BJVreport
Eine Stimme aus der „Blackbox Russland“
Artikel aus dem BJVreport von
Michaela Schneider
„Wie will man aus der Ferne berichten, wenn dies schon vor Ort fast unmöglich geworden ist?“, fragt Silke Bigalke. Deshalb bleibt die SZ-Korrespondentin weiter in Moskau.
Silke Bigalke, SZ-Korrespondentin in Moskau und Bayerns Journalistin des Jahres 2026, über die Arbeit von Journalist:innen in Russland.
Es sei einsam geworden in Moskau, sagt Silke Bigalke. Nicht nur viele westliche Korrespondent*innen haben Russland inzwischen verlassen. Auch zahlreiche unabhängige russische Journalist*innen sind gegangen – kritische Stimmen, die ihr als Kontakte fehlen. Für westliche Korrespondent*innen ist die Arbeit schwieriger, für russische Kolleg*innen aber ist sie nahezu unmöglich geworden. Unabhängige Berichterstattung aus Russland ist selten geworden. Die Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung aber ist geblieben und spricht und schreibt erstaunlich offen. Sie sagt: „Ich versuche so genau wie möglich zu beschreiben, was um mich herum passiert.“ Vom Bayerischen Journalisten-Verband wurde sie für ihre Recherchen aus Russland zur „Bayerischen Journalistin des Jahres“ gewählt.
Silke Bigalke sei keine Kollegin, die schwierige Arbeitsumstände vor sich hertrage. Sie erfülle unter schwierigsten Bedingungen ihren Auftrag, erklärte BJV-Vorsitzender Harald Stocker bei der Preisverleihung in München. Seit fast acht Jahren berichtet die 43-Jährige inzwischen aus Moskau. In der Rangliste der Pressefreiheit von „Reporter ohne Grenzen“ landete Russland heuer auf Platz 172 von 180. Schlechter um die Pressefreiheit bestellt ist es derzeit nur in Ländern wie Iran, Afghanistan, der Volksrepublik China, Nordkorea oder Eritrea.
Silke Bigalkes Weg in den Journalismus war zielstrebig: Sie hatte Spaß am Schreiben, jobbte noch vor der Uni für eine Lokalzeitung und machte – parallel zum Studium der Volkswirtschaft und Politischen Wissenschaften – eine Ausbildung an der Kölner Journalistenschule. Ihr letztes Praktikum führte sie ins Berliner Büro der Süddeutschen Zeitung. Sie ging für ein weiteres, freiwilliges SZ-Praktikum nach München, bewarb sich für verschiedene Volontariate, schaffte es zur Süddeutschen und blieb.
2014 ergriff sie die Chance, als Korrespondentin nach Stockholm zu gehen, sie sagt: „Ich habe mich in dieser Zeit wahnsinnig frei gefühlt.“ Deutlich seltener als später in Moskau gab es dort zwingende Themen oder tagesaktuellen Veröffentlichungsdruck. Die junge Frau war neben den skandinavischen auch für die baltischen Länder zuständig und reiste ständig. Silke Bigalke saß in Island bei einer Familie im Wohnzimmer, als die Panama Papers veröffentlicht wurden. Sie sprach am Rande des Breivik-Prozesses mit Überlebenden. Sie interviewte Mitglieder des Nobelpreiskomitees. „Mir standen ganz viele Türen offen, auch für abwegige Themen.“
Als die üblichen fünf SZ-Korrespondenten-Jahre Ende 2018 fast vorbei waren, erreichte Bigalke die Anfrage, ob sie sich vorstellen könne, nach Moskau zu wechseln. Seit der Annexion der Krim 2014 schaute man durch die geografische Nähe in den skandinavischen und baltischen Ländern mit Sorge auf die russische Expansionspolitik. Bigalke hatte auch in Skandinavien bereits über russlandnahe Themen berichtet. So hatte sie über die NATO-Diskussionen in Finland und Schweden geschrieben oder über russische Bürger, die wegen der westlichen Sanktionen für den Käseeinkauf über die Grenze nach Finnland reisten.
„Es kann heute praktisch jeden treffen“
Als die SZ-Korrespondentin zusagte, war ihr bewusst, dass Journalismus in Russland kein einfacher Job ist. Früh erlebte sie eine persönliche Diskreditierung in den Staatsmedien, die bis nach Deutschland strahlte, als den Propagandastimmen des Kremls nicht gefiel, was sie schrieb. Wie sich die Situation jedoch schrittweise verschärfen werde, ahnte sie nicht. Zensurgesetze zielen darauf ab, die gesamte russische Bevölkerung mundtot zu machen: „Es gibt immer mehr vage formulierte Gesetzesartikel, um jemanden ins Gefängnis zu bringen“, sagt die SZ-Korrespondentin. „Dieser Mechanismus ist so umfassend, es kann heute praktisch jeden treffen, selbst für einen kleinen Internetkommentar.“
Der Kreml nutzt selbst Antiterrorgesetze immer häufiger dazu, Kritik zu unterdrücken. Seit er etwa den Oppositionellen Alexej Nawalny auf die Liste der Extremisten und Terroristen setzen ließ, kann jeder ins Gefängnis kommen, der jemals mit ihm in Verbindung stand. So absurd die Vorwürfe und Gerichtsprozesse eine Farce sind, geschehen Verurteilungen weiter unter dem Deckmantel der Gesetzgebung.
Dass sie wenig über ihre Arbeit erzähle, habe auch damit zu tun, dass solche Äußerungen diese noch schwerer machen könnten, sagt Silke Bigalke. Kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine wurden in Russland neue Zensurgesetze erlassen. Seither darf praktisch nur über die Streitkräfte berichtet werden, was die Behörden vorgeben und gutheißen – alles andere kann als „Diskreditierung“ der Armee oder als so genannte „Fake News“ bestraft werden. Es durfte nicht von einem „Krieg“ geschrieben werden, die Rede sollte im russischen Propagandasprech von einer „speziellen Militäroperation“ sein. Auch sie selbst habe anfangs – wie viele westliche Medien – nicht gewusst, wie sie damit umgehen solle, erzählt Silke Bigalke. Dass sie weiterhin von Krieg schreibt, hatte bisher keine Konsequenzen. Doch wo die rote Linie für ausländische Korrespondent*innen verläuft, weiß niemand genau.
Abgewandert, untergetaucht, eingesperrt
Sicher ist, dass die Zensurgesetze russische Kolleg*innen in deutlich größere Gefahr bringen. „Inzwischen gibt es fast keine unabhängigen russischen Journalist*innen mehr, das ist der größte Verlust“, sagt die Korrespondentin. Die Blackbox Russland sei noch viel schwärzer geworden. Viele mutige russische Kolleg*innen, die es vor 2022 gab, seien ins Exil abgewandert, untergetaucht oder eingesperrt worden. Wer heute noch im Land arbeitet, tue dies unter extremem Risiko und häufig, ohne seinen Namen über seine Berichte zu schreiben.
„Was Freiheit bedeutet, versteht man wirklich erst, wenn man sie nicht mehr hat“
, sagt Silke Bigalke. Das gelte für physische Freiheit, aber auch für „die Freiheit zu sagen, was man sagen möchte und die Freiheit auszusprechen, was alle sehen, über das sich aber niemand zu reden traut“.
Ihr selbst ist vor allem wichtig, Gesprächspartner*innen zu schützen. Oft ist schwer einzuschätzen, für welches Zitat eine Anklage drohen kann. „Ich bin darauf angewiesen, dass Menschen mit mir sprechen. Und man kann sich kaum vorstellen, wie viel Mut sie das kostet“, sagt die 43-Jährige. Entsprechend dauere es manchmal Monate, Leute zu finden, die reden wollen: „Ich durchforste Chatgruppen, schaue, wer sich dort äußert, investiere viel Zeit und versuche mein Anliegen zu erklären.“ Findet man endlich Menschen, die sich äußern, meldet sich laut Bigalke gleichzeitig wieder das schlechte Gewissen, Gesprächspartner in Gefahr zu bringen. Es sei vorgekommen, dass Behörden aufmerksam wurden und Gesprächspartner vom Inlandsgeheimdienst FSB unter Druck gesetzt wurden.
Bigalke glaubt nicht, dass derzeit Widerstand aus der Bevölkerung heraus wachsen könnte. Putins Propaganda sei so umfassend, dass kritische Gegenstimmen im Land verstummt seien. Die Erzählung, dass der Westen Russland bedrohe, sei schon lange vor dem Krieg verbreitet worden, das zeige heute Wirkung. Kriegspropaganda beginne im Kindergarten und präge eine ganze Generation. Liberale westliche Werte wie Toleranz und Vielfalt würden mit Werteverlust und Chaos gleichgesetzt – ähnlich den Narrativen der AfD.
Wenn Silke Bigalke eine Pause von Russland braucht, kommt sie nach Deutschland. „Was mir dann aber auffällt ist, wie häufig ich auf Misstrauen gegenüber der Presse stoße.“ Wenn Rechtspopulisten hierzulande gezielt Journalist*innen diskreditierten, um die Deutungshoheit zu gewinnen, dann sei das etwas, das „auch Putin wahnsinnig gern“ höre. „Man muss sich von Anfang an dagegen wehren“, appelliert sie eindringlich.
Bei Recherchen vor Ort ist Silke Bigalke selten allein unterwegs. Es sei wichtig, sich im Ernstfall auf einen Zeugen berufen zu können und jemanden zu haben, der eine mögliche Festnahme überhaupt mitbekommen würde. Allein reist die deutsche Korrespondentin nur, wenn sie niemand anderen einem Risiko aussetzen möchte. „Wir Korrespondenten rechnen alle damit, dass wir überwacht werden.“
Recherchen in anderen Regionen seien immer riskanter als in Moskau, wo man an ausländische Korrespondent*innen eher gewohnt sei. Kolleg*innen seien auf Reisen schon von Pseudo-Kamerateams mit Fragen bedrängt worden – Aufnahmen, die später in russischen Staatsmedien zur Diskreditierung verbreitet werden. Bigalke selbst ist in russischen Regionen schon kontrolliert worden, nachdem Anwohner die Polizei gerufen hatten. Das schlimmste Szenario wäre eine Festnahme, und womöglich ein Gerichtsprozess. Wie schnell dies geschehen kann, zeigte sich, als der US-amerikanische Reporter Evan Gershkovich im März 2023 in Moskau unter dem Vorwand der angeblichen Spionage verhaftet und im Juli 2024 zu 16 Jahren Haft verurteilt wurde. Putin nutzte Gershkovich als Verhandlungsmasse, um den Tiergartenmörder Wadim Krasikow im August 2024 in einem großen Gefangenenaustausch freizubekommen.
Die Verhaftung des Kollegen war für die Auslandskorrespondent*innen in Russland ein weiterer Einschnitt. „Jedes Jahr, jeden Monat werden die Luftlöcher, die wir noch hatten, kleiner“, sagt Silke Bigalke. Die wenigen Auslandskorrespondent*innen die noch da seien, stützten sich gegenseitig. Man tausche sich aus über Sicherheitsfragen, warne sich gegenseitig, wenn es Behördenprobleme gibt, und informiere sich vorab über Recherchereisen, um im Notfall Hilfe organisieren zu können.
„Es braucht weiter die Nähe und das Gespräch“
„Im Moment bin ich die Einzige, die für die SZ in Moskau akkreditiert ist und berichten kann“, sagt Silke Bigalke. Das treibe sie an, weiterzumachen. Es werde gern aus der Ferne über den Kreml analysiert und spekuliert, aber zu wenig aus Russland heraus geschrieben. Was bewegt die Bevölkerung? Was fühlen und wie denken die Leute? Es brauche weiter die Nähe und das Gespräch, um der Bevölkerung im Land gerecht zu werden.
Dass sich überhaupt noch Menschen finden, die mit Silke Bigalke sprechen, liegt sicherlich auch an ihrer zurückhaltenden, verantwortungsvollen und hochempathischen Art. Sie selbst bleibt lieber im Hintergrund, will keine Aufmerksamkeit. Eine Preisverleihung? Eher unangenehm. Eine Stimme geben will sie denen, die sonst mundtot wären.
Dieser Artikel erschien zuerste im BJVreport 03/2026.