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Talkrunde zur Wahlberichterstattung (von links): Marcel Wagner, Philipp Fasser, Andreas Eisinger und Marc Schenk
Foto: Michaela Schneider

Lokalrundfunktage

„Hinter den Kulissen herrscht Chaos“

Diskussionsrunde zeigt, wie auch Regionalsender Politik transparent machen und Wahlkampf begleiten können

Nürnberg, 05.07.2018

Von einer „sensationellen Leistungsschau“ sprach Markus Söder bei der Eröffnung der Lokalrundfunktage 2018. Dass Bayerns Ministerpräsident im Jahr der Landtagswahl persönliche Grußworte an die Medienmacher in Nürnberg richtete, erstaunt nicht, handelt es sich doch deutschlandweit um den größten Branchentreff für den lokalen und regionalen Rundfunk.

Und letztlich ist's ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Politiker brauchen die Öffentlichkeit. Und die Presse braucht die Politik, weil hier nun mal zentrale Themen gesetzt werden. Gleichzeitig stehen Journalisten vor der großen Herausforderung, komplexe und gelegentlich auch trockene Themen verständlich aufzubereiten. „Lokal TV macht Politik transparent. Berichterstattung zu Wahlen“ lautete so auch das Thema einer Diskussionsrunde während der Lokalrundfunktage.

Nicht nur in Berliner Redaktionsstuben
Mit Andreas Eisinger von Baden TV, Philipp Fasser vom österreichischen Sender Ländle TV sowie Marc Schenk, Redaktionschef von TV Oberfranken (TVO), erzählten drei Journalisten, warum Politikjournalismus nicht nur in Berliner Redaktionsstuben entstehen sollte und wie sich auch von Lokalsendern Wahlkampf begleiten lässt. Es moderierte Marcel Wagner von n-tv.

89 Beiträge zur Bundestagswahl bei einem Regionalsender
Vor einer Wahl informieren, am Wahltag berichterstatten und im Anschluss bewerten, was die Ergebnisse für die Region, die Menschen und die Wirtschaft vor Ort bedeuten: So will TVO-Redaktionschef Schenk an die Landtagswahl 2018 herangehen. Die Erfahrung ist da, auch den Bundestagswahlkampf begleitete der fränkische Regionalsender intensiv. 89 Beiträge standen laut Schenk am Ende auf der Sammelplattform.

Clipreihe mit Prominenten
Neben der „normalen“ Wahlberichterstattung hatte der Sender zwei Sonderformate entwickelt. In einer Clipreihe mit Prominenten ging es um die Frage „Warum sollen wir wählen gehen?“, um die Zuschauer zum Urnengang zu motivieren.

Mit „TVO konkret“ kam ein Format hinzu, bei dem Vertreter verschiedener Parteien einen einheitlichen Fragenkatalog zu großen drängenden Fragen beantworteten. Als großen Vorteil nannte Schenk hier die Vergleichbarkeit. Hinzu kamen Gesprächsrunden vor der Wahl – und am Wahlabend selbst war TVO rund zweieinhalb Stunden live auf Sendung.

„Nicht die Butter vom Brot nehmen lassen“
Bei Baden TV hatte man zunächst darüber diskutiert, ob es als Regionalsender überhaupt sinnvoll sei, zur Bundestagswahl live auf Sendung zu gehen und anzutreten gegen ARD, ZDF und n-tv.

„Wir sagten anfangs: Das lohnt sich nicht. Wir machen im Nachdreh eine Sendung, wenn die Leute den Kopf frei haben fürs Lokale“, erzählte Moderator und Redakteur Andreas Eisinger. Und dann kam alles doch anders – und Baden TV ging dreieinhalb Stunden live auf Sendung.

Warum? Weil immer mehr – etwa auch Zeitungen – Bewegtbild fürs Internet produzieren. „Wir wollten uns nicht die Butter vom Brot nehmen lassen“, sagt Eisinger. „Wir wollten genauso schnell aber besser sein als die Konkurrenz aus anderen Medienbereichen.“

Livesendung ist nicht planbar
Die große Herausforderung für einen kleinen Regionalsender: Eine Livesendung sei nicht planbar, es gebe keinen vorgefertigten Moderationskarten und hinter den Kulissen herrsche Chaos. „Die Kunst des Moderators ist es, das nicht zu zeigen.“

Unter anderem empfahl Eisinger deshalb, vorher verschiedene Szenarien zu durchdenken, Orte strategisch zu wählen, um rasch an Interviewpartner heranzukommen, einen Experten im Backup zu haben, um Lücken zu füllen, und Ergebnisgrafiken sinnvoll einzusetzen. Und: Eisinger riet davon ab, auf „wir machen ARD“ zu setzen und sich wichtiger zu nehmen als man sei. 

Erst gestreamt, dann Live-TV
Aus ersten Erfahrungen lernen – das hält zudem Philipp Fasser vom österreichischen Ländle TV für wichtig. 2014 während der Landtagswahl hatte der Vorarlberger Regionalsender zunächst nur online live über die Landtagswahl gestreamt. „Das war sozusagen der Testlauf vor der Gemeinderatswahl 2015. Danach sagten wir ‚wir können’s‘ und machten 2015 erstmals Live-TV“, sagt Fasser. Technische Abläufe seien als kleiner Regionalsender oft eine Bastelei. „Man muss sich behelfen, aber wenn man weiß wie, funktioniert es auch.“ Weil es mit schmalen Budget nicht möglich sei, überall vor Ort zu sein, werde bestimmter Content vorbereitet.

Einig war sich die Runde: Steige ein Regionalsender in die Wahlkampfberichterstattung ein, müsse jeder im Team sich überaus engagieren. Wichtig sei aber vor allem, einfach loszulegen und keinesfalls auf unkende Stimmen zu hören, die erklärten: Das werde sowieso nichts.

Michaela Schneider

Mehr zu den Lokalrundfunktagen in Nürnberg im kommenden BJVreport (erscheint Mitte August).

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