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Dirk Ceelen, Onlineredakteur beim Main-Echo, vermisst den persönlichen Kontakt zu seinen Kolleg*innen. Immerhin treffen sich die Aschaffenburger ab und an per Zoom auf ein Feierabendbier
Foto: Screenshot Michaela Schneider

BJV-Landesvorstand

„Mit weitem Blick auf die Zukunft“

Erste Verlage haben bereits Betriebsvereinbarungen zum Mobilen Arbeiten verabschiedet, andere arbeiten daran. Kollegen aus Aschaffenburg, Würzburg und Augsburg erzählen

München, 16.03.2021

„Heute genau ist es 366 Tage her, dass wohl die meisten von uns zuletzt in einem vollen Büro waren“, erinnerte sich Dirk Ceelen, Onlineredakteur beim Aschaffenburger Main-Echo. Schon vor dem 15. März war das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen gekommen, die Kommunalwahlen 2020 erforderten jedoch in den meisten Verlagshäusern noch einmal Präsenz.

Erstmals in Verlagsgeschichte in Kurzarbeit
Seither hat sich das redaktionelle Arbeiten deutlich verändert. Terminkalender waren leergefegt, Anzeigen brachen innerhalb weniger Tage um bis zu 85 Prozent weg, die meisten Medienhäuser gingen erstmals überhaupt in ihrer Geschichte in Kurzarbeit – und sie schickten die Belegschaft, soweit möglich, ins Homeoffice.

Unter der Fragestellung „Mobiles Arbeiten, Technik, Betriebsvereinbarung – wie sieht der Alltag aus?“ erzählten neben Dirk Ceelen auch Alois Knoller, Augsburger Allgemeine, sowie Josef Schäfer, Main Post, aus der Praxis. Veranstaltet hatte den Abend im Zuge der BJV-Homeoffice-Serie der Bezirksverband Mainfranken. Dessen Vorsitzender Stefan Gregor, Bildredakteur beim Main-Echo, moderierte im lockeren Gespräch mit den Kolleg*innen den Abend.

Main-Echo: „Treffs auf ein Feierabendbier“
Ceelen, der seit inzwischen einem Jahrzehnt im Betriebsrat des Main-Echos ist, erinnerte sich: Anfangs standen die Redaktionen vor allem vor dem Problem: „Wie kommunizieren wir?“ Viel sei zunächst übers Telefon gelaufen, die experimentierfreudigen Onliner nutzten ab dem zweiten Tag einen Sprachchat und richteten eine digitale Kaffeeküche „als sozialen Kit“ ein. Videokonferenzen laufen inzwischen über Microsoft Teams, Zoom habe man sich im Verlag beibehalten „für Treffs auf ein Feierabendbier“.

Zeiterfassung daheim ist nun Pflicht
In trockenen Tüchern ist inzwischen im Haus eine Betriebsvereinbarung zum Mobilen Arbeiten. Dieses beruhe auf Freiwilligkeit, dürfe die Arbeit nicht beeinträchtigen (etwa, so erläuterte Ceelen, durch „schlechtes Internet“) und die Regelung gilt nach Corona weiter.

Gesträubt hatte sich in der Vergangenheit wohl mancher Kollege und manche Kollegin gegen eine Zeiterfassung, beim Mobilen Arbeiten ist diese nun verpflichtend. Nicht auf einen Nenner kamen Betriebsrat und Verlagsspitze wohl mit Blick aufs Thema Wegeunfälle. In Kurzarbeit ist das Main-Echo, aktueller Stand, noch bis zum 30. Juni.

Main Post: Im Büro nur Arbeit in festen Teams
Bei der Main Post in Würzburg indes hat man sich laut deren Betriebsratsvorsitzendem Josef Schäfer (zudem: Vorsitzender der Fachgruppe Betriebs- und Personalräte im BJV) das Ziel gesetzt, im April bis Mai als Redaktion „aus der Kurzarbeit rauszugehen“.

Schon nicht mehr in Kurzarbeit sind inzwischen das Redaktionssekretariat und alleinerziehende Teilzeitkräfte, um sie finanziell zu entlasten. Auch bei der Main Post verlegten etliche Redakteur*innen das Arbeiten in die heimischen vier Wände. Wer im Büro blieb, arbeitet dort in festen Teams.

„Etwas aus den Augen verloren“
Laut Schäfer habe der Arbeitgeber die Kolleg*innen zuhause anfangs „etwas aus den Augen verloren“. Bis er eine entsprechende technische Ausstattung stellte, hatten sich wohl manche Kolleg*innen längst auf eigene Kosten Dinge wie zum Beispiel einen externen Bildschirm gekauft. Derzeit arbeitet der Betriebsrat an einem Entwurf zu einer Betriebsvereinbarung zum Mobilen Arbeiten, die dann im nächsten Schritt dem Arbeitgeber vorgelegt wird.

Augsburger Allgemeine stehe gut da
„Augsburg steht recht gut da“, lautete Alois Knollers erstes Fazit nach den Bestandsaufnahmen der beiden Kollegen. Seit 1985 arbeitet er inzwischen bei der Augsburger Allgemeinen. Wie viele Jahre er sich inzwischen im Betriebsrat engagiert, konnte er auf die Schnelle selbst nicht sagen. Nur so viel: Schon sehr lange.

Seit Monaten sind laut Knoller so gut wie alle Redakteur*innen daheim, maximal ein Vertreter, eine Vertreterin pro Ressort arbeitet noch im Büro. Die Technik laufe, man habe Zugriff auf sämtliche Redaktionssysteme. „Wir stehen den ganzen Tag im Feuilleton im regen Austausch“, sagte der 62-Jährige mit Blick auf die interne Kommunikation.

25 Euro Zuschuss zur Gerätenutzung
Etwa die Hälfte der Kolleg*innen nutze eigene Geräte, der Rest Betriebsausstattung. Einmalig gab es vom Verlag einen Zuschuss von 25 Euro für die Nutzung eigener Geräte. Ein höherer Energieverbrauch daheim wird nicht ausgeglichen, hier verweist der Arbeitgeber wohl darauf, dass die Arbeitnehmer*innen durch den Wegfall des Arbeitswegs umgekehrt auch Geld sparten.

Orientiert am Konstanzer Südkurier
Eine fünf Seiten lange Betriebsvereinbarung zum Mobilen Arbeiten hat der Betriebsrat am 24. Februar verabschiedet, in Kraft ist sie laut Knoller seit Anfang März. Orientiert hatte man sich dabei wohl in gestraffter Form am Vorbild des Konstanzer Südkuriers (die Zeitung gehört zur Mediengruppe Pressedruck, Augsburg, in welcher die Augsburger Allgemeine erscheint). Abgeschlossen worden sei sie „mit weitem Blick auf die Zukunft“.

Doppelte Freiwilligkeit
Ausdrücklich sei vorgesehen, dass künftig von daheim aus wie auch im Büro gearbeitet werde. Die Arbeitsplätze in den Redaktionen sollen entsprechend erhalten bleiben. Die Vereinbarung basiert auf dem Prinzip der doppelten Freiwilligkeit, sprich beide Seiten müssen damit einverstanden sein. In begründeten Fällen können Führungskräfte Anwesenheit verlangen, zum Beispiel bei Konferenzen. Eine Zeiterfassung sei derzeit in Erprobung, informierte Knoller zudem.

Auch Freie nicht aus dem Blick verlieren
Weitere Themen wurden im Laufe des Diskussionsabends angeschnitten und auch Fragen aufgeworfen: Sollte man sich bei künftigen Tarifverhandlungen nicht statt allein aufs Geld, nicht auch auf Aspekte wie mehr Flexibilität konzentrieren? Wie sorgen Redaktionen dafür, dass Freie auch ohne „Terminjournalismus“ weiterarbeiten können und ein Honorar erhalten?

Was passiert in Zukunft, wenn sich Häuser räumlich verändern? Droht dann ein Wegfall von Arbeitsplätzen im Büro und Kolleg*innen müssen sich künftig Tisch und Stuhl teilen? Markus Mauritz, Vorstandsmitglied im Bezirksverband Mainfranken, fasste zusammen: „Es ist noch viel in Bewegung, einiges wird künftig anders sein.“

Michaela Schneider

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Das Titelthema unseres BJVreport 1/2021 beschäftigt sich auch mit verschiedenen Aspekten des Homeoffice.

Schlagworte:

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