BJVreport
Mit der Flottenstrategie zum Einheitsprogramm?
Ein Artikel aus dem BJVreport von
Maria Goblirsch


Bayerns lokale Radiosender stecken in der Kostenfalle
Wäre es nach den ersten Planungen aus dem Jahr 2018 gegangen, hätten Hörer*innen in Bayern bereits 2025 keine lokalen Radiosendungen mehr auf UKW empfangen können. Die Frequenzen sollten abgeschaltet werden, der Empfang der rund 100 Radioprogramme nur noch über DAB+ möglich sein. Dann zeigte sich, dass der UKW-Empfang für etliche Anbieter weiterhin unverzichtbar war, um eine möglichst große Zahl an Nutzer*innen zu erreichen.
Gut 40 Prozent der Menschen in Bayern ab 14 Jahren hörten 2023 noch Radio nur über UKW. Bis 2030 wird erwartet, dass sich diese Zahl halbiert, so die „Audiostrategie 2025“ der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM). Nach heftigen Protesten der Sender wurde die so genannte „Migration“ hin zu DAB+ auf das Jahr 2030 (mit der Option der Verlängerung um zwei Jahre) verschoben, Lizenzen für die UKW-Verbreitung wurden neu vergeben.
Doppelbelastung als Problem
Für die lokalen Radiosender ohne Möglichkeit der Querfinanzierung hat das massive wirtschaftliche Folgen. „Wir sind derzeit in einer Übergangsphase: Ohne UKW könnten wir Lokalradios noch nicht überleben, gleichzeitig wird DAB+ immer wichtiger. Deshalb zahlen wir alle momentan für zwei Übertragungswege. Nachdem die Situation auf dem Werbemarkt nicht einfacher wird und die Förderung für DAB+ mittlerweile geringer ausfällt, kann diese Doppelbelastung für einige Sender schon zum Problem werden“, sagt Andreas Nickl, Studioleiter Funkhaus Rosenheim (Radio Charivari/Radio Galaxy) und Geschäftsführer Alpin FM.
Bei den UKW-Verbreitungskosten sind Sender, die auf dem Land oder im bergigen Gebiet sind, deutlich benachteiligt. Sie zahlen ein Vielfaches dessen, was für Sender in Ballungsgebieten an technischen Kosten anfällt. „Es ist vollkommen klar, dass beispielsweise die Verbreitung im Allgäu, wo ich vielleicht sieben oder acht UKW-Sender zur Abdeckung benötige, wesentlich teurer ist als etwa in München, wo ich über einen einzigen Sender am Olympiaturm über dreieinhalb Millionen potenzielle Hörer erreichen kann. Das ist aber nichts Neues, das sind die Rahmenbedingungen, die für einen Sender im ländlichen Raum wesentlich schwieriger sind. Letztlich hängt es mit der Topografie des Verbreitungsgebiets zusammen“, erklärt BLM-Präsident Dr. Thorsten Schmiege.
Die Steigerung bei diesen Kosten läge unter der Inflationsrate. Für Mitte 2025, wenn neue Verträge abgeschlossen sind, sei eine Minderung der Verbreitungskosten in Höhe von minus zehn bis 12,5 Prozent zu erwarten. Die UKW-Verbreitungskosten werden nur für gemeinnützige Angebote gefördert, die Kosten für die Ausstrahlung über DAB+ in Bayern noch subventioniert.
„Vielfalt heißt für uns nicht Survival of the fittest.“ Dr. Thorsten Schmiege, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien
Der BJVreport fragte bei der BLM an, welche zehn lokalen Sender in Bayern die höchsten beziehungsweise niedrigsten Sendekosten pro erreichbarem Hörer zahlen, erhielt aber aus Datenschutzgründen keine Antwort. Die zähe Recherche bei einzelnen lokalen Sendern ergab, dass Anbieter in Ballungsgebieten nur einen Cent pro erreichbarem Hörer zahlen, während für solche in ländlichen Gebieten zwischen 50 Cent und einem Euro fällig werden. Das massive Ungleichgewicht bei den technischen Kosten führt dazu, dass in Zeiten zurückgehender Einnahmen aus Werbung Regionen Radiosender verlieren, wenn diese aufgrund der Topografie überdurchschnittlich hohe technische Kosten haben – egoFM (siehe Seite 25) und RSA waren wohl nur der Anfang.
So benötigte der Regionalsender RSA im Allgäu 13 Masten, um auch in den Randbereichen seines Sendegebietes in hoher Qualität empfangen werden zu können. Dieses Manko und sinkende Werbeeinnahmen führten dazu, dass der zur Mediengruppe Allgäuer Zeitung gehörende Kanal Ende 2024 den Betrieb einstellen musste. Es war nicht der erste Sender, der 2024 vom Markt verschwand. Andere kämpfen gerade um ihre Existenz.
Auf Kostendruck und sinkende Einnahmen haben die großen Sender als Antwort eine „Flottenstrategie“, die auch von dem früheren BLM-Präsidenten Siegfried Schneider favorisiert wird. Danach solle es mit Arabella, Charivari, Gong und Galaxy vier Hauptketten geben, die die kleineren Sender, an denen sie als Gesellschafter Anteile haben, mit einem einheitlichen Programm beliefern. Die kleinen Sender würden zu „Ablegern“. Was noch pro Radiosender bliebe, wären die Morning Show und vielleicht noch eine Abendsendung zur Drive time.
Studie noch unter Verschluss
Dazu soll es bereits eine Studie geben, die aber noch unter Verschluss gehalten wird. Der BLM wurden die Pläne bisher nur mündlich mitgeteilt – das entsprechende Projektpapier liege noch nicht vor. Doch eines stellt BLM-Präsident Dr. Thorsten Schmiege klar: „Vielfalt heißt für uns nicht Survival of the fittest. Wir haben den Anspruch, dass die Vielfalt der bayerischen Lokalrundfunkbranche auch dank kleinerer Anbieter, die nicht im Mainstream mitschwimmen, erhalten bleibt.“
Was die Flottenstrategie angeht, sei er zurückhaltend. „Der Gedanke dahinter ist ja, dass ich einen Markennamen habe, den alle in Bayern kennen und der mehr zieht als der ursprüngliche Name. Wenn ich dann das Programm vereinheitliche und am Ende die Nachrichten aus einem ganz anderen Regierungsbezirk eingesprochen werden, dann kann das die Lokalität gefährden und die Grenzen einer sinnvollen Kooperation sprengen“, sagt er. Die BLM sehe es kritisch, „Redaktionen zusammenzulegen oder Redaktionen zu schließen. Denn der Kern, das Alleinstellungsmerkmal von Radiosendern, ist ja ihre Lokalität und die Unterscheidbarkeit. Das erwarten die Hörerinnen und Hörer.“
Seit 1991 liefert die Dienstleistungsgesellschaft für Bayerische Lokal-Radioprogramme mbh & Co.KG (BLR) in Garching bei München bayerische und überregionale Programminhalte, da die wenigsten Sender aus eigener Kraft für 24 Stunden an sieben Tagen produzieren können. Sie bietet ein Mantelprogramm einschließlich der Musikplanung, tatsächlich nutzen fast alle bayerischen Lokalradios etwa die Weltnachrichten, auch die Beiträge aus Politik, Sport, Kultur oder Börse sind sehr beliebt.
Das Angebot der BLR sollte nach dem Willen der BLM eher noch ausgebaut werden. Ob das bei einer Umsetzung der Flottenstrategie noch Sinn macht?
Dieser Artikel erschien zuerst im BJVreport 2/2025.