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Die letzte Ausgabe der Abendzeitung Nürnberg vom Samstag, 29.09.2012; die Internet-Ausgabe verweist jetzt auf die Münchner Abendzeitung.
Foto: Abendzeitung Nürnberg

Aktuell

Bitteres Ende für die Mitarbeiter der Nürnberger Abendzeitung

Das älteste Boulevardblatt Deutschlands erscheint am Samstag zum letzten Mal

Nürnberg, München, 28.09.2012

Die Mitarbeiter der Abendzeitung Nürnberg wussten seit Monaten, dass es schlecht um ihr Blatt steht. Dennoch war die Nachricht, dass das Boulevardblatt zum 30. September eingestellt wird, ein Schock. Die Hoffnung, einen neuen Investor zu finden, hatte sich zerschlagen. Nun werden die 35 Mitarbeiter in der Redaktion der Abendzeitung Nürnberg freigestellt.
 
Das traditionsreiche Nürnberger Blatt erschien 1919 zum ersten Mal und gilt als älteste Boulevardzeitung Deutschlands. Seit 30 Monaten ist der Nürnberger Medienunternehmer Gunther Oschmann Alleingesellschafter. Er übernahm den Ableger des Münchner Boulevardtitels von der Verlegerfamilie Friedmann, um dem Titel eine bessere wirtschaftliche Perspektive zu geben. Die Nürnberger Abendzeitung sollte stärker als regionaler Titel positioniert werden.

Zunächst wurde der Mantel noch aus München geliefert, später eine Vollredaktion aufgebaut und dafür 14 Mitarbeiter neu eingestellt. Doch dieses Geschäftsmodell einer stark regional ausgerichteten Boulevardzeitung ging nicht auf, Millionenverluste wurden eingefahren. Pro Ausgabe der Abendzeitung Nürnberg soll Telefonbuchunternehmer Oschmann, der auch an zahlreichen Hörfunk- und TV-Sendern beteiligt ist, zwischen 7000 und 10.000 Euro aus seinem Privatvermögen zugeschossen haben, was ihm zunehmend die Lust an seinem Neuerwerb verdarb.
 
Krititk an Oschmann
Die Gründe für das Scheitern sind vielfältig. Zum einen ist Oschmann vertraglich langfristig daran gebunden, sein Blatt in der Münchner Sozietätsdruckerei herstellen zu lassen – was für die Abendzeitung einen frühen Redaktionsschluss und damit mit Ausnahme großer Sportereignisse mangelnde Aktualität mit sich brachte.

Außerdem lag die verkaufte Auflage mit rund 14.000 Exemplaren am Kiosk (laut Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V. IVW) weit unter den Planzahlen: Rund 30.000 Stück hätten täglich verkauft werden müssen, damit schwarze Zahlen geschrieben werden. Schließlich mehrten sich die Stimmen, die dem Medien-Großinvestor Oschmann und seinem Management vorwarfen, dass sie ihr Handwerk nicht verstanden, weil sie zu wenig Erfahrung im Tageszeitungsgeschäft hatten.

“Oschmann muss sich unternehmerische Fehler ankreiden lassen. Die deutlich konservativere Ausrichtung des Blattes hat offenbar vielen Lesern nicht gefallen“, stellt BJV-Vorsitzender Dr. Wolfgang Stöckel fest. Trotz des alarmierenden Auflagenschwundes habe man nicht rechtzeitig gegengesteuert und neue Konzepte entwickelt, um das Scheitern des Traditionsblattes noch zu verhindern.
 
Nun ist das bittere Ende da. Das Unternehmen hat keine Insolvenz angemeldet, was faktisch bedeutet, dass die Mitarbeiter juristisch zunächst angestellt bleiben und ihr sie ihr Gehalt weiter beziehen. Auch die Kündigungsfristen müssen eingehalten werden. Oschmann sucht nun gemeinsam mit der Geschäftsleitung nach Lösungen, wie das Ende der Arbeitsverhältnisse möglichst sozialverträglich gestaltet werden kann.

Verhandlungen über Sozialplan beginnen am Montag
Die Geschäftsleitung hat bereits die Bildung einer Transfergesellschaft ins Gespräch gebracht, mit dem Betriebsrat soll zeitnah über einen Sozialplan verhandelt werden. Am kommenden Montag, den 1. Oktober 2012, findet bei der Abendzeitung Nürnberg eine Betriebsversammlung statt, auf der die Mitarbeiter über konkrete Vorschläge informiert und Lösungsmodelle diskutiert werden. Für den BJV nehmen daran Geschäftsführerin Jutta Müller und Justitiar Stefan Marx teil.

„Wir werden mit Herrn Oschmann hart verhandeln, um für die Mitarbeiter das Optimale herauszuholen“, sagt der BJV-Vorsitzende Stöckel. Er fordert die Geschäftsleitung der Abendzeitung Nürnberg auf, dafür Sorge zu tragen, dass die in der Redaktion tätigen Volontäre ihre Ausbildung fortsetzen und beenden können. Das wäre über Vereinbarungen mit anderen Zeitungsverlagen denkbar, wenn die AZ Nürnberg dafür im Rahmen des Sozialplans die Kosten übernimmt.

Der BJV bietet den betroffenen Kolleginnen und Kollegen sofortige Hilfe an (Kontaktdaten der Geschäftsstelle). Sie werden rechtlich beraten und im Kampf um eine faire und sozialverträgliche Lösung nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes unterstützt.

Maria Goblirsch

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