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BJVreport

Bayerisches Medien-Monopoly

20.02.2026
Artikel aus dem BJVreport von
Maria Goblirsch

Einige Player haben noch Chancen auf den Sieg: Wie große Medienhäuser ihren Besitz vergrößern und immer mehr Zeitungen, Sender und Online-Portale kaufen.

Beim klassischen Monopoly-Brettspiel gewinnt, wer ein Imperium an Grundstücken aufbaut und Mitspielende in die Insolvenz treibt. Dazu erwirbt man möglichst viele Grundstücke. Auch beim Medienopoly (Wir haben den Spieltitel aus rechtlichen Gründen abgewandelt) in der Bayern Edition, das der BJVreport fürs Magazincover entwarf, geht es um Macht und Besitz. Die Spielfiguren erwerben Medienhäuser statt Straßen – mit hohem Einsatz, aber ohne Losglück. Nur noch wenige Figuren sind in Bayern im Spiel und kämpfen darum, die Nummer 1 auf dem hiesigen Medienmarkt zu sein sowie die höchsten Auflagen und meisten Titel zu besitzen. Vorneweg läuft derzeit die Passauer Verlegerin Simone Tucci-Diekmann, die ihre Konkurrenz gerade damit überraschte, dass sie im November die Mediengruppe Oberfranken (MGO) mit Fränkischem Tag samt seiner Schwesternblätter, lokalen Sender und dem reichweitenstarken Online-Portal infranken.de aufkaufte. Ein perfekter Spielzug. Dahinter versuchen die Spielfiguren der Unternehmerfamilien Holland und Scherer aus Augsburg, Martin Balle aus Niederbayern und der Münchner Dirk Ippen mit eigenen raffinierten Spielzügen, den Abstand nicht zu groß werden zu lassen. Für mit weniger Geld ausgestattete Player geht es längst nur noch darum, nicht aus dem Spiel zu fliegen.

Im realen Medien-Monopoly dreht sich alles wie im Brettspiel um Besitzstände – und das über den Zeitungsmarkt hinaus. Wer in einem Verbreitungsgebiet die höchste Printauflage stellt, besitzt in der Regel auch große Anteile an privaten regionalen TV- und Hörfunksendern. Mit der Folge, dass die publizistische Konzentration zunimmt, wie die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) im jüngsten Bericht kritisiert (bjv.de/kek25). 

Ein Beispiel ist die Mediengruppe Pressedruck in Augsburg, die im Südwesten Bayerns von Konstanz (Südkurier), Kempten (Allgäuer Zeitung) über Augsburg (Augsburger Allgemeine) und Würzburg (Main-Post) bis nach Lichtenfels (Obermain-Tagblatt) den Printmarkt mit einer Gesamtauflage von 470.000 Exemplaren und 1,32 Millionen Leser*innen bestimmt. Allein der Online-Auftritt der Augsburger Allgemeinen erreicht fast 26 Millionen Seitenaufrufe pro Monat (Quelle: mediengruppe-pd.de). In der Welt der elektronischen Medien ist die MPD unter dem Dach der rtl.media group GmbH an regionalen privaten Rundfunksendern wie beispielsweise Hitradio rt1 Augsburg, Nord- und Südschwaben oder TV Augsburg beteiligt (Quelle: Mediendatenbank der KEK). Diese Beteiligungen laufen über verschiedene weitere Gesellschaften, die Unternehmensstruktur ist verschachtelt. 

Zurück zu den Tageszeitungen. Wenige Verlage haben eine hervorgehobene Markstellung, der wirtschaftliche Druck aufgrund sinkender Umsätze steigt. Der Sparzwang führt zu einer Verlagerung hin zu Zentralredaktionen. Einkäufe von Zeitungstiteln anderer Verlage gehen weiter, resümiert die KEK in ihrem Bericht 2025. In Folge schreite die inhaltliche Angleichung der Angebote voran, Konkurrenzsituationen werden seltener. Die Breite des Informationsangebotes nehme ab, Berichterstattungen würden immer öfter eingekauft. 

In Bayern beherrschen derzeit die fünf größten Verlagsgruppen gut zwei Drittel der Gesamtauflage der bayerischen Tagespresse – mit steigender Tendenz.

„Die kleinen Haie werden nun von noch größeren Haien geschluckt“

, beschreibt der Dortmunder Zeitungsforscher Horst Röper die Szene und nennt als aktuelles Beispiel die Mediengruppe Oberfranken (MGO). Die MGO hatte die Bayerische Rundschau und das Coburger Tageblatt im Jahr 2003 übernommen, als der Fränkische Tag mit der Baumann-Gruppe aus Kulmbach verschmolz. Sieben Jahre später kaufte sie die Saale-Zeitung mit Sitz in Bad Kissingen und die Kitzinger Zeitung von der WAZ-Gruppe. Ende 2025 erwischte es die MGO selbst: Sie wurde im November von der Mediengruppe Bayern (MGB) aus Passau gekauft. 

Die Familie Diekmann hat mit Übernahmen durchaus Erfahrung. Sie holte sich zur Passauer Neuen Presse im Jahr 2017 den Donaukurier aus Ingolstadt und 2021 die Mittelbayerische Zeitung aus Regensburg. Mit der Übernahme des Fränkischen Tags und seiner Schwesternblätter zählt die Mediengruppe Bayern aktuell mit 40 Tages- und 20 Anzeigenblättern und einer Auflage von insgesamt rund 350.000 Exemplaren zu den größten Herausgebern von Regionalzeitungen bundesweit. Das Kartellamt hatte gegen diesen Deal erstmal keine Einwände und gab die Übernahme Mitte Dezember 2025 im Vorprüfverfahren frei. 

Welche Summe beim Kauf geflossen ist, ist nicht bekannt. Der Mediendienst kress.de mutmaßt im Bericht „Ohne Bieterverfahren verkauft: Der rätselhafte Deal um Oberfrankens Zeitungen“ vom 22. Januar, die MGO sei mit möglichen Synergien im Zeitungsgeschäft etwa 50 Millionen Euro wert. „Da Tucci-Diekmann den Zuschlag aber ohne Bieterverfahren erhielt, geht man in Bayern davon aus, dass der tatsächliche Preis wohl deutlich darüber lag“, heißt es in den kress-News (bjv.de/kress-mgo). Dass die Presse-Druck- und Verlags-GmbH aus Augsburg und der Verlag Nürnberger Presse (unter anderem Nürnberger Nachrichten) außen vor blieben, könnte an deren derzeit weniger guten wirtschaftlichen Verfassung liegen, vermutet Kress-Autor Markus Wiegand. Danach haben die Augsburger 2023 bei einem Umsatz von knapp 478 Millionen Euro einen Jahresfehlbetrag von 5,4 Millionen Euro verzeichnet. Und in Nürnberg musste man bei einem Umsatz von gut 340 Millionen Euro im Jahr 2023 einen Fehlbetrag von 370.000 Euro hinnehmen.  

Der Passauer Überraschungsdeal stößt nicht nur Verleger Martin Balle (Straubinger Tagblatt, Abendzeitung München, Landshuter Zeitung) sauer auf. „Die Mediengruppe Bayern zahlt Preise, die nur refinanzierbar sind, wenn die Produkte kaputtgespart werden. Und das schadet dann der gesamten Branche“, so Balle gegenüber kress.de. Bekenntnisse, die regionale und lokale Berichterstattung wieder stärken und erhalten zu wollen, gehen den großen Playern nach einer Übernahme leicht über die Lippen. Die Realität indes sieht anders aus. So hatte Verlegerin Simone Tucci-Diekmann nach der Übernahme des Donaukuriers noch verkündet, „Der Donaukurier bleibt der Donaukurier“ und die regionale Identität bleibe erhalten. Es dauerte nicht lang, dann wurden Ressorts vereint, Stellen und Kompetenzen gestrichen. Nur noch ein Korrespondent berichtet etwa aus dem Bayerischen Landtag für mehrere Blätter. 

„Das Schlimme ist, dass wir so viel an Lokaljournalismus verlieren“, sagt Zeitungsforscher Horst Röper, der mit seinem FORMATT-Institut über Jahrzehnte den Zeitungsmarkt analysierte. „Größere Verlage wie die Augsburger oder Passauer vereinheitlichen die Mantelstrecken oder kaufen sie zu, etwa von Madsack. Seiten werden nicht mehr vor Ort, sondern durch irgendein Verlagszentrum erstellt. Aus dem Lokalen wird immer weniger berichtet, so verlieren wir die lokale und regionale Authentizität.“ Lägen Besitzstrukturen wie etwa im Allgäu vor, dann sei es einfach, die lokale Berichterstattung einzugrenzen, aus zwei oder drei Redaktionen eine zu machen oder das Verbreitungsgebiet zusammenzulegen. 

Röper weist darauf hin, dass die Monopolisierung beim privaten Rundfunk in Bayern noch weiter fortgeschritten sei als auf dem Zeitungsmarkt. Das liege auch daran, dass die Bayerische Landeszentrale für Neue Medien (BLM) wirtschaftskräftige Verlage bei der Vergabe von Lizenzen und Frequenzen immer privilegiert behandelt habe. „So konnten die Zeitungsverlegter sich überall beteiligen, auch beim privaten Hörfunk oder an den TV-Sendern. Weil sie halt das Kapital mitbrachten, das die junge Branche Privatfernsehen und -Radio zu Beginn brauchte. Das rächt sich jetzt.“

Müssen sich die großen Medienkonzerne immer größere Auflagen und Verbreitungsgebiete und noch mehr Beteiligungen zulegen, um sich auf dem Spielfeld zu halten? MGB-Geschäftsführerin Simone Tucci-Diekmann begründete die Übernahme der Mediengruppe Oberfranken in einer Pressemitteilung damit, dass die Herausforderungen, die durch die Digitalisierung und den sich wandelnden Medienmarkt entstünden, ohne entsprechende Unternehmensgröße und Schlagkraft für Regionalzeitungen nur schwer zu meistern seien. „Das Internet hat mittlerweile das größte Meinungsbildungsgewicht, noch vor dem Fernsehen. Klassische Medien wie lineares Fernsehen und noch stärker die gedruckten Tageszeitungen verlieren immer weiter an Nutzungszeit und Nutzern“, stellt die Kommission zur Ermittlung der Medienkonzentration in ihrem aktuellen Bericht fest. Die KEK spricht von einer „weit fortgeschrittenen Plattformrevolution“. Die Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) haben, so die KEK, das Potenzial, diesen Prozess noch erheblich zu beschleunigen. Die Plattform-Unternehmen hätten eine „erhebliche Machtposition“ und verfügten aufgrund ihrer Geschäftsmodelle und -bedingungen über gewaltige Datenmengen, welche sie für die Personalisierung von Angeboten und Werbung einsetzen könnten.

„Die Beschäftigten sind die Verlierer“

Immer weniger Verlage, der Abbau von Arbeitsplätzen, neue innovative Strukturen – was bedeutet das für die Mitarbeitenden? „Bei diesem Medien-Monopoly sind vor allem die Beschäftigten die Verlierer“, sagt der Würzburger Fachanwalt für Arbeitsrecht Bernd Spengler. „Letztlich erleben wir eine Abwärtsspirale der Arbeitsbedingungen, in der tarifgesicherte Mitarbeitende wegen ihres Besitzstandes als teure Altlasten gesehen werden.“ Betriebsräte würden in diesem Spiel nur als Randfiguren betrachtet. „Dabei ist die angeblich geistig-ideelle Verlegerzielsetzung heute in der Regel reinen kommerziellen Interessen gewichen.“ 

Wie sehen die nächsten Spielzüge im bayerischen Medienwettlauf aus? Betrachtet man sich die Verbreitungsgebiete der Augsburger MPD (grün) und der Passauer MGB (gelb) auf der Karte (siehe unten), so rückt die Region Nürnberg in den Fokus, wo der Verlag Nürnberger Presse (VNP, Nürnberger Nachrichten, Nürnberger Zeitung) noch das Sagen hat. Gleich einem gallischen Dorf liegt deren Verbreitungsgebiet zwischen den Einflusssphären der beiden großen Player. Und, obwohl die VPN gerade massive Sparmaßnahmen anstrengt, steht es wirtschaftlich nicht zum Besten. Das könnte den Appetit in Schwaben und Niederbayern wecken. 

Vielleicht die Vision der Augsburger: ein schwäbisch-fränkischer Korridor, der dann vom Allgäu über Augsburg, Nürnberg und Würzburg bis nach Lichtenfels reicht. Den Passauern wiederum käme das an das Verbreitungsgebiet der Mittelbayerischen Zeitung und des Donaukuriers angrenzende VNP-Gebiet gerade recht, um ihren Einflussbereich in Franken auszudehnen. Auch die drei bis dato unabhängigen Tageszeitungen, das Aschaffenburger Main-Echo, das Traunsteiner Tagblatt und der Neue Tag in Weiden, laufen mit ihren Figuren auf dem Monopoly-Spielfeld mit. Die Frage ist, wie lange noch.

Dieser Artikel erscheint im BJVreport 01/2026


Was man so in der Branche hört…

Geht ein Verkauf des unter Sparzwang stehenden Verlags Nürnberger Presse (VNP) mit den Blättern Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung an den Passauer oder den Augsburger Medienkonzern bald über die Bühne oder nicht? Der Branchendienst Kress meldet, die Nürnberger Verlegerinnen Bärbel Schnell und Sabine Schnell-Pleyer hätten derartige Verkaufsabsichten dementiert – und zwar in einem persönlichen Schreiben an den bayerischen Ministerpräsidenten und ebenfalls Franken Markus Söder (bjv.de/vnp-söder). Nun schüren Dementis ja eher das Feuer in der Gerüchteküche. Und was könnte der Ministerpräsident schon gegen ein Millionen schweres Übernahmeangebot ausrichten? Gerüchte, Gerüchte. Es bleibt spannend.                (mgo)


Die Mediengruppe Bayern

Zur Mediengruppe Bayern gehören (Stand Januar 2026) die Passauer Neue Presse, die Mittelbayerische Zeitung in Regensburg, der Donaukurier in Ingolstadt – und nun auch der Fränkische Tag in Bamberg. Das Verbreitungsgebiet reicht von Ingolstadt bis Passau und Regensburg und nach Norden bis nach Bamberg und in die Hassberge.

Simone Tucci-Diekmann und Alexander Diekmann halten als Inhaber mit je 30,1 Prozent, insgesamt also mit 60,2 Prozent die klare Mehrheit. Die Dr. Hans Kapfinger Stiftung hält Anteile in Höhe von 5,9 Prozent, außerdem ist an der Mediengruppe Bayern GmbH die KD Medien GmbH & Co. KG mit 33,9 Prozent beteiligt. Die Anschrift ist auch hier Medienstr. 5, 94036 Passau – Alexander Diekmann und Simone Tucci-Diekmann sind auch hier Inhaber, sie halten an dieser Gesellschaft je 49,2 Prozent. Die geringen restlichen Anteile liegen bei Dr. Axel und Angelika Diekmann.

Über die Passauer Neue Medien GmbH ist die Familie Diekmann an weiteren Gesellschaften beteiligt. Dazu kommen Minderheitsbeteiligungen unter anderem an der Funkhaus Passau GmbH & Co. KG und an der Unser Radio Deggendorf GmbH und Co. KG.

Quelle: KEK-Datenbank         (mgo)

Bayern
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