Tag der Pressefreiheit 2026
„In zwei, drei Jahren kann es auch bei uns ganz anders aussehen“
Bericht von
Michaela Schneider
Die frisch gekürte Bayerische Journalistin des Jahres Silke Bigalke spricht nach der Preisverleihung bei der Diskussionsrunde des BJV.
Der BJV kürt die besten Werke zum Thema Pressefreiheit und geht der Frage nach, wie bedroht die Pressefreiheit in Europa ist.
Das Europäische Medienfreiheitsgesetz sei ein sehr, sehr schwaches Schwert für einen großen Drachen, der erlegt werden müsse, sagte Mika Beuster, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes. Unter der Fragestellung „Feindbild Journalismus – Wie bedroht ist die Pressefreiheit in Europa?“ hatte der Bayerische Journalisten-Verband im Anschluss an die Verleihung des Rainer-Reichert-Preises zum Tag der Pressefreiheit 2026 zur Podiumsdiskussion geladen. Es moderierte TV-Journalist Jürgen Schleifer.
Neben Beuster diskutierten Susanne Glass, BR-Redaktionsleiterin Ausland und Reportagen, Lillith Grull, Internationale Reporterin bei correctiv.europe sowie die frisch gekürte Bayerische Journalistin des Jahres Silke Bigalke, die seit inzwischen acht Jahren für die Süddeutsche Zeitung als Korrespondentin in Moskau über Russland berichtet.
Gefährliche Orte für Journalist*innen
Auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine folgten im März 2022 in Russland neue Zensurgesetze und Repressionen gegen Journalist*innen. „Wir mussten erst einmal überlegen, wie wir damit umgehen“, sagt Bigalke. Sie selbst halte sich nicht an die Zensur und schreibe weiter über den Krieg, die Armee und Themen, mit denen russische Kollegen Gefängnis riskieren. Eine unabhängige Presse gebe es nicht mehr, dadurch sei „die Blackbox Russland noch viel schwärzer geworden“. Wenn sie jemanden schütze, sagt die SZ-Korrespondentin, dann die, mit denen sie spreche.
Sie sei zwar nicht ständig im Ausland unterwegs, sagt correctiv.europe-Reporterin Lillith Grull, arbeite aber bei Recherchen mit einem Netzwerk an Journalist*innen in ganz Europa zusammen und spricht von einem „ungemein reichen, reizvollen Austausch“. Gleichzeitig bekomme sie viel Resignation mit und spricht von Kolleg*innen, die bestimmte Themen von vornherein außen vor ließen, „weil sie wissen, dass sie sowieso abgesägt werden“.
Was es bedeutet, wenn man Bedrohung am eigenen Leib erfährt, erlebte Grull selbst, ehe sie für Correctiv zu arbeiten begann, damals arbeitete sie als Lokaljournalistin in Sachsen – und es kam durchaus vor, dass Menschen vor ihrer Tür standen oder anriefen, das sei „nicht so schön“ gewesen. Sie kenne Kolleg*innen, die nicht mehr auf einschlägige Veranstaltungen zum Berichten gingen, weil – mitten in Deutschland – die Familie bedroht werde. „Das ist echt problematisch.“
Pressefreiheit unter Druck
BR-Redaktionsleiterin Susanne Glass schaute unter anderem auf mehr als ein Jahrzehnt Ungarn: Sie habe von Anfang an miterlebt, wie Viktor Orban als Ministerpräsident begann, Medien mundtot zu machen. Gleichzeitig seien die Empörung und der Widerstand unter Kolleg*innen so massiv gewesen, dass sie sich gedacht habe: „Die werden es schon schaffen.“ Dass es anders kam und die Pressefreiheit ab 2010 sukzessive abgebaut wurde, ist bekannt. „Es passierte so schnell“, sagt Glass, verbunden mit der Sorge: „In zwei, drei Jahren kann es auch bei uns ganz anders aussehen.“
Hier wiederum knüpfte auch Mika Beuster an. Zwar sei man in Deutschland noch ganz gut dran. Doch warnte der DJV-Vorsitzende davor, sich zurückzulehnen. „Wir haben einen Platz in der weltweiten Rangliste der Pressefreiheit der nur gut scheint“, wenn die Pressefreiheit weltweit runtergehe. 2025 lag die Bundesrepublik auf Platz 11 der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen (RoG) – laut der neuen Liste, die RoG am Tag nach der Diskussionsrunde veröffentlichte, verschlechterte sich Deutschland erneut und liegt 2026 nur noch auf Platz 14.
Resilienz gegen die Feinde der Pressefreiheit
Was also tun? Pressefreiheit könne in Tagen oder Wochen fallen. „Wir brauchen schon jetzt Konzepte und eine resiliente Gesetzgebung“, fordert Beuster. Hier mische sich der DJV ein: „Wir sind laut, wenn es darum geht, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu erhalten.“ Auch blickte Beuster etwa auf die noch junge EU-Anti-Slapp-Richtline.
Susanne Glass schaute in dem Zusammenhang vor allem auch auf Italien: „Es gibt dort diese Leute mit ausreichend Geld und Zeit, um Journalist*innen mit Klagen völlig lahm zu legen.“ Die neue EU-Richtlinie bringe nicht viel, da die Hürde, dass sie greife, viel zu hoch gesetzt sei, so Beuster. Das gute an ihr aber sei, dass das Thema nun immerhin im öffentlichen Bewusstsein angekommen sei.
Alle Siegerinnen und Sieger des Rainer-Reichert-Preis zum Tag der Pressefreiheit, Links zu den ausgezeichneten Artikeln, Jurybegründungen und Fotos von der Preisverleihung sind hier zu finden:
Rainer-Reichert-Preis zum Tag der Pressefreiheit 2026
Im BJVreport 03/2026 werden alle Preisträger*innen des Rainer-Reichert-Preises ausführlich porträtiert. Auch die Podiumsteilnehmer*innen kommen in der Titelstrecke zum Thema Pressefreiheit noch einmal zu Wort. Das Magazin erscheint im Sommer kurz nach der Mitgliederversammlung. Die aktuelle Ausgabe „Tanz durch die Jahrzehnte. 80 Jahre BJV und Medien“ liegt bereits im Druck - und ab kommender Woche dann im Briefkasten.