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Meinung

Mehr Mut, bitte!

03.12.2025
Kommentar von
Harald Stocker

Der BJV-Vorsitzende Harald Stocker ruft die Medienbranche dazu auf, mehr Mut zu zeigen und stärker in den Journalismus zu investieren.

Die Mediengruppe Pressedruck plant, etwa zehn Prozent der Belegschaft abzubauen. Beim Verlag Nürnberger Presse trifft es etwa fünf Prozent der Redaktionsmitarbeitenden. Die Mediengruppe Oberbayern übernimmt die Mediengruppe Oberfranken, was „Synergien“ in Form von Entlassungen erzeugen könnte. Die Beschäftigtenzahlen beim Bayerischen Rundfunk sinken und unabhängige Lokalsender wie extra-radio in Hof schließen nach 38 Jahren. Wie sich der Stellenabbau bei RTL auf Bayern auswirkt, ist noch nicht klar. Man könnte meinen, der bayerische Journalismus befinde sich im Niedergang.

Noch mehr schlechte Nachrichten gefällig?

Spotify hat seit seiner Gründung über vier Milliarden Dollar Verluste angehäuft und verzeichnete erst letztes Jahr einen operativen Gewinn. Dies geschah wohl auf Kosten junger Künstler, wie der Bayerische Rundfunk in der Sendereihe „Dirty Little Secrets“ berichtet. Tesla konnte in 22 Jahren noch nicht so viel Gewinne erwirtschaften, wie Geld in das Unternehmen investiert wurde. Obwohl der Elektroautobauer erst seit 2020 schwarze Zahlen schreibt, sind Auslieferungen, Umsätze und Gewinne wieder im Sinkflug. Eine Anfrage bei ChatGPT ergab, dass das Mutterhaus des beliebten amerikanischen Chatbots, die Firma Open AI Global LLC, für das erste Halbjahr 2025 einen „Cash Burn“ von 2,5 Milliarden US-Dollar ausgewiesen hat. Ich hoffe, diese Zahl stimmt, denn KI-Auskünfte sind nicht verlässlich. Fakt ist: Open AI schreibt tiefrote Zahlen, doch die Analysten rätseln aufgrund der komplizierten Konstruktion aus gemeinnütziger Stiftung und Tochterunternehmen, wie viele Milliarden das Unternehmen genau verbrennt.

Trotzdem: Kaum jemand würde Musikstreaming, Elektromobilität oder KI-Anwendungen abschreiben. Es ist nur eine Frage des Blickwinkels.

Auch die klassische Medienbranche hat Perspektiven. Die Zahl der Digitalabos steigt jährlich. Printausgaben lassen sich in ein Luxusprodukt verwandeln, das Menschen genießen, die nicht ständig auf ein Pad starren wollen und bereit sind, dafür einen angemessenen Preis zu zahlen. Die verkaufte Auflage der Wochenzeitung Die Zeit ließ sich sogar steigern. Hörfunkangebote können zwischen On-Demand-Podcasts und Musikstreamern bestehen, indem sie ihre lokalen Stärken ausspielen und durch Multistreams ihre Inhalte individueller auf die Hörer zuschneiden. Begleitet von kostenpflichtigen Events und Markenerlebnissen.

Dafür braucht es umfangreiche Investitionen. Doch warum nicht? Jetzt ist die beste Zeit, in Journalismus zu investieren.

Soziale Netzwerke, die polarisierende Inhalte bevorzugen, Trollfabriken und politische Fake-Kampagnen schaden nicht nur dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die schlechte Stimmung belastet auch das Konsumklima. Mein Eindruck ist, dass unsere Gesellschaft durch das Desinformationsgewitter aus den sozialen Netzwerken den Blick auf die Realität verliert und sich gerade deshalb immer mehr Menschen verlässliche Informationen wünschen.

Clickbaiting, eine immer dünner werdende Zeitung, polarisierende Meinungskolumnen und übertriebene Überschriften sind nicht die Antwort. Verlässlich recherchierte, tiefgründige Beiträge schon. Vor 20 Jahren machten Verlage mit Werbung mehr Umsatz als mit Abos. Heute tragen Werbeumsätze bei Tageszeitungen und Zeitschriften nur noch zu etwa 25 Prozent zum Umsatz bei. Tendenz sinkend. Auch Digitalabos sind keine sichere Bank, da etwa die Hälfte der Abonnenten nach einem Jahr kündigt. Digitalabos kündigt, wer unzufrieden ist und das Gefühl hat, Inhalte zu sehen, die jeder publiziert. Weil Bilder entweder aus den sozialen Netzwerken geklaut, von Staatskanzleien oder der Feuerwehr umsonst verteilt oder von Nachrichtenagenturen stammen und von vielen Medien vor der Paywall veröffentlicht wurden.

Hier liegt die Chance in der Qualität. Wer kaum noch Umsätze mit Werbung macht, kann auf Clickbaits verzichten. Was zählt, sind originäre, tiefgründige und verlässliche Inhalte, visualisiert mit hochwertigen Foto- und Videoerlebnissen.

Ich gehe davon aus, dass sich bei einem qualitätsorientierten Medienangebot Abopreise genauso steigern lassen wie die Zufriedenheit der Abonnenten.

Netflix hat es geschafft, den Abonnenten viel Geld für wenig Inhalte abzunehmen. Die ARD-Mediathek bietet derzeit etwa 600.000 Inhalte an. Bei Netflix sind es nach unbestätigten Angaben nur etwa 6.000 Inhalte in deutscher Sprache. Trotzdem wollen viele Haushalte nicht auf Netflix verzichten, zum ähnlichen Preis wie dem Rundfunkbeitrag. Auch der bayerische Journalismus muss in seinem 80. Jahr als „Will-ich-haben-Produkt“ daherkommen. Dafür brauch es gute Mitarbeitende. Diese kosten Geld, ebenso wie die Filmschaffenden bei Netflix.

Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie brachten der Menschheit Frieden und Lebensqualität. Journalismus ist ein essenzieller Teil davon. Gerade in Zeiten, in denen die Populisten schreien: „Flood the zone with shit“, können wir Journalismus nicht genug wertschätzen. Fürs Überbewerten sind andere zuständig. Journalismus ist nicht gefloppt, sondern hat längst bewiesen, dass er wertvoll ist. Im Strukturwandel fehlt es nur an Mut und an Kapital. Letzteres wäre in bayerischen Medienhäusern besser angelegt als in amerikanischen Tech-Blasen.

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