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Baha Güngör und Thomas Morawski bei der Türkei-Diskussion am 28.06.2018 im Münchner Presseclub
Baha Güngör und Thomas Morawski: „Journalisten werden niemals gebändigt werden“ (Güngör)
Foto: 
Franziska Horn

Fachgruppe Auslandsjournalisten

Die Türkei nach den Wahlen: „Kritisch bleiben!“

BJV-Diskussionsrunde mit Journalist und Buchautor Baha Güngör

München, 02.07.2018

Wie geht es weiter nach den Wahlen in der Türkei? Der BJV lud Baha Güngör, Journalist und Buchautor, in den Münchner Presseclub ein. Thomas Morawski, Fernsehjournalist und früherer Leiter des ARD-Studios Wien, moderierte die Gesprächsrunde.

Baha Güngör
Seit über 40 Jahren berichtet Baha Güngör als Türkei-Berichterstatter deutscher Medien über sein Heimatland. „Berufstürke“ nennt er sich augenzwinkernd. Im September 2017 erschien sein Buch „Atatürks wütende Enkel – Die Türkei zwischen Demokratie und Demagogie“. Güngör nahm bereits an zwei BJV-Veranstaltungen zum Tag der Pressefreiheit teil: Europas Journalisten unter Druck (2018) und „Unliebsame Journalisten verleumdet und ausgeschaltet“ (2016).
Güngör twittert unter: @bahagungor.

Nach den Wahlen vom 24. Juni erfährt das Buch neue Brisanz. Im Schlusssatz zeigte Güngör beinahe Hellseherqualitäten: „Wann wird die Demagogie Erdogans die Demokratie, die für ihn immer nur ein Mittel, nie ein Ziel war, endgültig ausgeschaltet haben? Dann – und erst dann – hat die Türkei ganz verloren“.

„Racheakt“ der „Doppelpasstürken“
Der politische Wahlsieg berge Gefahren, zumal Erdogan rund die Hälfte der Bevölkerung gegen sich habe, erklärte Güngör und erläuterte, warum „Erdogan ist, wo er ist“. Erstaunlich: Überproportional viele „Doppelpasstürken“ stimmten für den umstrittenen Politiker, gleichzeitig aber für die SPD oder linke Parteien. „Ist das ein Problem?“, fragte Morawski.

„Nein, das ist ein Ergebnis – von 60 Jahren verfehlter Integrationspolitik“, antwortete Güngör. Die Pro-Erdogan-Stimmwahl bezeichnete er als „Racheakt, denn Erdogan gibt ihnen, was sie wollen: eine Identität und das Gefühl, nicht nur eine Randgruppe zu sein“.

Mit klaren Worten verwies Güngör auf die innere Logik dieser Wahlen, unter Aspekten wie Syrienkrieg und Flüchtlingsdeal, EU-Beitritt und fortbestehender Putschgefahr. Die breite Zivilgesellschaft sei in diesem Überwachungsstaat geschwächt.

Weggesperrte Journalisten
Und der Journalismus? „Seit Jahrzehnten werden Journalisten in der Türkei ermordet, gefoltert, verjagt – oder verhaftet wie Can Dündar, Denis Yücel und Mesale Tolu. Rund 35 bis 40 Journalisten sind laut Reporter ohne Grenzen in Haft, weitere 150 sind laut Informationen des türkischen Journalistenverbands ohne Anklageschrift in Gefängnissen“, berichtete Güngör. „Doch Journalisten werden niemals gebändigt werden und haben heute ganz andere technische Möglichkeiten“, sagte Güngör.

Während seiner letzten beiden Türkei-Besuche habe auch Güngor Angst gehabt, wurde kontrolliert, bisher nie verhaftet. Der 68-Jährige weiß: „Je mehr Angst sie haben, desto mehr Freiheiten nehmen sie sich heraus“.

Wie können Journalisten mit der wachsenden Autokratie in der Türkei umgehen? „Kritisch bleiben, dabei aber nie unter die Gürtellinie gehen. Nie beleidigen. Das ist eines Journalisten unwürdig“, riet Güngör. Morawski beendete den Abend mit einem Appell: „Wir haben zwar nicht die türkische Regierung, aber das Volk zu lange allein gelassen. Das müssen wir ändern!“

Franziska Horn

Türkei-Berichterstattung unabhängiger bzw. oppositioneller Medien

  • Özgürüz: Exil-Medium des ehemaligen Cumhuriyet-Chefredakteurs Can Dündar aus Berlin, auf Deutsch und Türkisch
  • taz.gazete: Projekt der Taz zur Unterstützung verfolgter türkischer Journalisten, auf Türkisch und Deutsch:
  • „Türkei unzensiert“:Plattform für unabhängige Informationen über die Lage in der Türkei), von WDR COSMO, auf Deutsch und Türkisch.

Schlagworte:

Türkei | Pressefreiheit

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