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Diskutierten über Investigatives (v.l.n.r.): Dr. Martin Schippan, Verena Nierle, Jürgen Schleifer und Nicolas Richter
Foto: Maria Goblirsch

Bezirksverband München – Oberbayern

„Wir werfen Recherchen auch mal in den Mülleimer“

BJV-Podiumsdiskussion: Wie arbeiten Enthüllungs-Journalisten und wie gehen sie mit ihrer Verantwortung um?

München, 23.01.2019

An der Recherche zu den „Panama-Papers“ arbeiteten bei der Süddeutschen Zeitung (SZ) zunächst ein halbes Dutzend Personen. Mit der Zeit wurde das Team immer größer und internationaler. Hunderte von Journalisten wühlten sich über viele Monate hinweg durch riesige Datenberge, suchten Namen darin und versuchten, Sachverhalte zu verstehen und Zusammenhänge aufzuzeigen.

Verdächtige wurden konfrontiert, Zeugen befragt. Am Ende stand die Story und das Recherche-Konsortium International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

„Doch die größte Leistung war, dass das Projekt bis zuletzt geheim geblieben ist, obwohl so viele Leute aus mehreren Ländern an den Recherchen beteiligt waren. Und Journalisten reden ja eigentlich gern über sich“, sagt Nicolas Richter (@n_richter), Leiter des Ressorts für investigative Recherche bei der Süddeutschen Zeitung.

Richter beschrieb gemeinsam mit Verena Nierle (Twitter: @nierlev), Leiterin der neuen, zusammengelegten Redaktion BR Recherche/BR Data (@BR_Recherche und @BR_Data), bei einer Podiumsdiskussion am Dienstag im Münchner Presseclub, wie Enthüllungsjournalisten heute arbeiten, welche Risiken sie bei ihren Recherchen eingehen und welche Selbstverpflichtungen sie sich dabei auferlegen.

„Investigativer Journalismus zwischen Hype und demokratischer Pflicht“ lautete das Thema der Runde, die Jürgen Schleifer, Redakteur beim BR-Fernsehen, moderierte. Der Münchner Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht, Dr. Martin Schippan, der die SZ im von dem Erlangener Investor Hannes Kuhn angestrengten Prozess vertritt, klärte über die rechtlichen Aspekte der Recherchearbeit auf.

Wann ist eine Story wasserdicht?
„Wir haben vor der Abnahme von Bild und Ton viele Mechanismen eingebaut, damit eine Geschichte, die wir senden wollen, auch wasserdicht ist“, erläuterte Verena Nierle. Prinzip Nummer Eins sei, dass keiner allein an einem Thema arbeite, sondern immer ein Team aus mindestens zwei Kollegen.

Die Recherche werde redaktionell eng betreut, es gelte das das Vier-Augen-Prinzip, auch schon bei wichtigen Anfragen. Gearbeitet wird mit umfangreichen und akribischen Rechercheprotokollen, von Anfang an ist die Rechtsabteilung eingebunden.

Die Redaktion „BR Recherche“ hat zehn Grundsätze aufgestellt, an denen sie ihre Arbeit misst. Einer davon lautet: „Wir können alle Fakten, die wir veröffentlichen, belegen“. Ein anderer: „Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um unsere Informanten zu schützen.“ Für Informationen zahlt der BR nicht. „Der Informantenschutz ist für uns wichtiger als die beste Story“, sagte Ressortleiterin Nierle vor den rund 70 Gästen.

Auch bei der SZ recherchiert das Team mitunter lange an Geschichten, die es dann doch nicht ins Blatt schaffen. Nicolas Richter: „Wir werfen Recherchen auch mal in den Mülleimer. Dann müssen wir sagen, wir haben umsonst gearbeitet, aber vielleicht haben wir auch was gelernt“.

Sorge um Rechercheure im Ausland
Wichtig ist die Verantwortung, die man als Teamleiter für die einzelnen Mitarbeiter hat. „Es ist gar nicht so leicht, sie zu schützen“, betonte Verena Nierle. Einzelne Kollegen wollten sich aus dem Münchner Melderegister abmelden, um sich und ihre Familien zu schützen. Doch das sei nicht so einfach, wenn man nicht eine konkrete Bedrohung nachweisen könne.

Bei Treffen mit Informanten im Ausland gelten deshalb besondere Vorkehrungen. Keiner fahre allein raus, es seien immer mindestens zwei Journalisten gemeinsam unterwegs. Es gebe Sicherheitsketten, wer sich bis wann wo meldet, Listen mit Notrufnummern vor Ort. Der Sender wisse zu jeder Zeit, wo sich die Rechercheure aufhalten, die Rechtsabteilung sei erreichbar.

Ein Muss: Abhörsichere Kommunikation
Vieles sei bei der Recherche großer Projekte globaler und komplizierter geworden, berichtete Nicolas Richter im Münchner Presseclub. So gebe es einen enormen Bedarf an Abstimmung, weil heute viele Sachverhalte in anderen Ländern spielten oder verschiedene Rechtssysteme betroffen seien. Beispielsweise brauche es Experten für Zoll- oder Steuerfragen, wenn Geld über eine Grenze transferiert werde.

„Wenn man es mit Kollegen im Ausland zu tun hat, muss man sicher sein können, dass die Kommunikation nicht abgehört oder eingesehen werden kann“. Dazu würden besondere Verfahren zur Verschlüsselung eingesetzt.

Klage gegen die SZ auf 78 Millionen Euro
Vom noch laufenden Prozess des Unternehmers Hannes Kuhn gegen die SZ berichtete Rechtsanwalt Dr. Martin Schippan. Der Investor hat zwei Redakteure der SZ und die Zeitung auf genau 78 424 500 Euro an Schadenersatz verklagt. Diese Summe habe er seiner Ansicht nacht verloren, weil ein Deal in Dubai nach einem Bericht der SZ über den Verdacht des Insiderhandels geplatzt sei.

„Man kann sich als Journalist vor einer solchen Klage nicht wirklich schützen, sagte der Rechtsanwalt. Doch wie geht man damit um? Auch wenn man davon ausgehen könne, dass die Forderung völlig unbegründet sei, belaste der Prozess doch alle Beteiligten, erklärte Nikolas Richter. „Wenn die SZ den Fall verliert und 78 Millionen Euro zahlen muss, kann die Zeitung wahrscheinlich dicht machen.“ Selbst wenn die Klage in allen Instanzen abgewiesen werde, so gehe doch eine einschüchternde Wirkung von diesem Verfahren für die Presse aus.

Vier Regeln für die investigative Recherche
Grundsätzlich gelte im Journalismus, dass nur über Wahres berichtet werden dürfe. Das sei aber bei der investigativen Recherche schwierig, erklärte Rechtsanwalt Schippan. Daher habe der BGH vier Grundsätze aufgestellt. Wer die beachte, müsse keine juristischen Reressalien wie Unterlassungsklage oder Schadenersatz fürchten.

Dazu zähle dass der berichtete Vorgang von gewissem Gewicht sein müsse. Es brauche einen Mindestbestand an Beweistatsachen, bevor die Presse einen Verdacht äußern dürfe. Die betroffene Person oder das betroffene Unternehmen müsse die Gelegenheit zu einer Stellungnahme erhalten. Und der Beitrag dürfe keine Vorverurteilung vornehmen.

Recherchematerial langfristig archivieren
Einen weiteren Tipp hatte der Medienanwalt noch parat: Rechercheunterlagen sollte man sehr lange aufbewahren – auch weit über die geltende Dreijahresfrist hinaus. Denn die beginnt erst zu laufen, wenn die gegnerische Partei von einem Artikel und der damit verbundenen angeblichen Rechtsverletzung erfährt. Und das könne bei einem Fall, wo der Kläger im Ausland lebt, sehr lange dauern.

Maria Goblirsch

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Recherche

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