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Mit Datenjournalismus als Journalist wieder autark werden – Bernd Oswald
Foto: Barbara Weidmann-Lainer

Fachgruppe Online

Datenjournalismus ist kein Hexenwerk

Bernd Oswald zeigt, wie Daten für journalistische Zwecke genutzt werden können

München, 19.04.2016

Nicht zuletzt die „Panama Papers“-Recherchen der Süddeutschen Zeitung und von rund 400 Journalisten weltweit dürften dafür gesorgt haben, dass der Datenjournalismus für großes Interesse auch unter Kollegen sorgt: Der Seminarraum in der BJV-Geschäftsstelle war vollbesetzt. Die Fachgruppen Online und Freie hatten den Münchner Onliner und Journalistentrainer Bernd Oswald eingeladen, um zu erfahren, ob es sich beim Datenjournalismus nur um einen Hype oder um einen Zukunftsmarkt handelt.

Mit Daten haben Journalismus schon immer zu tun, mit der Digitalisierung sei das Datenaufkommen indes enorm angestiegen – „und damit auch die Zahl der Geschichten, die darin stecken“, sagte Oswald. Der deutsche Begriff Datenjournalismus gefalle ihm nicht so recht, besser sei es, vom „data driven journalism“ (gebräulicher Twitter-Hashtag #ddj) zu sprechen: „Datensätze zu durchforsten, zu kombinieren, in Kontext zu stellen, ist eine moderne Form der Recherche“.

Das „Wapperl“ Datenjournalismus
Oswald präsentierte einige Beispiele: „M29 – Berlins Buslinie der großen Unterschiede“ der Berliner Morgenpost zeigt anhand einer Busfahrt auf spielerische Art und Weise und mit Zahlen belegt das soziale Universum in der Hauptstadt (mehr zu diesem Projekt finden Sie auf der Seite des Grimme Online Award 2015). Praktischen Nutzen vermittelt die New York Times mit ihrem Angebot „Is it better to rent or to buy“, mit welchem Wohnungsfragen interaktiv und individuell – basierend auf den recherchierten Daten – beantwortet werden können.

Seit fünf, sechs Jahren werde in Deutschland Datenjournalismus betrieben, sagte Oswald. Stark dabei seien vor allem große Medien wie etwa der Bayerische Rundfunk (BR Data), Süddeutsche Zeitung, Spiegel Online und Zeit Online. Aber auch lokale Medien, Oswald nannte etwa die Mittelbayerische Zeitung, nutzen diese Form. Freilich pappe nicht überall das „Wapperl ‚Datenjournalismus‘ drauf“, stellte der Referent klar.

Wie Nutzer sinnvoll in Recherchen eingebunden werden können zeigte 2013 Die Zeit mit ihrer lesergestützten Recherche zu überhöhten Dispo-Zinsen bei Banken: Über ein einfaches Google-Formular meldeten 4000 Leser die Konditionen ihrer Bank. Datenjournalismus erweitere den Journalismus, erklärte Oswald, es lägen immer mehr Daten offen da, „Ich kann mir selber ein Bild machen, ich bin als Journalist wieder autark“.

Grundkenntnisse in Excel reichen
Muss man für Datenjournalismus gut in Mathe sein? „Nein!“, antwortete Oswald. Grundkenntnisse müsse man hingegen in einem Tabellenkalkulationsprogramm haben: „Es ist kein Hexenwerk, das kann man hinkriegen!“. Neben Tipps, wie man datenjournalistisch vorgehen sollte (siehe Präsentation), stellte Oswald noch einige nützliche Datenquellen sowie Visualisierungsprogramme und -Plattformen vor. Beispielsweise erwähnte er CartoDB, mit welchem der Bayerische Rundfunk für den Beitrag „Wo bringt Bayern die Flüchtlinge unter?“ interaktive Karten erstellte. Eine Kollegin, die bereits Datenjournalismus in verschiedenen Projekten anwendete, riet den KollegInnen zu Geduld beim Anwenden der verschiedenen Werkzeuge: „Es muss einem schon ein bisschen Spaß machen“.

Vieles ist möglich, aber …
Technisch ist also vieles machbar, Recherchen können noch besser unterfüttert oder überhaupt erst möglich gemacht werden – Datenjournalismus sollte „ein weiteres Werkzeug im Recherchekasten“ sein, riet Oswald. Problematisch sei es hingegen noch, datenjournalistische Leistungen als freier Journalist zu einem angemessenen Preis zu verkaufen, räumte der Referent ein. „Man muss es den Redaktionen halt entsprechend verkaufen“, riet ein Kollege. Versierte KollegInnen werden sich hier sicherlich einen Zukunftsmarkt aufbauen, davon ist der Autor nach dieser gut zweistündigen Veranstaltung überzeugt.

Thomas Mrazek

Weitere Links
Unbedingt anschauen sollten Sie sich die Präsentation „Trend Datenjournalismus: Hype oder Zukunftsmarkt“ von Bernd Oswald, die u.a. Links zu einigen nützlichen Quellen zu diesem Thema bietet und außerdem noch weitere wichtige Akteure und Anlaufstellen, u.a. Datenjournalist.de und Correctiv, sowie Literaturtipps erwähnt. Unter medien-journalismus.de finden Sie von Thomas Mrazek verschlagwortete Links zur aktuellen Medienberichterstattung im Netz. Unter den mittlerweile knapp 50.000 Links sind über 700 Verweise zum Thema Datenjournalismus.

BJV-Webinar Datenjournalismus ab Juni 2016
Am Mittwoch, 1. Juni 2016 startet unser fünfteiliges Webinar: „Einstieg in den Datenjournalismus“ mit Bernd Oswald und Vanessa Wormer, Datenjournalistin bei Süddeutsche.de, die an den PanamaPapers-Recherchen beteiligt war. An diesem Webinar können neben BJV-Mitgliedern auch Nicht-Mitglieder teilnehmen. Das Angebot ist kostenpflichtig

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