung von Menschen mit Schwerbehinderung.