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BJVreport

„Taktvoll zur Wahrheitsliebe“

29.05.2026
Artikel aus dem BJVreport von
Michaela Schneider

Am Samstag, 2. Februar 1946, war es nach viermonatiger Vorarbeit so weit: Bei einer Arbeitstagung konstituierte sich der Verband der Berufsjournalisten in Bayern. Umbenannt in Bayerischer Journalisten-Verband wurde dieser am 30. März 1957.

Der Geburtsstunde des Verbandes der Berufsjournalisten in Bayern am 2. Februar 1946 gingen intensive Vorarbeiten voraus.

„Zweck dieser freien Tagung deutscher Journalisten nach zwölfjähriger Sklaverei und Geistesknebelung ist es, einen Arbeitsausschuss zu bilden, der alle auf demokratischem Boden stehenden Kollegen erfassen soll“, wandte sich der Journalist Georg Lorenz als Versammlungsleiter im Sitzungssaal des Münchner Rathauses am 29. September 1945 an rund 100 Kolleg*innen. Mit der ersten Zusammenkunft des „Arbeitsausschusses der Berufsjournalisten Bayerns“ war der Stein für die Gründung des Verbands der Berufsjournalisten in Bayern (VBB) gelegt. Und dies, noch ehe in Bayern mit der Süddeutschen im Oktober 1945 überhaupt wieder die erste Zeitung nach der Diktatur des Nationalsozialismus erschien.

Doch wie war es zu dem Treffen gekommen? Ernst Langendorf, Presseoffizier der US-Army, war nach seinem Einrücken in München im April 1945 eigentlich auf der Suche nach geeigneten Lizenzträgern für eine erste bayerische Zeitung. Doch weder der Leiter des städtischen Münchner Informationsamtes Josef Ackermann noch der Zeitungswissenschaftler Dr. Otto Groth hatten daran Interesse. Am Samstag, 2. Februar 1946, war es nach viermonatiger Vorarbeit so weit: Bei einer Arbeitstagung konstituierte sich der Verband der Berufsjournalisten in Bayern. Umbenannt in Bayerischer Journalisten-Verband wurde dieser am 30. März 1957. Beide aber signalisierten den Wunsch, eine bayerische Journalistenorganisation zu gründen. Die Amerikaner begrüßten dies als eine „gute Idee“ und gaben grünes Licht, verknüpft mit zwei Forderungen: Politisch belasteten Journalist*innen müsse der Zugang zum Verband verwehrt werden und dieser solle sich der Ausbildung eines der Demokratie verpflichteten journalistischen Nachwuchses annehmen.

„Ausdruck warmer, tiefer Menschlichkeit“

Wenig später kam man am 29. September 1945 im Münchner Rathaus zusammen – und neben Ackermann und Groth wurden in den Vorstand des Ausschusses gewählt: der von den Nazis seinerzeit ins KZ Dachau gesperrte Erwein von Aretin; Werner Friedmann, der als 24-jähriger Reporter aufgedeckt hatte, wie sich Adolf Hitler die deutsche Staatsbürgerschaft erschleichen wollte; SZ-Mitgründer Georg Lorenz; der von den Nazis mit einem Berufsverbot belegte einstige Chefredakteur des Bayerischen Kuriers Josef Osterhuber; der 1933 als KPD-Mitglied verhaftete und 1945 als Pressechef des bayerischen Ministeriums für Entnazifizierung eingesetzte Eduard Schmidt-Claudius; und als Siebte und einzige Frau im Bunde die Sozialdemokratin und Emigrantin Else von Reventlow, Redakteurin bei der Neuen Zeitung, als deren Herausgeber die „Information Control Division“ der amerikanischen Besatzungsbehörde fungierte. Hinzu kamen fünf Beisitzer, darunter als Vertreter der Sportreporter auch der 33-jährige Robert Lembke.

„Presse kann vergiften, Presse kann Gegensätze stiften, den Unverstand züchten und Feindschaften entfachen. Presse kann aber auch Ausdruck warmer, tiefer Menschlichkeit sein und selbst in ihrer Kritik angemessen, taktvoll zur Wahrheitsliebe, zum Wissen und Höherem und Bleibendem erziehen“, wandte sich der deutschstämmige Journalist Joseph Donner, bis Ende 1945 Chef der amerikanischen Pressekontrolle für München und Oberbayern, an die versammelte Journalistenrunde.

Eine Geschäftsstelle richtete der Arbeitsausschuss in der Sendlinger Straße 80 in München ein – dort, wo alsbald auch die Süddeutsche Zeitung erscheinen sollte. Vier Monate lang tagte der Ausschuss in enger Taktung. Es wurde diskutiert, debattiert und an einer künftigen Satzung gefeilt.

„Ich bitte (…), bei der Diskussion zu meinem Referat sich möglichster Zurückhaltung zu befleißigen.“
- Vorsitzender Dr. Otto Groth

Am 2. Februar 1946 schließlich war es so weit: „Der vorläufige Arbeitsausschuss der Berufsjournalisten Bayerns hat die vorbereitenden Arbeiten abgeschlossen, so daß an die endgültige Konstituierung des Verbandes der Berufsjournalisten in Bayern gegangen werden kann“, heißt es in der Einladung zur konstituierenden Versammlung. „Nachdem Ihre vorläufige Aufnahme in den Verband beschlossen ist, laden wir Sie hiermit zu dieser berufswichtigen Tagung höflichst ein.“ Der kleine Rathaussaal in München sei „zum Bersten voll“ gewesen, berichtete die Süddeutsche Zeitung. 125 Teilnehmende waren zusammengekommen, um den VBB zu gründen. Anwesend waren auch Vertreter der amerikanischen Militärregierung sowie Verleger, weil „Verleger und Journalisten zum Teil heute die gleichen Personen“ seien, heißt es im Gründungsprotokoll. Er gehe deshalb davon aus, so Groth, dass „wir (…) die ja nun einmal vorhandenen Gegensätze zwischen Verleger und Journalisten in einem harmonischen und für beide Teile befriedigen den Sinne lösen werden“.

Je 50 Gramm Fleisch und Schwarzbrot

Zum Mittagessen gab es bei der Arbeitstagung der Einladung zufolge pro Person 50 Gramm Fleisch, fünf Gramm Fett und 50 Gramm Schwarzbrot. Eine Diskussion entbrannte um die Zusammensetzung des künftigen Vorstands, weil nur Münchner zur Wahl standen. „Die Verhältnisse sind so, dass wir heute auswärtige Kollegen nicht wählen können, weil die Verkehrsverhältnisse so schlecht sind. Wenn wir plötzlich eine Sitzung halten müssen, haben wir nicht die Sicherheit, dass ein Herr von auswärts hierher kommt“, begründete dies der noch vor Beratung der Statuten des VBB mit überwältigenden 113 Stimmen zum ersten Vorsitzenden gewählte 70-jährige Journalistiklehrer Dr. Otto Groth. „Ich persönlich bin nicht erbaut, dass Sie einen Münchner Zentralismus geschaffen haben“, hielt ein Kollege gegen. Georg Lorenz wurde zum Stellvertreter sowie Erwein Freiherr von Aretin zum Ersten Kassenwart gewählt. Mit Else von Reventlow schaffte es eine Frau auf den Posten der Schriftführerin. Josef Osterhuber wurde einstimmig als Geschäftsführer bestätigt. Die Aufnahmegebühr in den Verband wurde auf fünf Reichsmark festgesetzt, die Statuten wurden einstimmig verabschiedet.

Mehrere Ausschüsse formierten sich: Der Prüfungs- und Überwachungsausschuss als Aufnahmegremium der Organisation sowie Ehrengericht, Schiedsgericht und letzte Berufungsinstanz für abgelehnte Bewerber; ein „Ausschuß für die Unterstützungskasse“ sowie ein „Ausschuß für den kooperativen Arbeitsvertrag“, der erste Tarifverhandlungen mit den Verlegern aufnehmen sollte.

Dieser Artikel erschien zuerst im BJVreport 02/2026

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