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Seit 2003 arbeitet ARTE in diesem Gebäude in Straßburg, in der Nähe befindet sich das Europäische Parlament
Foto: Maria Goblirsch

Aktuell

Auf den Spuren des Giraffenmanns

BJV-Kolleg*innen besuchen ARTE-Zentrale in Straßburg

Straßburg, München, 15.02.2019

Die etwa fünf Meter hohe Figur steht auf einem Hocker, trägt eine schwarze Hose und ein weißes Hemd, mit dem Hals und Kopf einer Giraffe. Die „Homme – girafe“, wie das Werk von Stephan Balkenhol auf dem Vorplatz der ARTE-Zentrale am Straßburger Quai Chanoine Winterer heißt, entstand 2006 im Auftrag von ARTE und dem Centre Européen d'Actions Artistiques.

Der Giraffenmann steht für das friedliche Nebeneinander von Vertrautem und Fremdartigem. Er ist Symbol für das Anliegen des deutsch-französischen Senders ARTE, durch Kultur und ein innovatives Programm das Verständnis und die Annäherung zwischen den Menschen in Europa zu stärken (siehe auch ARTE-Booklet).

Beim ARTE-Informationstag konnten sich 15 Kolleginnen und Kollegen aus dem BJV am 11. Februar 2019 ein Bild davon machen, wie der öffentlich-rechtliche Kulturkanal arbeitet und was ihn strukturell von deutschen Sendern unterscheidet.

Dass sich die BJV-Vertreter nach 2015 und 2017 auch in diesem Jahr wieder über ARTE informieren konnten, geht auf die Initiative des langjährigen BJV-Vorsitzenden Dr. Wolfgang Stöckel zurück, der u.a. von 2013 bis 2017 als Vorsitzender an der Spitze des Programmbeirats des Senders stand.

Bonjour, Hallo, Cześć oder Hola – Sechs Sprachen zur Auswahl
360 Millionen Menschen und damit 70 Prozent der Europäer könnten heute ARTE in ihrer Muttersprache erleben, betonte Laurent Ehresmann, Leiter der Hauptabteilung Finanzen in seinem Referat zur Struktur des Senders.

Neben dem vollständigen TV-Programm auf Deutsch und Französisch gebe es jährlich mehrere Hundert Stunden Magazine, Dokumentationen und Kultur-Events wie Opern oder Festivals mit Untertiteln in Englisch, Spanisch, Polnisch und Italienisch.

So manches sei anders bei ARTE, das 1991 als Symbol der deutsch-französischen Freundschaft gegründet wurde und auf einem zwischenstaatlichen Vertrag zwischen Frankreich und den elf westdeutschen Bundesländern basiert. Der Sender setzt sich aus der Zentrale ARTE GEIE und den beiden Mitgliedern ARTE France und der ARTE Deutschland TV GmbH zusammen.

Die Straßburger Zentrale entscheidet über Programm-Strategie, -Konzeption und -Planung und ist für die Ausstrahlung der Sendungen, die Programmpräsentation und die Sprachbearbeitung zuständig, erklärte Ehresmann. In Straßburg entstünden 20 Prozent des Programms, darunter die Nachrichten und Koproduktionen mit europäischen Partnern in Irland, Belgien, Finnland, Polen, der Tschechischen Republik, Griechenland, Österreich, der Schweiz und Italien.

ARTE ist autonom und sendet werbefrei
ARTE ist autonom, regelt seine Finanzen selbst und unterliegt auch nicht der Kontrolle der Rechnungshöfe. Der öffentlich-rechtliche Sender finanziert sich, wie der Referent beim Informationstag erklärte, zu 95 Prozent über den in Deutschland und Frankreich erhobenen Rundfunkbeitrag („Mediengebühr“).

Werbung gibt es keine, der Sender hat aber, etwa durch Sponsoring, auch eigene Einnahmen. Beide Mitglieder, ARTE Deutschland und ARTE France liefern 40 Prozent des Programms zu, produzieren oder kaufen die gleiche Programmmenge für den Sender ein und finanzieren gemeinsam die Zentrale ARTE GEIE in Straßburg.

Arbeitssprachen sind Deutsch und Französisch
Wie sich der tägliche Sendebertrieb abspielt, erläuterte Clémence Haacke, Kommunikationsbeauftragte Presse und PR, den BJV-Besuchern bei einem Rundgang durch Studios und die Senderegie. Programmschema und Informationsangebote basierten auf den unterschiedlichen Sehgewohnheiten und „Primetimes“ in Frankreich (20.50 Uhr) und Deutschland (20.15 Uhr).

Arbeitssprachen seien Deutsch und Französisch. Jedes Papier, jeder Text durchlaufe drei Stufen bei ARTE: Es werde zunächst in der Originalsprache des Autors verfasst, anschließend vom Sprachendienst übersetzt und dann noch einmal vom Verfasser verifiziert – ein gigantischer Aufwand.

Viele Beiträge würden von Redakteuren und Freien der Kooperationspartner wie ARD oder ZDF produziert und zugeliefert oder liefen über den Programmaustausch – was die relativ geringe Zahl von fest angestellten Journalisten erklärt. Und die verdienen in der Regel deutlich weniger als ihre Kolleginnen und Kollegen bei öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland.

Der Wahrheit so nah wie möglich kommen
Einen Überblick über das Nachrichtenangebot gab Uwe Lothar Müller, stellvertretender Abteilungsleiter ARTE Reportage. Eitelkeit sei die größte Verführung aller Berufe, das sei auch im Journalismus nicht anders, sagte er mit Blick auf den Fall des Claas Relotius.

„Es kommt darauf an, über die Wahrheit zu berichten, ihr dabei so nah wie möglich zu kommen und nicht zu vereinfachen“; betonte Müller. Das sei heute wichtiger denn je geworden.

Er beschrieb an Beispielen aus ARTE Info und ARTE Reportage, wie die Teams arbeiten und wie die Verifizierung der Beiträge geschieht. Interessant gestaltete sich auch ein Vergleich öffentlich-rechtlichen Sender in Frankreich und Deutschland.

Arbeitslosengeld für freie Mitarbeiter in Frankreich
So üben in Frankreich der Staat, also Kultusministerium und das Ministerium für Wirtschaft und Finanzen, die Aufsicht aus und sind auch im Aufsichtsrat des Senders vertreten. Das jährliche Budget wird im Parlament verabschiedet, Ziele und Mittel für vier Jahre ausgehandelt.

Die staatliche Aufsichtsbehörde CSA (Conseil supérieur de l’audiovisuel; deutsch Hoher Rat für audiovisuelle Medien) ist nicht nur für den Jugendschutz verantwortlich, sie ernennt auch den Präsidenten (Intendanten). Eine Ausnahme bildet nur ARTE France, wo die Ernennung durch den Aufsichtsrat erfolgt.

Renten werden ausschließlich aus öffentlichen Geldern finanziert, interne Rentenkassen gibt es nicht. Freie Mitarbeiter französischer Sender können in auftragslosen Zeiten Arbeitslosengeld beantragen. Renten, Urlaub und Krankengeld werden von einer spezifischen Kasse („Audiens“) verwaltet.

Und noch einen – positiven - Unterschied gibt es: Bei der Gleichstellung sind uns unsere Nachbarn, zumindest bei ARTE, schon ein Stück voraus: Von den über 400 ARTE-Mitarbeiter*innen in Straßburg sind mehr als die Hälfte Frauen.

Der Informationstag bei dem Sender erfolgte im Rahmen eines Besuchs im Europäischen Parlament.

Maria Goblirsch

Schlagworte:

Europa | ARTE

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