Mitglied werden

BJVreport

Fragen, Bedenken, Aufbruchstimmung

12.08.2025
Ein Artikel aus dem BJVreport von
Senta Krasser

Die umstrittene Reform im Regionalen der Süddeutschen Zeitung ist umgesetzt – intern geräuschloser als gedacht.

Was im vorigen Herbst die Gemüter erregte und die Regio-Chefs der Süddeutschen Zeitung, Ulrike Heidenreich und René Hofmann, im Interview mit dem BJVreport (siehe 5/2024) gegen breite Kritik auch seitens des BJV verteidigten, ist jetzt umgesetzt: Seit Anfang Juni erscheinen die News aus München und Bayern in reduziertem Printumfang. Dafür spielt sich mehr im Digitalen ab. Außerhalb der SZ-Zentrale schließen sich die Türen, weil die eigenen Redaktionsräume im Umland sukzessive alle aufgegeben werden. Dennoch kommt der Umbau intern offenbar weniger kontrovers an als gedacht, wie der BJVreport von Mitarbeitenden erfuhr – obwohl die Konsequenzen für manche zum Teil gravierend sind. Und für die (meist ältere) SZ-Leserschaft der gedruckten Zeitung ebenso.

Mit der Umstellung wurde die Buchstruktur aufgegeben. Das bedeutet: Es wird nicht mehr für jeden Landkreis ein eigenes Zeitungsbuch mit mindestens vier Seiten inklusive Anzeigen gefüllt. Die Inhalte aus den Bereichen Fürstenfeldbruck/Dachau, Ebersberg/Erding/Freising, Starnberg/Bad Tölz-Wolfratshausen und dem Landkreis München werden auf Seiten präsentiert, die ins München-Buch integriert sind. Das spart teure Druckkosten. Es geht aber auch zu Lasten von Inhalten allein quantitativ.
Wer in München wohnt, kann eine starke Tendenz des Lokalteils in Richtung Berichterstattung über „Greater Munich“ mit etwas arg viel Themen aus den umliegenden Landkreisen erkennen, die im Vergleich zur Stadt manchmal etwas seltsam gewichtet sind. Der neuen Redaktionslinie folgend („eine regionale Geschichte, die ganz Deutschland interessiert“) mag der ausführliche Bericht über Bierpreise auf Volksfesten von Cham bis Vaterstetten auch für Leser*innen der München-Seiten interessant sein. Dafür fühlt sich das Umland immer weniger im Blatt repräsentiert. Vermisst wurde beispielsweise im Oberland, dass in der SZ nichts zu erfahren war über ein neues Wohnquartier in Holzkirchen, dafür im Miesbacher Merkur. Auch dass in diesem Juni die Pläne für rund 140 Wohnungen begraben wurden, war der SZ keine Berichterstattung wert. Die Zielgruppe der SZ: Sie wird jetzt eben deutlich weiter gefasst und nicht mehr über alles und mit Kleinteiligem in Zweispalter-Meldungen informiert. Wer Genaueres über die eigene Heimat wissen will, muss die Konkurrenz lesen.

„Wie bei einem Puzzle haben wir versucht, für jede und jeden den richtigen Platz zu finden.“

SZ-Ressortleitung München, Region und Bayern

Nicht wegzudiskutieren ist: Die Sichtbarkeit der Zeitung vor Ort nimmt ab, Mietverhältnisse von Außenbüros wurden gekündigt. Je nach Mietvertrag dauert es, bis die SZ überall raus ist.. In Fürstenfeldbruck zum Beispiel werden die eigenen Redaktionsräume spätestens ab 2027 abgemietet sein. In Starnberg wandelt der Vermieter die Liegenschaft in einen Co-Working-Space um, in den sich die SZ dann einmieten will. In Dachau wurde ein ähnliches Modell gefunden. Als Rückzug aus der Region will die Ressortleitung all das keinesfalls verstanden wissen.

Auf Nachfrage betonen Heidenreich und Hofmann „das Wichtigste“ ihrer Reform: Dass Geschichten nicht mehr aus Printsicht geplant und geschrieben würden („Wir brauchen noch was für die zweite Seite unten!“), sondern konsequent aus Digitalsicht, also mit dem Fokus: Wie findet welcher Inhalt über die digitalen Ausspielformen das meiste Publikum? Und: Was schubst ins Digital-Abo? Als beispielhaft (weil digital erfolgreich mit hohen fünfstelligen Zugriffszahlen) führen sie an: ein Interview mit einem Senner im Isarwinkel, einen Essay über die Vorzüge des Münchner Speckgürtels sowie eine Geschichte über Klimaschutzideen von Studierenden in Weihenstephan. Zudem gibt es (noch nebulöse) Pläne für weitere Projekte, „die die Präsenz der SZ in allen Landkreisen herausstreichen“ sollen.

60 Einzelgespräche haben die Regio-Chefs intern geführt, in denen sie mit dutzenden Fragen („Wie soll das genau funktionieren?“) und etlichen Bedenken („Aber verlieren wir dann nicht unsere regionalen Wurzeln?“) konfrontiert wurden. Es gab ihnen zufolge aber auch viel Aufbruchstimmung („Endlich kommen wir mal raus aus der täglichen Mühle“), Lust auf Neues im Digitalen und Ideen für das Feintuning des Modells. Wie bei einem Puzzle hätten sie dann versucht, „für jede und jeden den richtigen Platz zu finden“.

Pauschalen reduziert

Herausgekommen ist: In den Landkreisen sind nur noch gut 25 Reporter*innen im Einsatz. In einer täglichen Konferenz mit allen wird festgelegt, wer welches Thema wie angeht. Das neu etablierte Regions-Desk im SZ-Glasturm, bestehend aus rund zehn Kolleg*innen, kümmert sich dann um die Koordination im Haus, also wo die Stücke digital ausgespielt werden, und übernimmt die Produktion Print und Online. Für die Social-Media-Ausspielungen wurden zwei Stellen ausgeschrieben. Weitere zwei Kolleg*innen kümmern sich um die neu definierten, übergreifenden Themenfelder Gastronomie, Verkehr, Investigatives sowie Themen gezielt für Unter-30-Jährige.

Eine Quote, wie viele Freie nicht mehr beauftragt werden, gibt es laut Heidenreich/Hofmann nicht. Regelmäßig Schreibende hätten weiterhin die Möglichkeit, Themen anzubieten. In der Bayern-Kultur und bei SZ Extra wird darauf nicht verzichtet, auch Pauschalisten sind dort „unangetastet“, heißt es aus der Redaktion. In anderen Teams wurden allerdings Pauschalen wegen „zurückgefahrener Arbeitserwartung“ reduziert. Zwei Pauschalen-Empfänger haben aus Altersgründen von sich aus die Zusammenarbeit beendet, bei dreien hat es die SZ getan.

Wie die SZ-Leserschaft auf all das Neue reagiert? Laut Ressortleitung trudelten in den ersten drei Wochen rund 400 Rückmeldungen ein, ein Drittel davon wollte schlicht informiert werden. Andere wünschten sich mehr aus den Landkreisen – ein wiederkehrender Wunsch, wie Markterhebungen in der Vergangenheit ergaben.

Die Quote derjenigen, die ihr Print-Abo wegen der Umstellung gekündigt haben, liegt bei 0,1 Prozent. Im gleichen Zeitraum kamen über 1.000 Digital-Abos hinzu. Nach Zahlen scheint die SZ-Rechnung aufzugehen. In der Fläche bleiben aber blinde Flecken der Berichterstattung.

Dieser Artikel erschien zuerst im BJVreport 03/2025


Vor Gericht: Autorenrechte-Brief der SZ

Mit einem neuen Autorenrechte-Brief will der Verlag der Süddeutschen Zeitung von freien Mitarbeitenden das Recht einfordern, dass die Zeitung ihre journalistischen Werke für KI-Training und -Anwendung verwenden darf. Gleiches soll für die Erstellung von Zusammenfassungen und Bearbeitungen ihrer Wort- und Bildbeiträge gelten. Von einer Extra-Vergütung ist nicht die Rede. Dafür sollen Freie die Zustimmung des Verlags einholen, wenn sie generative KI jeglicher Art nutzen wollen. Der DJV hält diese KI-Klauseln für problematisch, weil sie massiv in das Persönlichkeitsrecht von Autor*innen eingreifen, und legte im April Klage ein vor dem Landgericht München I. Das Hauptsacheverfahren soll grundsätzliche Klarheit schaffen. Die Gegenseite beantragte eine Fristverlän­ge­rung bis Ende Juli. Die Aufforderung zur Unterschrift unter die neuen AGB bekamen auch Mitarbeitende von den Zeitungen der Verlagsgesellschaft Hof/Coburg/Suhl/Bayreuth, die wie die SZ zum SWMH-Konzern gehört. DJV und BJV raten, nicht zu unterschreiben. Die Befürchtung, dass dann Aufträge ausbleiben, scheint sich bisher nicht bewahrheitet zu haben.

Mehr Infos

Bayern Print
Lokaljournalismus Print Online-Journalismus Künstliche Intelligenz

Weitere Artikel im BJV-Blog

Geschäftsstelle
Geschäftsstelle

09.02.2026

Geänderte Erreichbarkeit vom 12.02 - 17.02.

Vom 12.-17.02.2026 ist die Geschäftsstelle für Publikumsverkehr geschlossen. Sie erreichen uns per Mail oder telefonisch.

Mehr
Pressefoto Bayern
Pressefoto Bayern

23.01.2026

„Pressefotos verleihen Ereignissen ein Gesicht“

Bereits zum 18. Mal gastiert die Ausstellung Pressefoto Bayern in Nürnberg.

Mehr
Fachgruppe Rundfunk
Fachgruppe Rundfunk

22.01.2026

Backstage bei „Aktenzeichen XY“

Ein unvergesslicher Abend hinter den Kulissen der ZDF-Fahndungssendung „Aktenzeichen XY… Ungelöst“!

Mehr
Verlag Nürnberger Presse
Verlag Nürnberger Presse

19.12.2025

„Das härteste Jahr, das die Mitarbeitenden der VNP erlebt haben.“

Bei einer Betriebsversammlung am Donnerstag erklärten Geschäftsführung und Betriebsrat den geplanten Stellenabbau. Was Betroffene jetzt tun können.

Mehr
Pressefoto Unterfranken
Pressefoto Unterfranken

19.12.2025

Mehr als nur schöne Bilder

Die Aufnahme mit dem Titel „Tracht hält dicht“ des Schweinfurter Bildjournalisten Josef Lamber ist das Pressefoto Unterfranken des Jahres 2025.

Mehr
News
News

05.12.2025

BR-Kolleginnen erhalten Hanns–Joachim-Friedrichs-Preis 2025

Der BJV gratuliert Sophie von der Tann und Katharina Willinger

Mehr
Meinung
Meinung

03.12.2025

Mehr Mut, bitte!

Der BJV-Vorsitzende Harald Stocker ruft die Medienbranche dazu auf, mehr Mut zu zeigen und stärker in den Journalismus zu investieren.

Mehr
Pressefoto Bayern 2025
Pressefoto Bayern 2025

01.12.2025

Verlässliche Bilder in Zeiten von KI-Fakes

Der Bayerische Journalisten-Verband (BJV) feiert im Bayerischen Landtag die Arbeit von Fotojournalistinnen und -journalisten. Pressefoto Bayern zeigt den hohen Wert von Bildjournalismus.

Mehr
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

26.11.2025

Zweitwohnsitz Weltall: Besuch beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Faszination Mond: Die Exkursion nach Oberpfaffenhofen war raketenschnell ausgebucht. Was dort über Raumfahrt aus Bayern und die Kommunikation des DLR zu erfahren war.

Mehr
Bezirksverband Franken-Nordbayern
Bezirksverband Franken-Nordbayern

13.11.2025

Geschichte, Gegenwart und Zukunft

Ein informativer Abend zu "80 Jahren freier Journalismus in Franken".

Mehr
Fachgruppe Print
Fachgruppe Print

05.11.2025

Hans von Draminski ist neuer Fachgruppen-Vorstand

Die Printler:innen wählten in der Panorama-Lounge der Süddeutschen Zeitung ein neues Vorstands-Team.

Mehr
Fachgruppe Rundfunk
Fachgruppe Rundfunk

06.10.2025

Bayerns neues Zentrum für KI in den Medien

BJV-Mitglieder treffen den Leiter des KI-Kompetenzzentrum Medien (KI.M) Jim Sengl.

Mehr
Nachruf
Nachruf

21.09.2025

BJV trauert um Rudi Ammer

Es ist lange her: Ich war noch keine Woche als Volontär bei den Nürnberger Nachrichten (NN), da hatte mir Rudi …

Mehr
Fachgruppe Freie
Fachgruppe Freie

18.09.2025

Sommerfest der Freien im Deutschen Museum

Mitglieder der Fachgruppe Freie treffen sich in München zu einer Museums-Führung und zum Netzwerken.

Mehr
BJVreport
BJVreport

01.09.2025

Ohne METIS-Reform wären nur Krümel geblieben

Experte Ulf Froitzheim erklärt die beschlossenen Neuerungen bei der VG Wort

Mehr
Press Ahead
Press Ahead

28.08.2025

Marius Reichert: So gelingt verständliche Berichterstattung aus der Krise

Ein Gespräch mit dem internationalen Reporter Marius Reichert über News Fatigue, mobile Krisenberichterstattung und Resilienz im Journalismus.

Mehr
BV Franken-Nordbayern
BV Franken-Nordbayern

21.08.2025

Geschichtliches Erbe, modern präsentiert

2027 wird das Germanische Nationalmuseum 175 Jahre alt - und aufwändig saniert. BJV-Mitglieder bekamen einen exklusiven Einblick in die Umbau-Pläne. Inklusive Reise unter die Erde.

Mehr
BJVreport
BJVreport

19.08.2025

Pressefoto Bayern wird digital

Neue Regularien: Harald Stocker sagt, was sich ändern soll.

Mehr
BJVreport
BJVreport

12.08.2025

Fragen, Bedenken, Aufbruchstimmung

Die umstrittene Reform im Regionalen der Süddeutschen Zeitung ist umgesetzt – intern geräuschloser als gedacht.

Mehr
Press Ahead
Press Ahead

04.08.2025

Sichtbar werden, sichtbar bleiben

So gelingt Personal Branding im Journalismus.

Mehr