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Press Ahead

Marius Reichert: So gelingt verständliche Berichterstattung aus der Krise

28.08.2025
Interview von
Chris Schinke

Der ARD-Reporter Marius Reichert gibt bei Press Ahead 2025 einen Workshop zur Berichterstattung in Krisen und Kriegen.

Ein Gespräch mit dem internationalen Reporter Marius Reichert über News Fatigue, mobile Krisenberichterstattung und Resilienz im Journalismus.

Herr Reichert, einer der Begriffe, der in ihrem Workshop fiel, ist „News Fatigue“. Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptgründe dafür, dass viele Menschen Nachrichten überdrüssig geworden sind?

Ich glaube, es ist vor allem die Masse an Konflikten auf der Welt. Die überfordert viele. Und dann gibt es eine gesellschaftliche Strömung, die sagt: Wir brauchen anderen Ländern nicht mehr zu helfen, wir sollten uns lieber um uns selbst kümmern. Diese Haltung begegnet mir nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch im Westen – gerade beim Thema Russland und Ukraine.  

Ich glaube, diese Überforderung einerseits und eine gewisse Gleichgültigkeit andererseits, die oft aus Falschmeldungen oder Fehlinterpretationen resultiert, verstärken die News Fatigue.

 Wie gelingt es uns journalistisch, komplexe und überfordernde Themen wie Krieg greifbarer zu machen?

Wir versuchen zum Beispiel in der Ukraine-Berichterstattung der Tagesschau, klassische Bilder von Zerstörung und brennenden Häusern weitestgehend zu vermeiden. Stattdessen suchen wir die persönliche Geschichte – die, die emotional berührt. Wir erzählen zum Beispiel von einer Familie, die nachts von einem Angriff getroffen wurde. Das war früher in der Tagesschau viel nüchterner. Heute wird stärker erklärt, warum die Dinge so sind, wie sie sind: Was erwartet die Ukraine von einem Besuch des Außenministers? Wie reagieren die Menschen auf bestimmte politische Signale? Wir arbeiten mehr mit Live-Gesprächen und Einordnungen im Studio. Das ist eine neue Entwicklung, die zeigt: Wer vor Ort ist, darf und soll auch sichtbar werden. Das macht Berichterstattung transparent und authentisch.

Entsteht durch diese emotionale Berichterstattung nicht auch die Gefahr, wichtige Informationen zu überdecken?

Doch, das ist eine Gefahr. Deshalb reicht die emotionale Geschichte allein nicht. Wir setzen ergänzend auf erklärende Formate – auch im Netz. Lange Interviews, Analysen, Einordnungen – etwa auf tagesschau.de. Wir geben dort den Kontext: Wer gibt wie viel für Militärhilfen aus? Welche politischen Interessen stehen dahinter? Und wir erzählen unsere Geschichten auch auf Instagram und bei TikTok. Podcasts funktionieren auch gut. Das zeigt: Das Interesse ist da – wir müssen unser Publikum nur dort erreichen, wo es ist.

Sie haben das Thema Bilder angesprochen. In den Krisengebieten, aus denen Sie berichten sind sie regelmäßig mit verstörenden Eindrücken konfrontiert. Wie gehen sie bei der Bildauswahl für die Berichterstattung vor?

Wir haben im Videojournalismus eine Sorgfaltspflicht. Bilder dürfen nicht retraumatisieren. Ich habe nach der Flut im Ahrtal zum Beispiel gesagt: Wir zeigen jetzt keine zerstörten Häuser mehr. Ich wusste, dass diese Bilder Menschen berühren – aber eben auch verletzen können. Natürlich sehe ich vor Ort andere Dinge als das Publikum. Und wir achten darauf, etwa durch Verpixelungen. Ich arbeite tendenziell lieber mit Worten oder atmosphärischen Beschreibungen, statt mit besonders drastischen Bildern.

Gibt es journalistische Formen oder Erzählstrategien, die sich besonders bewährt haben, um ein überfordertes Publikum wieder zu erreichen?

Neben den erwähnten Erklärformaten sind das lange Gespräche, Hintergrundanalysen und auch persönliche Profile. Man muss sich verabschieden von der Idee, man könne komplexe Weltereignisse in 130 Sekunden erzählen. Das geht nicht. Deshalb bieten wir Add-ons an – auf Social Media, über Podcasts, online. Und als Reporter sind wir mittlerweile auch selbst Marken. Menschen folgen uns, weil sie Vertrauen aufbauen. In meinem Fall ist das zum Beispiel noch stark das Flutpublikum: Helfer:innen, Betroffene, die von mir Informationen erwarten und mitverfolgen, was ich veröffentliche.

Wie verarbeiten Sie persönlich die Erlebnisse aus Kriegs- und Krisenregionen?

Ich hatte bisher das Glück, dass ich die Geschichten nicht mit nach Hause nehme. Ich kann gut abschalten – schaue dann Trash-TV oder binge Serien. Das hilft mir, die Geschichten nicht mit in die Nacht zu nehmen. Aber das ist nicht selbstverständlich. Bei besonders belastenden Erlebnissen – etwa als zwei Jugendliche, mit denen wir an der Front gesprochen hatten, wenig später getötet wurden – arbeiten wir mit Psycholog:innen zusammen. Das ist ein großes Privileg im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dass dieser Raum dafür da ist.

Glauben Sie, dass man so etwas wie Resilienz im Journalismus trainieren kann?

Absolut. Meine Partnerin ist Psychologin, sie hat mir mal gesagt: Wir Menschen glauben oft, wir halten nicht viel aus – dabei ist das Gegenteil der Fall. Man kann Resilienz stärken, zum Beispiel über Netzwerke, kollegialen Austausch, gemeinsame Nachbesprechungen. Auch zu akzeptieren, dass die Rollen im Team unterschiedlich sind – ein Kameramann erlebt manches noch intensiver durch die Linse als ich als Reporter. Darüber zu sprechen, hilft. Und es gibt natürlich Menschen, die für diese Art von Arbeit gemacht sind – und andere, die merken: Das ist nichts für mich. Beides ist legitim.

Ein weiteres Stichwort in Ihrem Vortrag war „Mobile Reporting“. Welche Rolle spielt das für Sie in der Krisenberichterstattung?

Eine große. Gerade wenn Menschen zurückhaltend sind oder Themen sensibel, ist das Smartphone ideal. Ich habe zum Beispiel mit einem Zahnarzt gearbeitet, der traumatisierte Kinder im Kriegsgebiet betreut – die Kamera hätte da nur gestört. Mit dem iPhone kannst du Barrieren abbauen. In gefährlichen Regionen ist es zudem sicherer, weil man nicht sofort als Reporter erkannt wird. Ich mag den Look, kenne die Schwächen und Stärken. Die Zeit des Experimentierens ist vorbei – das ist heute ein vollwertiges Werkzeug.

Was würden Sie jungen Journalist:innen raten, die sich für Krisenberichterstattung interessieren, aber noch zögern?

Man sollte sich ein persönliches Fachgebiet suchen. Bei mir war das Osteuropa, Russland. Ich habe dort gelebt und versucht, die Menschen zu verstehen. Das hat mich dahin geführt. Ich würde heute keinen journalistischen Studiengang mehr empfehlen, sondern lieber: Spezialisieren, ausprobieren. Ob man dieser Aufgabe gewachsen ist, merkt man nur im echten Einsatz.
 


Save the date: Press Ahead 2026 findet am 7. Mai statt

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Zur Person: 

Marius Reichert ist Journalist, Medientrainer und (Live)-Reporter u.a. WDR. Mit seiner Philosophie „Entwickle Deine Handschrift und mache Dein Produkt zu etwas Besonderem“ gibt er seit zehn Jahren sein Wissen an Medien-Starter*innen und Professionals in TV, Hörfunk und auch in Unternehmen weiter. 

Seine Laufbahn begann er als Reporter beim Südwestrundfunk und moderierte dort auch im Radio-Info-Programm. Nach dem Studium in Recht, Politik und Journalistik volontierte er beim ZDF, wo er als Landesreporter und für investigative Langformate tätig war. Als ausgebildeter Medientrainer entwickelt er personalisierte Konzepte, um Gruppen und Einzelpersonen auf öffentliche Auftritte im „On“ vorzubereiten, mit besonderem Fokus auf „Mobile Reporting“.

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