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Türkei: Mit einem Bein stets im Gefängnis
Trotz schwieriger Bedingungen optimistisch: Türkische Nachwuchsjournalisten und Colin Dürkop (rechts im Bild) Foto: Maria GoblirschMünchen - Im Rahmen eines Studien- und
Dialogprogramms der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS)
besuchten am Montag fünf türkische Nachwuchsjournalisten, eine
Vertreterin des Türkischen Journalisten-Verbands und der Leiter
des Auslandsbüros Türkei der KAS, Dr. Colin Dürkop den BJV. Im
offiziellen Programm hieß es „Die Aufgaben des BJV als
Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten“, freilich
informierten sich die BJV-Teilnehmer in dem knapp zweistündigen
Gespräch auch über die Situation ihrer türkischen
Kollegen.
Rainer Reichert, Vorsitzender des Arbeitskreises
(AK) Europa im BJV und DJV erklärte die Aufgaben,
Arbeitsweisen und die föderale Struktur von BJV und DJV.
Regelrecht verwundert waren die türkischen Gäste darüber, dass
unsere Gewerkschaft kein allgemeinpolitisches Mandat wahrnimmt
und sich etwa bei Themen wie Atomausstieg nicht äußert und auch
nicht mit den Erklärungen von NGOs gemein macht. „Wir äußern
uns nur zu Themen, die tatsächlich unseren Berufsstand
betreffen“, erläuterte Maria Goblirsch, Beisitzerin im
Landesvorstand und stellvertretende Vorsitzende des AK Europa.
So engagiere sich der BJV etwa auch bei Themen wie
Vorratsdatenspeicherung
Wolfgang Grebenhof, stellvertretender Vorsitzender der Fachgruppe
Betriebs- und Personalräte im BJV, sowie Beisitzer im DJV-Bundesvorstand,
schilderte den türkischen Kollegen wo es bei uns hakt: „Der
Redakteur ist zu teuer, sagen die Verleger“. Auch bei Freien
Journalisten und bei Onlinern werde an allen Ecken und Enden
gespart. Diese Rahmenbedingungen erschwerten zunehmend das
journalistische Arbeiten. „Wir kämpfen dafür, diese Zustände zu
verbessern“, sagte der Zeitungsredakteur und verwies auf den
Tarifstreit bei den Tageszeitungen: „Das war der größte Streik
seit 20 Jahren, aber bereits 2013 wird es die nächste
Tarifauseinandersetzung geben“. Von der stetig steigenden
Arbeitsbelastung einer Lokalredakteurin berichtete Margit
Conrad, stellvertretende
Bezirksvorsitzende München-Oberbayern und Mitglied des
Geschäftsführenden Vorstandes im BJV. So müssten bei ihrem
Arbeitgeber Print-Redakteure gleichzeitig neben den Texten für
die Print-Ausgabe noch zusätzlich eigene, verkürzte Versionen
für den Online-Auftritt ihrer Zeitung erstellen.
Prekäre Situation für türkische
Journalisten
Dennoch ist das journalistische Arbeiten in Deutschland mit dem
in der Türkei nicht zu vergleichen, das war den BJV-Kollegen –
neben den vorgenannten nahm auch
Online-Fachausschussvorsitzender Thomas Mrazek an dem Treffen
teil – natürlich schon im Vorfeld klar.
Auf dem Kongress der Europäische Journalisten-Föderation
(European Federation of Journalists – EFJ) in Istanbul im April
2010 wurde durch die türkischen Kollegen auf unzureichende
Bedingungen für die Gewerkschaftsarbeit hingewiesen und die
hohe Zahl inhaftierter türkischer Journalisten beklagt. Als
DJV-Vertreter in der EJF nahm Rainer Reichert an diesem
Kongress teil. Die Situation hat sich seither noch verschärft.
Zuletzt war von
70 inhaftierten Kollegen die Rede.
Die türkischen BJV-Gäste bestätigten die schwierige Situation
in ihrem Heimatland. Zumeist würden Journalisten unter
fadenscheinigen Gründen verhaftet und dann in bis zu drei
Jahren dauernde Untersuchungshaft genommen. Nicht selten werde
den Journalisten die Mitgliedschaft in einer kriminellen
Vereinigung unterstellt. Auch die weiteren Rahmenbedingungen
für das journalistische Arbeiten seien alles andere als gut: Es
gibt keine Tarifverträge, die Bezahlung ist häufig schlecht,
der Organisationsgrad der Medienschaffenden ist gering.
Presseausweise, die etwa bei der politischen Berichterstattung
unerlässlich sind, werden von der Regierung ausgegeben.
Anzeigen vom Amt
Von einem Presse- und Anzeigenamt erhalten lokale Zeitungen
ihre Anzeigen zugewiesen, vorausgesetzt es erfolgt eine
regierungsfreundliche Berichterstattung. Eher unpolitische
Anzeigenblätter erschienen als Konglomerat „zusammengeklauter
Artikel“ oder völlig „journalismusfremde Unternehmer“ nutzten
solche Blätter für ihre Selbstdarstellung. Zumindest hier seien
aber künftig „für den Journalismus zuträgliche Reformen“ zu
erwarten, berichtete einer der Teilnehmer.
Kolumnitis bei den Tageszeitungen
Das höchste Ansehen in türkischen Zeitungen genießen die
Kolumnisten. Mitunter werden nur wegen ihnen die Zeitungen
gekauft, sie wären regelrechte Stars, erklärten einige der
Teilnehmer. Auch bei Politikern sind die zumeist unkritischen
Kolumnisten beliebt, bieten sie ihnen doch weitere Publizität.
Das Renommee recherchierender Journalisten hingegen sei
miserabel, „sie stehen ganz am ganz Ende der Pyramide“,
verdeutlichte eine Teilnehmerin die Rangfolge im türkischen
Printjournalismus.
Rainer Reichert verwies die türkischen Gäste auf die beim
DJV-Verbandstag verabschiedete Resolution „Inhaftierte
Journalisten und Mediensituation in der Türkei“ (siehe unten,
Resolution: R 14) und sicherte zu, dass BJV und DJV die Lage in
der Türkei weiterhin kritisch beobachten werden. Auf ihrer
einwöchigen Informationsreise besuchen die Journalisten neben
dem BJV unter anderem auch die „Süddeutsche Zeitung“, die
Deutsche Journalistenschule, den Bayerischen Rundfunk, diverse
Politiker in Berlin, sowie den Deutschen Presserat und
Regierungssprecher Steffen Seibert.
Resolution: R 14
Antragsteller: Ralph Bauer, Markus Mauritz, Rainer Reichert,
Hans-Joachim Weber (alle BJV), Karl Geibel (DJV
Baden-Württemberg) und Fachausschuss Europa
Betr.: Inhaftierte Journalisten und Mediensituation in
der Türkei
Der Verbandstag 2011 des Deutschen Journalisten-Verbandes
fordert die türkische Regierung auf, die wegen ihrer kritischen
Berichterstattung inhaftierten 66 türkischen Journalisten
sofort frei zu lassen. Darüber hinaus muss die Republik Türkei
endlich die Verfolgung von Journalisten einstellen. Sie hat die
Freiheit der Presse und der Berichterstattung gemäß Art. 10 der
Europäischen Menschenrechtskonvention zu garantieren.
Quelle: DJV.de:
Dokumentation des DJV-Verbandstags 2011 – 7. bis 9. November
2011 in Würzburg (Download als PDF, 21 Seiten, 112
kb)
Weitere Informationen zum Thema
- Aytürk.de,Würzburg, 14.12.2011: Türkische Nachwuchsjournalisten auf Deutschland-Besuch
- Reporter ohne Grenzen, 17.06.2011: Neuer ROG-Bericht zur Lage der Pressefreiheit in der Türkei: Ein pressefeindliches Rechtssystem bedroht kritische Medien und Journalisten
- Stern.de/AFP, 08.12.2011: Zahl der weltweit inhaftierten Journalisten auf 15-Jahres-Hoch
- Wikipedia: Türkei
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