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Wo geht's hin mit dem Journalismus? Lutz Frühbrodt äußerte einige interessante Thesen dazu
Foto: Silvio Wyszengrad

BJV-Landesvorstand

Die Entmachtung der vierten Gewalt

Professor Lutz Frühbrodt warnt bei der BJV-Mitgliederversammlung vor Gefahren für die klassische Journalistenrolle

Regensburg, 06.06.2016

Wer Professor Lutz Frühbrodt hört, kann beruhigt sein: „Der Journalismus wird überleben“, lautete seine Prognose am Samstag beim Bayerischen Journalistentag in Regensburg.

Modell der „vierten Gewalt“ ist passé
Was den Beruf des Journalisten angeht, äußerte sich der Leiter des Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt deutlich vorsichtiger. Denn die Branche steht im Umbruch und das Modell der „vierten Gewalt“ sei brüchig geworden. „Es wird wohl über kurz oder lang durch ein anderes ersetzt werden, vorangetrieben durch den technologischen und ökonomischen Wandel, neuerdings zudem durch weniger sympathische politische Kräfte“, berichtete Frühbrodt.

Eine Lösung: Medienunterricht
Bedarf nach unabhängigem, kritischem und investigativem Journalismus werde es weiterhin geben, doch fraglich sei die Nachfrage. Womöglich werde es nur noch eine kleine Geld- und Bildungselite sein, weshalb Frühbrodt nach Medienunterricht rief, die Alternativen zu einer entpolitisierten Dauerunterhaltung und dem gezielten ideologischen Missbrauch sozialer Medien aufzeigt. „Es gilt, die Entwicklung des kritischen und wohl reflektierten Bewusstseins zu fördern und dabei die Relevanz der vierten Gewalt und eines unabhängigen Journalismus deutlicher zu betonen.“

Konkurrenz durch Content Marketing
Drastisch verändern werde sich das Berufsbild. „Es wird künftig sehr viel breiter definiert“, sagte Frühbrodt. Angesichts ziemlich professioneller Blogs müsse der Journalist von morgen weit mehr beherrschen als Recherche und Textkunst, er müsse sich auch als Unternehmer bewähren.

Zudem wird er sich starker Konkurrenz von Content Marketing gegenüber sehen. Schon habe eine regelrechte Wanderungsbewegung verunsicherte Journalisten dorthin eingesetzt, „weil mehr Ressourcen für Recherchen da sind und weil es keine schnöde PR zu sein scheint“. Diesen Journalismus definiert nicht mehr seine gesellschaftspolitische Funktion.

Aber auch edle NGOs saugen gierig das Blut des klassischen Journalismus aus. Zunehmend bilden sie, so Frühbrodt, selbst investigative Recherchepools, über deren Ergebnisse die Organisationen dann verfügen.

Content Marketing von Medienhäusern
Prof. Lutz Frühbrodt sieht schließlich aber auch Mechanismen aus dem Inneren des Journalismus wirken. Klassische Medienhäuser steigen selbst auf Content Marketing um, produzieren Texte für die eigenen Geschäftsfelder – bevorzugt auf Basis des Internets. „Kann man die Redakteure, die dort arbeiten, noch als Journalisten bezeichnen?“, fragte Frühbrodt.

Journalisten als Verkaufsassistenten
Und in der Regenbogenpresse werde schon heute der Journalist mehr und mehr zum Verkaufsassistenten degradiert. Noch gibt der Professor die Journalisten nicht verloren, außer sie lassen selbst unwidersprochen zu, dass ihr Berufsverständnis umgedeutet wird und dass die öffentliche Meinungsbildung zunehmend Kräften überlassen wird, die über das meiste Geld verfügen, – und denen, die am lautesten schreien.

Alois Knoller

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