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Gingen den „Marathonlauf“ optimistisch an: Wolfgang C. Goede und Sharad Gandhi
Foto: Maria Goblirsch

Bezirksverband München-Oberbayern

„Künstliche Intelligenz ist wie ein Marathonlauf“

Technologie-Philosoph Sharad Gandhi zu den Grenzen des Roboterjournalismus und der KI

München, 19.01.2018

Werden wir eines Tages zu Sklaven der künstlichen Intelligenz und schaffen wir uns selbst ab? Oder könnte deren Einsatz den journalistischen Beruf zwar verändern, aber auch attraktiver gestalten? Darüber gehen derzeit die Meinungen weit auseinander.

Im „Jahr der Arbeitswelten der Zukunft“ hatten der Bezirksverband München – Oberbayern und die Fachgruppe Online in den Internationalen PresseClub eingeladen, um von zwei Wissenschaftlern mehr über künstliche Intelligenz zu erfahren und zu diskutieren, warum Journalisten diese neuen Tools nicht länger ignorieren dürfen.

„Wenn hier manche heute Abend einen Wettstreit zwischen natürlicher und künstlicher Intelligenz erwartet haben, müssen wir sie enttäuschen. Wir sind beide aus Fleisch und Blut“, stellte Wissenschaftsjournalist Wolfgang C. Goede (@wcg_w) zu Beginn der Veranstaltung klar. Im Gespräch mit Sharad Gandhi, Ingenieur, Technologie-Philosoph und Buchautor („Transforming Artificial Intelligence into Business“, auch open source) ging es vor rund 90 Gästen zunächst um die Grundlagen.

Maschinen können lernen und entscheiden
„Menschen haben mitunter eine verzerrte Vorstellung davon, was künstliche Intelligenz kann“, sagte Gandhi, das rühre von der Darstellung in Science Fiction-Filmen oder von negativen Berichten her. Künstliche Intelligenz sei aber „kein angsteinflößendes Monster“. Dabei gehe es vielmehr um Datenverarbeitung, um Musterkennung und deren Prozessierung, etwa um Gesichter und Sprache zu erkennen oder Texte zu generieren.

Wie funktioniert künstlichen Intelligenz? „Heute haben wir die Möglichkeit, dass eine Maschine lernen kann. Sie ist in ähnlicher Weise aufgebaut wie das menschliche Gehirn. Aus neuralen Netzwerken, die in der Lage sind, gewisse Dinge zu lernen und auch Entscheidungen zu treffen“, erklärte der IT-Experte. Darin, diese Entscheidungen automatisieren zu können, liege der große Vorteil von künstlicher Intelligenz. Wichtig sei aber, zu wissen: Das System könne nur aus Mustern von Daten lernen, die der Mensch vorher eingegeben habe.

Der künstliche Arzt stellt die bessere Diagnose
Beispiele für den Einsatz von künstlicher Intelligenz gibt es heute bereits in vielen Bereichen. Etwa bei der Risikobewertung von Krediten oder im Gesundheitswesen, wie Sharad Gandhi berichtete. Im Gesundheitssektor werde das System zunächst mit Millionen von Bildern trainiert, bis es anhand spezieller Muster treffsicher erkenne, ob ein Patient an einer bestimmten Krankheit leide oder nicht.

Inzwischen stellt der künstliche Arzt etwa bei der Entdeckung von Hautkrebs eine genauere Diagnose als der beste Dermatologe. Ein Grund: Die Maschine ermüdet nicht und lässt sich nicht ablenken.

Manipulationen und Fake News
Auch in den Redaktionen hat der Kollege Roboter längst Einzug gehalten, wie das Beispiel der Washington Post im Podiumsgespräch verdeutlichte. Dort werden mehrere „Heliografs“ beispielsweise auf unterschiedliche Wahllokale programmiert und erstellen so mehr und detailliertere Inhalte – was mehr lokale Nutzer anlocke und online höhere Klickzahlen liefere.

Typische Formate. bei denen künstliche Intelligenz Einsatz findet, sind auch Kurznachrichten und Live-Events wie im Sport. Der Leser erkennt nicht, dass die News von einer Maschine generiert werden – wie auch, wenn die ursprüngliche Dateneingabe „menschlich“ war. Oder: Social Bots agieren als Software-Roboter selbständig innerhalb von sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook und verbreiten vorprogrammierte Botschaften.

„Natürlich kann man das auch dazu nutzen, um Fake News zu platzieren und Meinungen zu manipulieren. Und das gelingt mit den neuen Tools noch schneller und effektiver als bisher“, warnte Gandhi die Gäste.

Vernichtet der Schreib-Roboter Arbeitsplätze?
Müssen Journalisten Sorge haben, dass künstliche Intelligenz bald ihre Arbeit übernimmt? Das bestreitet der Referent energisch. „Ein guter Journalist ist kreativ, hat Humor, verwendet Analogien. Er kann Bilder und Modelle entwerfen, nach dem ‚Warum‘ von Ereignissen fragen. Das alles kann künstliche Intelligenz heute noch nicht“, stellte Gandhi klar. KI sei lediglich in der Lage, Situationen aufgrund der Datenmodule zu erkennen und Elemente daraus zusammenzufügen.

„Ich bin überzeugt, ein guter Journalist wird durch künstliche Intelligenz keine Probleme, sondern neue Chancen haben“, resümierte der IT-Ingenieur. Denn er könne die neuen Tools, wie PC oder Smartphone dazu nutzen, sich die Arbeit zu erleichtern und effektiver zu arbeiten. Nur Mitarbeiter, die nach Schablone arbeiten, müssten wirklich die künstliche Konkurrenz fürchten.

Journalisten sollten sich mit KI beschäftigen
In der sich anschließenden Diskussion nahmen ethische Aspekte breiten Raum ein wie die Frage, ob künstliche Intelligenz sich neben Kapitalinteressen nicht auch zur Friedensstiftung nutzen lasse, oder ob man einer Maschine nicht auch beibringen könne, was richtig oder falsch sei.

Einig waren sich die Gäste mit den Referenten darin, dass es Aufgabe der Journalisten sei, sich mehr mit dem Thema „Künstliche Intelligenz“ zu befassen und so mitzuhelfen, dass die Angst vor der unbekannten Technik in der Öffentlichkeit durch falsche Berichte nicht weiter geschürt werde.

Ersetzt der Roboter schon bald den Menschen in der Arbeitswelt? Auch das verneinte Sharad Gandhi: „Ich weiß nicht, was in 100 Jahren sein wird. Aber heute gilt: Der Algorithmus erkennt von sich aus keine Probleme, er stellt auch keine Fragen oder kann reflektieren“. Der Physiker sagt aber auch: „Künstliche Intelligenz ist wie ein Marathonlauf. Wir sind erst einige Meter gelaufen.“

Maria Goblirsch

Weitere Informationen

  • „Was ‚Kollege‘ Roboter so alles kann“, Bericht zur BJV-Diskussionsrunde zum Roboterjournalismus im Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Uni München im Oktober 2016.
  • Link-Sammlung von Thomas Mrazek mit Hinweisen zu Artikel über Künstliche Intelligenz und Roboterjournalismus.
  • Donnerstag, 1. März, 20.00 Uhr: Wolfgang C. Goede im Gespräch über Künstliche Intelligenz mit Sharad Gandhi in der Sendung „Wissenschaft KONTROVERS“ bei Radio LORA 92.4.
  • Donnerstag, 15. März, 19.00 Uhr, BJV-Geschäftsstelle: Roboterjournalismus in der Praxis: Rafael Hoyos Kleemann und Gabriel Brass, Gründer des Münchner Start-ups ReportExpress präsentieren ihre App, die „Spielberichte auf Knopfdruck“ liefern soll. Die Fachgruppe Online lädt zu dieser Veranstaltung ein, bei welcher natürlich auch über das Produkt diskutiert werden soll. Eine Einladung folgt noch.

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