Mitglied werden

BJVreport

Die Datenbändiger

25.04.2025
Ein Artikel aus dem BJVreport von
Michaela Schneider

Wie aus Zahlen Geschichten werden. Datenjournalismus bietet die Chance, komplexe Themen verständlich und zugänglich zu machen.

Ob mit eigenen Tools für eine rasend-schnelle, hyperlokale Wahlberichterstattung oder um etwa eine Schieflage bei der Straßennamensgebung zu untermauern.

Eigentlich ging es im Artikel seines Kollegen um etwas völlig anderes: Mehrere Straßen in Aschaffenburg sollten umbenannt werden aufgrund der Nazivergangenheit ihrer Namensgeber. Dass die Stadt auf ihrer Homepage sämtliche Straßen gelistet habe – eine Randnotiz. Kevin Zahn, Lokal- und Datenjournalist beim Main-Echo, aber fuhr nach Hause, zog mithilfe der Programmiersprache Python die Daten von der Homepage systematisch in eine Tabelle herunter und begann, den Datensatz aus rund 300 Straßennamen zu analysieren.

Eine Aktion mit Folgen. Mit dem kurzen Main-Echo-Artikel „Gibt’s mehr Karls als Frauen in der Stadt?“ und umso mehr Informationen in Torten- und Balkengrafiken, einer Karte und weiteren visuellen Elementen legte der Lokal- und Datenjournalist im August 2023 den Finger in eine bis dahin kaum beachtete Wunde: Männer dominieren seit jeher als Namensgeber in Aschaffenburg – und seit 100 Jahren ändert sich daran nichts. Während in der unterfränkischen Kommune 174.272 Straßenmeter nach den Herren der Schöpfung benannt sind, kommen die Damen nur auf einen Bruchteil von 10.334 Metern.

Das an sich war wenig überraschend. Doch so anschaulich ausgewertet, analysiert und visualisiert hatte es bis dahin niemand. Neben viel Resonanz aus der Leser- und vor allem Leserinnenschaft führte die Recherche dazu, dass die Stadt Aschaffenburg nach Veröffentlichung drei Straßen nach Frauen benannte. „Daran hatte sie das letzte Mal 1999 gedacht“, sagt Kevin Zahn. Die Grundlagen des Datenjournalismus wie auch das Programmieren hatte sich der Lokalreporter seit 2022 autodidaktisch beigebracht – über Tutorials im Netz, ein paar Seminare und Tipps von Kolleg*innen. 25 bis 30 datenjournalistische Projekte habe er seither zusammen mit Kolleg*innen aus Grafik und Technik umgesetzt – wie es der Alltag eines Lokalreporters eben nebenher noch zulässt.

Von Sylt bis Oberstdorf

Das Straßennamen-Projekt ist ein Beispiel dafür, dass Datenjournalismus auf lokaler Ebene angekommen ist und sich längst nicht nur im Investigativen alla Panama Papers ganz neue Chancen auftun. Da geht es etwa bei Ippen Digital um die „politische Stimmung von Sylt bis Oberstdorf“ im Zuge der Wahlen oder um die Verbreitung invasiver Arten in Deutschland. Correctiv erarbeitete einen Grundwasseratlas oder beschäftigte sich mit Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland.

Datenjournalismus biete viele Chancen, komplexe Themen verständlich und zugänglich zu machen – beispielsweise durch eine ansprechende visuelle Aufbereitung, sagen die beiden Correctiv-Mitarbeiter Datenjournalist Max Donheiser und Klimajournalistin Katarina Huth. Durch die Analyse großer Datensätze könnten verborgene Geschichten entdeckt werden. Datenjournalismus spiele eine zentrale Rolle, um Trends und Ungerechtigkeiten ans Licht zu bringen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Mit Correctiv.lokal hat das Journalismuskollektiv außerdem ein Angebot für Lokaljournalist*innen geschaffen, gemeinsam werden Themen identifiziert, die an vielen Orten gleichzeitig relevant sind. Correctiv stellt den Koopera­tionspartnern das Recherchematerial zur Verfügung, meist handelt es sich um datengetriebene Geschichten.

Wie herausfordernd es mitunter sein kann, Vergleichsdaten „auszugraben“ zeigte etwa eine Correctiv-Recherche zum Thema Versiegelung, aus der später der Beitrag „Städte in der Klimakrise: Zwischen Asphalt und Beton“ resultierte. Miteinander verglichen wurden über Satelliten- und Luftbilder drei Städte zu mehreren, gleichen Zeitpunkten. Nur: Sobald es laut Donheiser und Huth zum Beispiel an einem der Orte zu wolkig oder zu sonnig war, passte die Auflösung der Bilder nicht und die Aufnahmen waren nicht verwendbar.

Nicht von ungefähr werden Daten gern als „das neue Öl“ bezeichnet – ein unglaublich wertvoller Rohstoff, macht man sich die Mühe des Bearbeitens. Als die Mediengruppe Oberfranken 2014 ein Projekt startete, um Funklöcher in Franken zu dokumentieren, arbeiteten die Journalist*innen noch mit der Universität Bamberg zusammen, die die technische Seite der Datensammlung übernahm. Das braucht es heute nicht mehr: Interaktive Erzählformate in Kombination mit Datenbanken sind längst journalistischer Alltag – jede Menge nützliche Tools inklusive (siehe Seite 16 im BJVreport 02/2025). Und große Medienhäuser wie der Bayerische Rundfunk (siehe Seite 14f.) oder die Süddeutsche Zeitung (SZ) haben längst eigene Redaktionen etabliert.

„Wir wollen die Berichterstattung zu Großthemen wie Klima, Weltpolitik, Energie bereichern. Wir wollen eigene Themen setzen.“ — Marie-Louise Timcke, Leiterin des SZ-Datenressorts

Marie-Louise Timcke, Jahrgang 1992, leitet seit 2022 das zehnköpfige Datenressort der SZ – drei Volontär*innen und ein freier Kollege inklusive. Zum Datenjournalismus kam sie wie die Jungfrau zum Kinde: Sie studierte Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund, wollte sich auf Medizin spezialisieren, ihr Professor überredete sie stattdessen zum Datenjournalismus. „Ich wollte es zwei Wochen ausprobieren und war mir sicher, dass ich es doof finden würde. Nach zwei Wochen aber war ich komplett überzeugt.“ Davon, alle Recherchemethoden und Formate des Journalismus kennenzulernen – und überdies „diesen krassen Werkzeugkasten“ an die Hand zu bekommen, mit dem die angehende Journalistin zusätzlich noch so viel mehr Recherchebasis schaffen und Themen setzen könne. Recherchen, die sonst Monate dauern würden, ließen sich durch Automatisierung innerhalb weniger Tage umsetzen.

Sowieso spielt der Bereich Automatisierung gerade auch in den großen Medienhäusern eine immer zentralere Rolle. Bei der SZ geschieht dies etwa, um die Wahlberichterstattung weiterzuentwickeln. Dafür hatte Timckes Team ein eigenes Codepaket geschrieben und Daten –  ob es um die Bundes- oder Landtagswahl oder auch um US-Wahlen geht – könnten topaktuell in „wunderschönen Grafiken im Stile der SZ direkt raus in die Welt katapultiert“ werden. Der initiale Aufbau kostete Zeit, auf Aktuelles aber kann das Medienhaus nun umso schneller reagieren.

Sobald relevante Datenquellen wie etwa die dpa neue Umfragedaten oder Wahlergebnisse einzelner Wahlkreise veröffentlichen, werden diese automatisch in die entsprechende Grafikform übersetzt. Gleiches gilt für Texte. Die, betont Timcke, würden nicht von KI-Generatoren geschrieben, sondern ihr Team habe für jedes mögliche Szenario eine „Wenn-Dann-Schleife“ festgelegt. Heraus komme eine genau auf den eigenen Wahlkreis zugeschnittene Textanalyse. „Wir könnten nicht in der Nacht selbst 400 Artikel schreiben.“ Automatisierung aber macht sogar auf hyperlokaler Ebene eine passgenaue Berichterstattung möglich.

Narrative aus Russland

Aktuell bauen die SZ-Datenjournalisten außerdem eine Infrastruktur weiter auf, um noch schneller auf Desinformation reagieren zu können: Ein Tool soll neue Narrative aus Russland mit Bezug zu Deutschland ausmachen, sobald diese auf Plattformen wie Telegram ins Rollen kommen. Timcke spricht von einem „Recherchetool, um sofort zu merken, da ist was im Busch“.

Gleichzeitig liegt dem SZ-Ressort daran, eigene Themen zu setzen. Ein Projekt aus dem Jahr 2022, auf das die Datenjournalistin nach wie vor stolz ist, war eine Recherche zum Thema Kinderkleidung. Sind die Hosen von Mädchen tatsächlich kürzer als jene von Jungs? Wie unterscheidet sich die Farbpalette? „Wir konnten eine gefühlte Wahrheit sehr anschaulich belegen“, sagt Marie-Louise Timcke. „Gegenderte Kinderkleidung: Hotpants für Mädchen, Shorts für Jungs“ wurde eine der erfolgreichsten Geschichten des Ressorts und war für den Reporterpreis 2022 nominiert.

Limitierender Faktor – egal ob als ein Einzelkämpfer wie Kevin Zahn beim Main-Echo oder im großen Datenjournalist*innen-Team – bleibt am Ende vor allem doch immer die Zeit. Jedes Projekt sei ein kleines Managementwunder, sagt Marie-Louise Timcke. Gerade auch, weil Datenjournalismus immer Teamarbeit bedeutet und verschiedene Arbeitsrhythmen unter einen Hut zu bringen sind. Nur: Letztlich kostete gute Recherche immer schon vor allem eines – Zeit.  2011 beschrieb Lorenz Matzat, Macher des Portals datenjournalist.de, die „Recherchereise in Datenberge“ als „digitale Rückbesinnung auf journalistische Tugenden, die gerade ihre Renaissance in immer mehr Recherchepools“ finde.

Mehrfach ausgezeichnet und auch schon Thema im BJVreport war die groß angelegte, gemeinsame Recherche von Main-Post und Bayerischem Rundfunk zur Frage, wieviel Wasser aus dem Grundwasser, dem Main und anderen Gewässern in Unterfranken abgepumpt wird (BJVreport 4/2024: „Datenlücken, blockierende Behörden und am Ende der Wächterpreis“). Das Team trug mehr als 2000 Daten zusammen und fand heraus, dass die Behörden in Unterfranken in Mehrheit selbst nicht wissen, ob sich Landwirte, Winzer, Privatleute, Gemeinden und Industrie an die genehmigten Mengen halten. Auch im Regionalen kann Datenjournalismus den Weg ebnen für investigative Recherchen.

Oder er kann ganz praktischen Servicecharakter für die Leserschaft haben: Wie Jonas Keck, Mitglied der Main-­Post-Schwerpunktredaktion berichtet, warf die Reform der Grundsteuer bei jedem Einzelnen die Frage auf: Wie viel muss ich künftig zahlen? Drei Volontär*innen entwickelten deshalb einen Grundsteuer-Rechner, damit können Nutzer*innen bei Eingabe wesentlicher Daten seither die Höhe der Grundsteuer für sich ermitteln. Eine interaktive Karte zeigt außerdem, wie unterschiedlich die Hebesätze in Unterfranken sind.

Für Jonas Keck liegt im Datenjournalismus überdies die Chance, den öffentlichen Diskurs auf eine faktenbasierte Grundlage zu stellen: „Statt Meinungen oder Einzelfällen werden systematische Analysen genutzt. Das stärkt die Glaubwürdigkeit von Medien.“ Gleichzeitig sei die Dokumentation, welche Daten wann und wie beschafft und wie sie strukturiert, gefiltert und analysiert wurden, sehr aufwändig – aber unverzichtbar.

Dieser Artikel erschien im BJVreport 2/2025.
 




Drei praktische Tipps fürs erste Datenjournalismus-Projekt

Datenjournalist Max Donheiser und Klimajournalistin Katarina Huth von Correctiv empfehlen:

  • 1. Bevor du mit der Analyse beginnst, ist es wichtig, die Quelle der Daten zu verstehen. Woher kommen sie? Wie wurden sie erhoben? Gibt es mögliche Verzerrungen oder Fehler in den Daten? Stelle sicher, dass du die Methodologie hinter den Daten überprüfen kannst und kläre, ob sie zuverlässig sind.
  • 2. Dann ist es wichtig, die Geschichte in den Daten zu finden. Sie sollte möglichst relevant für deine Zielgruppe sein.
  • 3. Vermeide es, Schlussfolgerungen zu ziehen, die nicht durch die Daten gestützt werden. Sei vorsichtig mit Korrelationen, die keine Kausalität beweisen. Teste immer deine Hypothesen und Annahmen. Überlege, wie du deine Ergebnisse validieren kannst, um sicherzustellen, dass sie korrekt sind.
Bayern
Online-Journalismus Landesverband Bayern

Weitere Artikel im BJV-Blog

Pressefoto Bayern
Pressefoto Bayern

23.01.2026

„Pressefotos verleihen Ereignissen ein Gesicht“

Bereits zum 18. Mal gastiert die Ausstellung Pressefoto Bayern in Nürnberg.

Mehr
Fachgruppe Rundfunk
Fachgruppe Rundfunk

22.01.2026

Backstage bei „Aktenzeichen XY“

Ein unvergesslicher Abend hinter den Kulissen der ZDF-Fahndungssendung „Aktenzeichen XY… Ungelöst“!

Mehr
Verlag Nürnberger Presse
Verlag Nürnberger Presse

19.12.2025

„Das härteste Jahr, das die Mitarbeitenden der VNP erlebt haben.“

Bei einer Betriebsversammlung am Donnerstag erklärten Geschäftsführung und Betriebsrat den geplanten Stellenabbau. Was Betroffene jetzt tun können.

Mehr
Pressefoto Unterfranken
Pressefoto Unterfranken

19.12.2025

Mehr als nur schöne Bilder

Die Aufnahme mit dem Titel „Tracht hält dicht“ des Schweinfurter Bildjournalisten Josef Lamber ist das Pressefoto Unterfranken des Jahres 2025.

Mehr
News
News

05.12.2025

BR-Kolleginnen erhalten Hanns–Joachim-Friedrichs-Preis 2025

Der BJV gratuliert Sophie von der Tann und Katharina Willinger

Mehr
Meinung
Meinung

03.12.2025

Mehr Mut, bitte!

Der BJV-Vorsitzende Harald Stocker ruft die Medienbranche dazu auf, mehr Mut zu zeigen und stärker in den Journalismus zu investieren.

Mehr
Pressefoto Bayern 2025
Pressefoto Bayern 2025

01.12.2025

Verlässliche Bilder in Zeiten von KI-Fakes

Der Bayerische Journalisten-Verband (BJV) feiert im Bayerischen Landtag die Arbeit von Fotojournalistinnen und -journalisten. Pressefoto Bayern zeigt den hohen Wert von Bildjournalismus.

Mehr
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

26.11.2025

Zweitwohnsitz Weltall: Besuch beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Faszination Mond: Die Exkursion nach Oberpfaffenhofen war raketenschnell ausgebucht. Was dort über Raumfahrt aus Bayern und die Kommunikation des DLR zu erfahren war.

Mehr
Bezirksverband Franken-Nordbayern
Bezirksverband Franken-Nordbayern

13.11.2025

Geschichte, Gegenwart und Zukunft

Ein informativer Abend zu "80 Jahren freier Journalismus in Franken".

Mehr
Fachgruppe Print
Fachgruppe Print

05.11.2025

Hans von Draminski ist neuer Fachgruppen-Vorstand

Die Printler:innen wählten in der Panorama-Lounge der Süddeutschen Zeitung ein neues Vorstands-Team.

Mehr
Fachgruppe Rundfunk
Fachgruppe Rundfunk

06.10.2025

Bayerns neues Zentrum für KI in den Medien

BJV-Mitglieder treffen den Leiter des KI-Kompetenzzentrum Medien (KI.M) Jim Sengl.

Mehr
Nachruf
Nachruf

21.09.2025

BJV trauert um Rudi Ammer

Es ist lange her: Ich war noch keine Woche als Volontär bei den Nürnberger Nachrichten (NN), da hatte mir Rudi …

Mehr
Fachgruppe Freie
Fachgruppe Freie

18.09.2025

Sommerfest der Freien im Deutschen Museum

Mitglieder der Fachgruppe Freie treffen sich in München zu einer Museums-Führung und zum Netzwerken.

Mehr
BJVreport
BJVreport

01.09.2025

Ohne METIS-Reform wären nur Krümel geblieben

Experte Ulf Froitzheim erklärt die beschlossenen Neuerungen bei der VG Wort

Mehr
Press Ahead
Press Ahead

28.08.2025

Marius Reichert: So gelingt verständliche Berichterstattung aus der Krise

Ein Gespräch mit dem internationalen Reporter Marius Reichert über News Fatigue, mobile Krisenberichterstattung und Resilienz im Journalismus.

Mehr
BV Franken-Nordbayern
BV Franken-Nordbayern

21.08.2025

Geschichtliches Erbe, modern präsentiert

2027 wird das Germanische Nationalmuseum 175 Jahre alt - und aufwändig saniert. BJV-Mitglieder bekamen einen exklusiven Einblick in die Umbau-Pläne. Inklusive Reise unter die Erde.

Mehr
BJVreport
BJVreport

19.08.2025

Pressefoto Bayern wird digital

Neue Regularien: Harald Stocker sagt, was sich ändern soll.

Mehr
BJVreport
BJVreport

12.08.2025

Fragen, Bedenken, Aufbruchstimmung

Die umstrittene Reform im Regionalen der Süddeutschen Zeitung ist umgesetzt – intern geräuschloser als gedacht.

Mehr
Press Ahead
Press Ahead

04.08.2025

Sichtbar werden, sichtbar bleiben

So gelingt Personal Branding im Journalismus.

Mehr
BJVreport
BJVreport

30.07.2025

Wenn die Polizei um 6 Uhr früh vor der Haustür steht

Was man als Journalist*in bei einer Hausdurchsuchung beachten sollte.

Mehr