Rundfunk
Zwischen Erfolgsmodell und Existenznot
Bericht von
Wolfgang Heilig-Achneck
Moderatorin Claudia Feuerstein empfängt die Kolleginnen und Kollegen des BJV im Studio von Radio F.
Die Fachgruppe Presse- und Öffentlichkeitsarbeit erhält Einblicke ins Funkhaus Nürnberg. Trotz stabiler Hörerschaft bedroht die Werbekrise die Lokalradios.
Rund 330.000 Menschen schalten im Schnitt täglich einen der privaten Radiosender im Großraum Nürnberg ein, auch überraschend viele unter 30. Angesichts der schier erdrückenden Streaming- und Social Media-Konkurrenz fast erstaunlich gute Werte. Doch die Stimmung im Funkhaus Nürnberg ist alles andere als entspannt. Denn die Werbeeinnahmen sind in bedrohlichem Maße geschrumpft.
Es ist das älteste seiner Art in Deutschland: Seit mehr als 30 Jahren arbeiten hier die wichtigsten regionalen, privaten und rechtlich eigenständigen Radiosender unter einem Dach zusammen: 98.6 Charivari, Hit Radio N1, Radio F und Gong 97,1 mit weiteren Digital- und Online-Angeboten. Dass das immer noch gut funktioniert, hat vor allem damit zu tun, dass die vier durch ein ausgefeiltes Musikprofil unterschiedliche Zielgruppen erreichen und damit den gesamten Markt vom Jugend- bis zum Seniorenalter abdecken – ohne große Konkurrenz untereinander.
Ressourcen bündeln, Konkurrenz vermeiden
Wie das läuft und wo es hakt, ließen sich BJV-Mitglieder der Fachgruppe Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, der Fachgruppe Rundfunk und des Bezirksverbands Franken-Nordbayern bei einem von Volker Figura organisierten Betriebsbesuch erklären. Zu den Besonderheiten gehört zum Beispiel, dass in diesem Orchester Radio Gong Nürnberg als Rock/Pop-Sender vor allem Songs aus den 80er und 90er-Jahren spielt, während Radio Gong München auf aktuelle Hits und Popsongs für eine jüngere, komplett andere Zielgruppe setzt.
So können die Nürnberger Sender gemeinsame Studios, Technik und teilweise auch redaktionelle Strukturen nutzen und miteinander von kurzen Wegen, einer offenen Arbeitsweise und moderner digitaler Produktion profitieren. Auch Podcasts, Streaming, Webradio sowie Marketing und Events gehören zum Portfolio. Die jüngsten Ergebnisse der Funkanalyse Bayern 2026 bestätigen das Konzept: Alle vier Sender konnten ihre Beliebtheit weiter steigern. Seit 2012 ist das Funkhaus in einem ehemaligen Industrie-Komplex und heutigen Loft-Campus in der Nürnberger Südstadt zuhause.
Hörerbindung durch Live-Moderation
Um die Hörerinnen und Hörer bei Laune und bei Laune zu halten, gilt die menschliche Stimme wie die von Moderatorin Claudia Feuerstein jedenfalls bei den Nürnberger Lokalradios immer noch als unverzichtbar - trotz aller Fokussierung auf die Musikauswahl, die längst auf akribischen Datenanalysen basiert und per Computer erfolgt. Gerade in den frequenzstarken Morgenstunden sorgen beliebte Gute-Laune-Begleiter für ein Gefühl von Nähe und Vertrautheit. „Idealerweise sind Moderatoren wie die besten Kumpel. Bestes Indiz: Man vermisst sie sofort, wenn sie einmal nicht da sind“, erläutert Stefan Grundler, Redakteur, Moderator und Pressesprecher.
Doch das ist inzwischen keineswegs mehr selbstverständlich: „Es gibt auch in Bayern bereits Sender, die ihr Programm nahezu vollständig ohne Live-Moderation ausstrahlen und mit extrem wenig Personal auskommen“, so der langjährige Funkhaus-Geschäftsführer Alexander Koller. Kein Wunder: Nach seinen Informationen schreiben bereits mehr als die Hälfte der bayerischen Lokalradios rote Zahlen. Auffangen müssen das deren Träger und Eigentümer, also meist größere Verlagshäuser.
Wirtschaftlicher Druck durch die Werbekrise
Auch von KI sei keine Entlastung zu erwarten. Die gerade für das Radio so wichtige menschliche Komponente lasse sich damit nicht ersetzen, so der auch über Verbände gut vernetzte Koller. Sein bitteres Fazit: „Wir stecken in einer Krise, die schlimmer ist als die nach den Anschlägen aufs World Trade Center, als der Einbruch der Finanzmärkte 2008 und als die Corona-Pandemie.“
Das Nürnberger Funkhaus bleibt nicht verschont. Zwar seien, beteuert Koller, die Aktivitäten großer Firmen wie Fastfood-Ketten, die über einen Pool deutschlandweit Werbe-Clips schalten, noch relativ stabil. Aber damit sei gerade mal knapp ein Drittel der Erlöse zu erzielen. Den Löwenanteil muss das Funkhaus von der regionalen Wirtschaft einwerben – und die schwächelt gewaltig. Nicht nur, weil Budgets zusammengestrichen werden. Auch der Strukturwandel macht sich bemerkbar: "Vor 30, 40 Jahren gab es noch 20 Autohändler, die bei uns Werbung geschaltet haben. Unterdessen sind viele von denen vom Markt verschwunden“, bedauert Koller.
Und dann ist da die schier übermächtige Konkurrenz: Bei Werbung über Social-Media-Kanäle lasse sich die Wirkung viel unmittelbarer erfassen. Das reizt auch die regionale Wirtschaft – den Profit aber stecken die US-Tech- und Mediagiganten ein. Und in Krisenzeiten fällt auch Werbung von Firmen weg, die zum Beispiel gerade ihre Produktion verlagern oder mit Entlassungen für Schlagzeilen sorgen.
Sparpläne und Ringen um politische Unterstützung
Lässt sich da noch gegensteuern? Sparen will das Funkhaus in nächster Zeit vor allem bei Miet- und Heizkosten - durch eine Konzentration auf deutlich weniger Nutzfläche. Für eigene Marketingaktivitäten bleibt hingegen kaum mehr Spielraum: „Früher waren wir mit der Stadtreklame immer wieder präsent, leider können wir uns das praktisch nicht mehr leisten“, sagt Moderator und Pressesprecher des Funkhaus Nürnberg Stefan Grundler. Allenfalls sei es noch möglich, sich bei größeren Veranstaltungen zu präsentieren. Und bei nur noch einer Tageszeitung und einem Anzeigenblatt im Großraum Nürnberg sei er auch als Sprecher nur noch gelegentlich gefragt und gefordert. So bleibt, um sich behaupten, am Ende vor allem eben eins: buchstäblich eine gute Ausstrahlung des eigenen Programms.
Unterdessen ringen die Lokalradios bayernweit auch um politische Unterstützung. „Wir haben eine öffentliche Verantwortung und tragen zu publizistischer Vielfalt und der Erhaltung der Demokratie bei“, unterstreicht Koller und berichtete von einem Runden Tisch in der Staatskanzlei mit Staatsminister Florian Herrmann, der auch für Medien-, Film- und Rundfunkpolitik zuständig ist. Für eine erste Entlastung sorgen aktuell bereits erleichterte Kooperationen unter den rund 80 bayerischen Lokalradio-Stationen, zum Beispiel durch den Austausch von Beiträgen. Ob eines Tages auch Steuergeld fließen wird, beispielsweise zur Übernahme von Verbreitungskosten wie die UKW-Kanäle, ist indes noch Zukunftsmusik.