Mitglied werden

BJVreport

Bloß nicht übers Stöckchen springen

26.08.2024
Artikel aus dem BJVreport von
Thomas Mrazek

Im Umgang mit der AfD ist von Medien Pragmatismus und Professionalität gefordert.

Johannes Reichart beschäftigt sich bei seiner Arbeit als Reporter des Bayerischen Rundfunk seit sechs Jahren intensiv mit der AfD. Er war für seinen Sender an verschiedenen Recherchen über die Partei beteiligt, etwa 2021 als der BR AfD-Telegram-Chats enthüllte, die Umsturzpläne gegen den Staat beinhalteten, oder im Februar dieses Jahr als rassistische Parolen in einer Diskothek im Umfeld des AfD-Parteitags in Greding gegrölt wurden. Darüber erzählt er am Tag der Pressefreiheit Anfang Mai auch bei einer Podiumsdiskussion des BJV zum Thema „Feindbild Journalismus – Pressefreiheit unter Druck von rechts außen“ (bjv.de/podium-feindbild). Anlass für den BJVreport, überdies mit Redaktionen über ihren Umgang mit der AfD zu sprechen.

Vorneweg zurück zum Fall Johannes Reichart. Am 1. März hatte der BR in einer Presseausendung mitgeteilt, dass die AfD-Landtagsfraktion und der AfD-Landesverband nicht mehr mit Reichart „zusammenarbeiten“ wollten und man ihm zugleich ein Hausverbot für alle Veranstaltungen der AfD Bayern erteilt habe. „Die Vorsitzende der AfD-Fraktion Katrin Ebner-Steiner hat dem BR vergangene Woche mitgeteilt, ein Mitarbeiter aus der Redaktion Landespolitik habe sie beleidigt.“ Der AfD-Landesvorsitzende Stephan Protschka sprach dem BR-Experten die Objektivität ab.

Die konkreten Vorwürfe gegen den Reporter wurden nicht offen kommuniziert. Sie seien „völlig abwegig“, sagt Reichart, er habe eine eidesstattliche Versicherung für deren Haltlosigkeit abgegeben. Von Kolleg*innen aus anderen Bundesländern wisse er, dass die Partei ähnlich gezielt auch gegen sie vorgehe. „Diese Strategie gegen einen einzelnen Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist jedoch ohne Beispiel“, sagt der 39-Jährige. Das sei für ihn „nicht ganz einfach“: Kontaktpersonen seien eingeschüchtert; Führungspersonen legten auf, wenn er anrufe. Bei seiner mehrjährigen Arbeit über die in Teilen als rechtsextremistisch eingestufte Partei hat sich der 39-Jährige ein gutes Netzwerk aufgebaut.

Reichart schildert auch, wie Protschka kürzlich vor dem Münchner Verwaltungsgericht ein Interview mit ihm ablehnte, mit seiner BR-Kollegin wollte er jedoch sprechen – es kam kein Interview zustande. Bei dem Prozess ging es um die Klage der AfD gegen die Beobachtung der Partei durch den bayerischen Verfassungsschutz. Der AfD-Telegram-Chat, über den der BR berichtet hatte, war ein Beweismittel in diesem Prozess. „Da sieht man, welche Tragweite so eine Arbeit haben kann“, sagt Reichart. Er selbst werde „unter erschwerten Bedingungen“ versuchen, weiterhin Recherchen zur AfD voranzutreiben. So berichtete er am 1. Juli in der „Tagesschau“ aus dem Gericht, dass die AfD den vorgenannten Prozess verloren habe und somit eine weitere Beobachtung der Partei durch den Verfassungsschutz gerechtfertigt sei.

Fehlende Reife im Umgang mit den Medien

Solche Vorgehensweisen der AfD gegen die Presse scheinen in Bayern bislang eine Ausnahme zu sein. Dennoch macht es die Partei Medien oft nicht einfach, sachlich zu berichten. „Eine fehlende Reife der AfD im Umgang mit Medien und der Öffentlichkeit“, konstatierte im Juni Roland Preuß, Redakteur der Süddeutschen Zeitung im Parlamentsbüro Berlin, in seinem Blatt: „Viele AfD-Funktionäre ziehen sich in die eigene Medienblase zurück, bedienen extremistische und abseitige Portale und Internetsender, in denen man sich gegenseitig bestärkt und niemand dagegenhält. Fragen klassischer Medien wie des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, von Zeitungen und Magazinen beantwortet man nicht oder nichtssagend.“

„Dass die Partei uns das Leben schwer macht, ist nicht der Fall“, sagt indes Gudrun Bayer, Chefredakteurin der Fränkischen Landeszeitung auf Nachfrage des BJVreport. Was sie und ihre Kolleg*innen eher beschäftige, seien Leute, die mit „AfD-Gedankengut“ in Leserbriefen oder den Sozialen Medien kommentierten. Die Redaktionsleiterin bearbeitet diese Einsendungen selbst und beobachtet: „Die können es beispielsweise nicht akzeptieren, wenn ich Leserbriefe ablehne.“ Ansonsten sei es „sehr ruhig“, sagt Bayer. Sie könne bestätigen, dass die AfD journalistische Angebote wie ihre Zeitung nicht benötige: „Die Älteren haben sie schon erwischt und die Jüngeren erreichen sie auf Social Media.“ Der Politikberater Johannes Hillje spricht in einem Fachartikel von einer „digitalen Propagandapartei“. Bayer erinnert sich an die Anfragen ihrer Redaktion an die Kandidaten für Porträts zur Landtagswahl 2023: „Einige antworteten da gar nicht.“

Michael Husarek, Chefredakteur der Nürnberger Nachrichten, erwähnt Probleme, die es bei Fragebögen an Mandatsbewerber der AfD vor Wahlen gab: „Wir drucken keinen AfD-Sprech ab (‚Altparteien‘, ‚Systemparteien‘ oder ähnliches), sondern weisen darauf hin, auf solche Begriffe zu verzichten. Andernfalls verzichten wir auf eine Veröffentlichung.“

Der stellvertretende Chefredakteur der Würzburger Main-Post, Achim Muth, weist darauf hin, dass seine Redaktion keine Informationen zu Aktivitäten der unterfränkischen AfD erhält. „Zudem werden Anfragen nicht selten mit angeblichen Hintergrundinformationen versehen, die allerdings unter Androhung von Rechtsmitteln nicht redaktionell genutzt werden sollten.“ Man frage sich regelmäßig: „Müssen wir über jedes Stöckchen springen, das uns die AfD hinhält?“ Muth verneint, man versuche „die AfD inhaltlich zu stellen”. Dazu gehörten eine intensive Gesprächsvorbereitung sowie Fakten-Checks der getätigten Aussagen. Zum Vorgehen gegen Johannes Reichart hat die Zeitung eine klare Haltung: „Das Verurteilen wir. Unser Münchner Korrespondent wird deshalb, wie viele andere Kolleginnen und Kollegen des Vereins Landtagspresse, die Teilnahme an Hintergrundgesprächen mit der AfD so lang ablehnen, bis die AfD den als ‚unerwünscht‘ erklärten BR-Reporter wieder zu ihren Veranstaltungen zulässt.“

Bei der Berichterstattung über die AfD seien bei seiner Zeitung bislang keine größeren Probleme aufgetaucht, sagt Peter Müller, Chefredakteur der Augsburger Allgemeine. Natürlich könne man sich als Journalist mit gemäßigten AfD-Mitgliedern austauschen, sagt Müller. „Allerdings stellt sich dann die Frage, was sie bewegt, weiterhin Mitglied in einer Partei zu sein, die sich zunehmend radikalisiert.“ Wichtig ist aus Müllers Sicht auch, dass gerade über die Themen berichtet werde, die die AfD stark machen: „Wir berichten kritisch über Themen wie Migration, wir drücken das nicht weg. Wir haben gestandene Lokalchefinnen und Lokalchefs, die wissen sehr gut, wie man auch sensible Themen richtig anpackt.“

Wahlforum mit Björn Höcke

Marcel Auermann ist Gesamt-Chefredakteur der Verlagsgruppe Hof, Coburg, Suhl und Bayreuth (HCSB) und verantwortet die Frankenpost in Hof, die Neue Presse, Coburg, den Nordbayerischen Kurier, Bayreuth und das Freie Wort in Suhl. Probleme mit der AfD gebe es keine. In Thüringen wird am 1. September ein neuer Landtag gewählt. Auermann fällt hier auf, dass sich die AfD gegenüber den Medien zurückhalte, es gebe kaum Pressemitteilungen. Die Partei nutze aber intensiv die Sozialen Medien: „Unter der Hand dürfte es wohl heißen: Die traditionellen Medienmarken müssen wir gar nicht so stark bedienen.“ Für ein Wahlforum des Freien Worts habe die Partei zugesagt. Neben Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und CDU-Spitzenkandidat Mario Voigt soll der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke auf dem Podium sitzen. Der Chefredakteur werde diese Runde selbst mit einem Kollegen moderieren. Ein rechtsextremer Politiker, den man auch als Faschisten bezeichnen darf, auf dem Podium? Auermann sieht es so: „Wir machen ganz neu­trale, unabhängige, überparteiliche Berichterstattung.“ Die AfD nicht einzuladen, fände er angesichts der Umfragezahlen fatal. Die Prognosen in Südthüringen schwankten derzeit bei +/- 30 Prozent für die AfD, „da muss man auch davon ausgehen, dass das +/- 30 Prozent unserer Leser sind“.

Weitere Informationen unter bjv.de/afd-berichterstattung

Dieser Artikel erschien zuerst im BJVreport 3/2024.

Weitere Artikel im BJV-Blog

BJVreport
BJVreport

31.03.2026

Sagen Sie mal: „Schlager ist kein Alleinstellungsmerkmal des BR“

Die frühere Rom-Korrespondentin Anja Miller muss jetzt im Regionalstudio Franken den Sparauftrag der Politik umsetzen.

Mehr
Pressefreiheit
Pressefreiheit

23.03.2026

„Lügner, Aktivist, Terrorist" - Beleidigungen als Kommunikationsstrategie der AfD

Im Kampf um Stimmen bei den bayerischen Kommunalwahlen teilt der AfD-Landesvorsitzende gegen den Bayerischen Rundfunk aus – und legt seine Strategie der Provokation selbst offen.

Mehr
Tarif dpa
Tarif dpa

19.03.2026

Warnstreikaufruf 20.03.

Wir bestreiken die Deutsche Presse-Agentur am 20. März 2026.

Mehr
BR-Tarif 2026
BR-Tarif 2026

18.03.2026

Stillstand bis Juni abgewendet

Der BJV fordert, die Verhandlungen zum Gehaltstarifvertrag bald zu beginnen. Der BR zeigt rasch Einsicht.

Mehr
Franken-Nordbayern
Franken-Nordbayern

13.03.2026

Digitaler Aufbruch beim Verlag Nürnberger Presse

BJV-Mitglieder besuchten das neue Verlagsgebäude des Verlags Nürnberger Presse.

Mehr
BJVreport
BJVreport

11.03.2026

Officestory: Endlich Rom

Elisa Britzelmeier hat bei der Süddeutschen Zeitung einen der begehrtesten Korrespondentenjobs ergattert – und einen besonderen Arbeitsplatz dazu.

Mehr
BJVreport
BJVreport

20.02.2026

Bayerisches Medien-Monopoly

Einige Player haben noch Chancen auf den Sieg: Wie große Medienhäuser ihren Besitz vergrößern und immer mehr Zeitungen, Sender und Online-Portale kaufen.

Mehr
Pressefoto Bayern
Pressefoto Bayern

23.01.2026

„Pressefotos verleihen Ereignissen ein Gesicht“

Bereits zum 18. Mal gastiert die Ausstellung Pressefoto Bayern in Nürnberg.

Mehr
Fachgruppe Rundfunk
Fachgruppe Rundfunk

22.01.2026

Backstage bei „Aktenzeichen XY“

Ein unvergesslicher Abend hinter den Kulissen der ZDF-Fahndungssendung „Aktenzeichen XY… Ungelöst“!

Mehr
Verlag Nürnberger Presse
Verlag Nürnberger Presse

19.12.2025

„Das härteste Jahr, das die Mitarbeitenden der VNP erlebt haben.“

Bei einer Betriebsversammlung am Donnerstag erklärten Geschäftsführung und Betriebsrat den geplanten Stellenabbau. Was Betroffene jetzt tun können.

Mehr
Pressefoto Unterfranken
Pressefoto Unterfranken

19.12.2025

Mehr als nur schöne Bilder

Die Aufnahme mit dem Titel „Tracht hält dicht“ des Schweinfurter Bildjournalisten Josef Lamber ist das Pressefoto Unterfranken des Jahres 2025.

Mehr
News
News

05.12.2025

BR-Kolleginnen erhalten Hanns–Joachim-Friedrichs-Preis 2025

Der BJV gratuliert Sophie von der Tann und Katharina Willinger

Mehr
Meinung
Meinung

03.12.2025

Mehr Mut, bitte!

Der BJV-Vorsitzende Harald Stocker ruft die Medienbranche dazu auf, mehr Mut zu zeigen und stärker in den Journalismus zu investieren.

Mehr
Pressefoto Bayern 2025
Pressefoto Bayern 2025

01.12.2025

Verlässliche Bilder in Zeiten von KI-Fakes

Der Bayerische Journalisten-Verband (BJV) feiert im Bayerischen Landtag die Arbeit von Fotojournalistinnen und -journalisten. Pressefoto Bayern zeigt den hohen Wert von Bildjournalismus.

Mehr
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

26.11.2025

Zweitwohnsitz Weltall: Besuch beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Faszination Mond: Die Exkursion nach Oberpfaffenhofen war raketenschnell ausgebucht. Was dort über Raumfahrt aus Bayern und die Kommunikation des DLR zu erfahren war.

Mehr
Bezirksverband Franken-Nordbayern
Bezirksverband Franken-Nordbayern

13.11.2025

Geschichte, Gegenwart und Zukunft

Ein informativer Abend zu "80 Jahren freier Journalismus in Franken".

Mehr
Fachgruppe Print
Fachgruppe Print

05.11.2025

Hans von Draminski ist neuer Fachgruppen-Vorstand

Die Printler:innen wählten in der Panorama-Lounge der Süddeutschen Zeitung ein neues Vorstands-Team.

Mehr
Fachgruppe Rundfunk
Fachgruppe Rundfunk

06.10.2025

Bayerns neues Zentrum für KI in den Medien

BJV-Mitglieder treffen den Leiter des KI-Kompetenzzentrum Medien (KI.M) Jim Sengl.

Mehr
Nachruf
Nachruf

21.09.2025

BJV trauert um Rudi Ammer

Es ist lange her: Ich war noch keine Woche als Volontär bei den Nürnberger Nachrichten (NN), da hatte mir Rudi …

Mehr
Fachgruppe Freie
Fachgruppe Freie

18.09.2025

Sommerfest der Freien im Deutschen Museum

Mitglieder der Fachgruppe Freie treffen sich in München zu einer Museums-Führung und zum Netzwerken.

Mehr