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Die Gründerin des Lokalblog-Nürnberg, Alexandra Haderlein
Mit dem „Lokalblog Nürnberg“ hat die Journalistin Alexandra Haderlein ein Herzensanliegen verwirklicht
Foto: 
Screenshot Michaela Schneider

Fachgruppe Freie

Lokalthemen ja – aber anders

In der FREIstunde der BJV-Fachgruppe freie Journalist*innen erzählte Gründerin Alexandra Haderlein, wie sie das Lokalblog Nürnberg aufbaute

München, Nürnberg, 13.01.2021

„Ich finde es sensationell, was ihr macht. Bitte glaubt weiterhin an euch!“: Viel positives Echo erfuhr die Nürnbergerin Alexandra Haderlein in der jüngsten FREIstunde der Fachgruppe freie Journalist*innen im BJV, an der 24 Kolleg*innen teilnahmen.

Ein Jahr ist es her, dass sich die Journalistin entschloss, ihre Redakteursstelle bei den Nürnberger Nachrichten aufzugeben, den Schritt in die Selbstständigkeit wagte und mit dem Online-Medium Lokalblog Nürnberg ein Herzensanliegen verwirklichte. In der FREIStunde sprach sie nun über ihren Weg zum eigenen Start-up.

„Demokratie nichts Grundgegebenes“
Volontiert hatte Haderlein bei den Nürnberger Nachrichten im Lokalen, anschließend arbeitete sie im Verlag als Multimediaredakteurin. Damals träumte sie noch davon – „angefixt“ durch zwei Pressereisen, wie sie erzählte –, eines Tages als Korrespondentin im Nahen Osten zu arbeiten. Zudem sei sie glühende Europäerin, reiste auch in wenig touristische Ecken und habe immer wieder erfahren müssen, dass Pressefreiheit und Demokratie nichts Grundgegebenes seien.

Was aber hat das mit einem Lokalblog zu tun? Haderleins großes Anliegen ist es, auch junge Zielgruppen mit ihrem journalistischen Angebot und, damit einhergehend, mit zentralen Werten der Demokratie zu erreichen. „Wir treten ein für Unabhängigkeit, Vielfalt, die Stärkung der Demokratie und ein neues, faireres Miteinander. Wir stellen uns vehement gegen Klischees, Hass, Fake News, Panikmache und Radikalismus“, wirbt sie auf lokalblog-nuernberg.de.   

Spontan in die Selbstständigkeit
Im eigenen Verlag habe sie ihre Ideen nicht in dem Maß umsetzen können, wie sie das wollte, ihr habe die Veränderungsmöglichkeit gefehlt, erzählt die Journalistin. Zu dem Zeitpunkt war sie Mentee im Mentoring-Programm des BJV und arbeitete eigentlich mit ihrem Mentor Alexander von Streit am langsamen Ausstieg aus der Festanstellung. Als sich bei den Nürnberger Nachrichten für sie die Möglichkeit auftat, mit Abfindung auszusteigen, verließ sie das Haus dann viel früher als zunächst angedacht.

Stipendien und Förderungen
Und dann kam eins ums andere zusammen: Beim Media Lab Bayern konnte sie im Frühjahr 2020 ein zweimonatiges, bezahltes Research & Development Fellowship absolvieren und die Vorarbeiten fürs Startup leisten, seit Mai ist sie Stipendiatin des „Digital Journalism Fellowship“ der Hamburg Media School, ab Juli folgte eine Förderung über das EU-Programm „Stars4media“ und schließlich ergatterte sie im Spätsommer auch noch das Grow-Stipendium des Netzwerk Recherche und der Schöpflin-Stiftung.

Lokalthemen ja – aber anders
Was aber ist nun eigentlich das Besondere am Lokalblog Nürnberg? Vorausgegangen war die Befragung von 120 Millennials, sprich jener Altersgruppe, der Haderlein selbst angehört. Heraus kam: Junge Leute interessieren sich durchaus für Lokaljournalismus – nur eben nicht, wie er im Allgemeinen von den klassischen Medien gemacht wird. Weder lieferten Zeitungen die für die Millennials relevanten Themen, noch nutzten sie deren Kanäle, noch passe die Form der Ansprache.

Konstruktiver Journalismus
Was interessiere, seien lokaljournalistische Themen, die morgen noch relevant sind, konkretisierte Haderlein. Konstruktiv seien beispielsweise „Handlungsansätze gegen den Klimawandel in der Region statt Kaninchenzüchterverein“. Und Haderlein beschloss, sich rundum dem konstruktiven Journalismus zu verschreiben, denn sie beobachtete: Nachrichten erzählten alles Schlechte dieser Welt, häufig ohne Handlungs- und Lösungsansätze zu liefern.

„Texte bleiben bei der Beschreibung des Problems stehen“, sagte sie. Darauf hätten junge Leute keine Lust – und wanderten in Folge von journalistischen Angeboten ab.

Journalist*innen auf Augenhöhe
Haderlein und ihr Team wollen es bewusst anders machen – und so setzten sie sich etwa beim Thema Klimawandel mit der Ist-Situation des Nürnberger Stadtwalds auseinander, befragten aber zum Beispiel zudem Forschungseinrichtungen, wie diese den Wald für die Zukunft rüsten.

Zudem ist dem Lokalblog-Nürnberg-Team Partizipation extrem wichtig. „Wir wollen Nutzer*innen zum Mitmachen auffordern als Journalist*innen auf Augenhöhe“, betont Haderlein. Vor Recherchen fragt ihr Team verschiedene Perspektiven ab, auch in die Themenauswahl selbst werden die Nutzer*innen eingebunden.

Gemeinnützigkeit anvisiert
Mittlerweile gehört zur Redaktion ein interdisziplinäres zwölfköpfiges Team, das laut Haderlein getrieben sei „vom Idealismus, dass Lokaljournalismus eine Zukunft hat“.

Einen Mitarbeiter hat Haderlein inzwischen drei Tage die Woche in Teilzeit angestellt. Zum jetzigen Zeitpunkt finanziere sie ihn über ihr Privatvermögen, sagt die Journalistin, „weil ich an die Idee glaube“. Nun strebt das Start-up den Status einer gemeinnützigen GmbH an. Den Fuß hätten sie bereits in der Tür, ist Haderlein optimistisch und hofft, hier Pionierarbeit leisten zu können: Deutschlandweit hat bislang kein anderes lokaljournalistisches Angebot die Gemeinnützigkeit zuerkannt bekommen. 

„Es fühlt sich an wie ein Märchen“
Derzeit arbeitet das Lokalblog-Nürnberg-Team am Relaunch, um sich noch professioneller aufzustellen und liebäugelt mit einem mitgliederfinanzierten, werbefreien Modell basierend auf dem Prinzip „pay what you want“. Allerdings betont die Nürnbergerin auch: Alles sei offen und ändere sich täglich.

Und während andere das Pandemie-Jahr 2020 am liebsten aus dem Gedächtnis streichen würden, sagt Haderlein im Rückblick auf ihre ersten zwölf Monate als Gründerin und inzwischen Geschäftsführerin: „Es fühlt sich an wie ein Märchen.“

Michaela Schneider

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